BELLHEIM RHEINPFALZ Plus Artikel Sprengung und Evakuierung laufen granatenmäßig gut

Zur Mittagszeit war die Evakuierungszone in der Hauptstraße abgesperrt.
Zur Mittagszeit war die Evakuierungszone in der Hauptstraße abgesperrt.

So menschenleer war die Bellheimer Hauptstraße um die Mittagsstunden selten. 314 Anwohner mussten am Dienstag ihre Häuser verlassen, weil der Kampfmittelräumdienst eine Flakgranate aus dem Zweiten Weltkrieg unschädlich machte. Am Ende gab es kein Drama, keine Zwischenfälle und keinen Knall.

In der zur Einsatzzentrale umfunktionierten Spiegelbachhalle laufen bereits am Vormittag die Fäden zusammen: „Von hier aus wird die Evakuierung gesteuert“, sagt Kreisfeuerwehrinspekteur (KFI) Mike Schönlaub. Rund 120 Helfer sind im Ort verteilt im Einsatz, um die Evakuierung zügig und ungefährlich über die Bühne zu bringen. Mitarbeiter der Polizei, des Katastrophenschutzes, des Ordnungsamts und der Feuerwehr sitzen in der Halle vor Computern und Telefonen, besprechen die Lage, allesamt mit FFP2-Masken im Gesicht. Wegen der Corona-Situation sei das Personal auf ein Minimum reduziert. Alle wirken unaufgeregt.

„Bis 12 Uhr sollen die Leute freiwillig raus. Danach klingeln wir an jedem Haus“, erklärt der KFI. Die meisten Anwohner kommen bei Verwandten oder Bekannten unter. Nur sechs Menschen suchen in der Festhalle Zuflucht. Helfer des Deutschen Roten Kreuz (DRK) nehmen sie in Empfang und versorgen sie mit Care-Paketen. Für corona-sicheren Abstand ist gesorgt: ein Haushalt, ein Tisch.

Die Glocken läuten

High Noon in der westlichen Hauptstraße: Punkt 12 läuten die Glocken der Kirchen. Das Evakuierungsgebiet mit einem Radius von 100 Metern ist mittlerweile abgeriegelt. Auch die Obermühlstraße ist betroffen. Neun Wehrleute starten ihren Kontrollgang, klopfen, klingeln an den Türen. Sie wollen sichergehen, dass alle Leute ihre Wohnungen verlassen haben. Eine junge Familie, die ein paar Minuten zu spät dran war, wird zum Auto begleitet. Sonst ist es leise in der üblicherweise stark befahrenen Straße. Nur für den Briefträger und einen Paketboten drücken die Wehrleute kurz nochmal ein Auge zu. „Wir sind da jetzt nicht päpstlicher als der Papst“, sagt Schönlaub. Bis zur Sprengung sind es ja auch noch rund zwei Stunden. „Sobald der Kampfmittelräumdienst anrückt, lassen wir keinen mehr rein.“ Auch keine Journalisten.

In Bellheim wird das gleiche Sprengteam erwartet, das kurz zuvor in Offenbach eine Granate entschärft. Deshalb ist der Blick der Einsatzkräfte ständig auch dahin gerichtet. Um 13 Uhr dann die nächste Besprechung in der Spiegelbachhalle: Bis jetzt lief alles wie am Schnürchen – so lässt sich die Einschätzung von Jürgen Stephany von der Feuerwehr zusammenfassen. Auch zeitlich liegt man voll im Plan. Einzig die Lunchpakete für die Evakuierten und für die Helfer werden langsam knapp, gibt das DRK zu Protokoll. Zusammen mit dem DLRG und den Maltesern kümmern sich die Rotkreuz-Leute um die Versorgung.

Quarantänestation im Fachwerkhaus

DRK-Fahrzeuge parken auch vor dem Bürgerhaus außerhalb der Evakuierungszone. Das beschauliche Fachwerkhaus ist mit rot-weißem Sperrband abgeriegelt. Hier kommen Anwohner unter, die ihre Häuser verlassen müssen, sich aber derzeit in Quarantäne befinden. Das DRK hat sie zuhause abgeholt. Sechs Erwachsene und zwei Kinder warten hier bis die Einsatzzentrale „grünes Licht“ gibt, sagt DRK-Helfer Klaus Walter. Covid-19-Infizierte sind nicht unter den Evakuierten.

Kurz nach 13 Uhr trifft der Kampfmittelräumdienst ein. An der Absperrung bei der katholischen Kirche ist nicht viel los. Schaulustige bleiben zuhause. Ein paar Autofahrer halten kurz und fragen die Polizisten nach der Umleitungsstrecke, ein Radfahrer will wissen, wo genau der „Tatort“ ist. Jenseits der Schranken geht das Leben in der Hauptstraße weitgehend normal weiter: An der Baustelle wird gebaggert, im Multi-Imbiss werden Döner bestellt.

Derweil buddelt der Kampfmittelräumdienst ein Loch für die kontrollierte Sprengung. Die Detonation soll unterirdisch erfolgen. Die Entscheidung der Experten, den Evakuierungsradius von ursprünglich geplanten 300 auf 100 Meter zu verkleinern, war eine Riesenerleichterung für alle Beteiligten, sagt Verbandsbürgermeister Dieter Adam. „Es sind nun nur noch halb so viele Anwohner betroffen. Dazu hätten im alten Radius auch die Brauerei, die Kirchen, die Sparkasse und ein Kindergarten gelegen.“

Warten auf das Signal

Kurz vor 14 Uhr warten alle Beteiligten auf das Startsignal der Einsatzleitung für die Sprengung. 20 Minuten später meldet der Kampfmittelräumdienst, dass diese erfolgreich war. Der große Knall blieb aus, an der Absperrung war nichts zu hören. Schnell ziehen sich Polizei und Feuerwehr zurück, wenig später rollen die ersten Autos wieder durch die Hauptstraße. Das Leben kehrt zurück.

Marco Ofenstein vom Kampfmittelräumdienst hält ein „Souvenir“ der Aktion in Händen: Splitter der Granate. „Sie hatte einen Durchmesser von 3,7 Zentimetern und war nicht transportfähig. Deswegen haben wir uns für die kontrollierte Sprengung entschieden“, sagt der Experte. Durch das Einbuddeln in der Sprenggrube konnte der Gefahrenbereich ein Stück weit reduziert werden. Die Splitter, die dabei entstanden, hätten nicht die Masse gehabt wie die der in Offenbach entschärften Granate.

Bürgermeister Adam wirkt nach der Aktion erleichtert – und ist hochzufrieden mit dem Ablauf. Es war die erste Granate, mit der er als Einsatzleiter zu tun hatte. „Die Behörden und die vielen Helfer haben entspannt, ruhig, diszipliniert und professionell zusammengearbeitet.“ Auch die Bevölkerung habe vorbildlich reagiert und „mitgemacht“. Sein Dankeschön geht an alle Beteiligten, insbesondere die ehrenamtlichen Helfer. In das normale Prozedere noch Hygienekonzepte einzuarbeiten , sei eine besondere Herausforderung gewesen. Der Landesbetrieb Mobilität habe sich sofort bereit erklärt, den westlichen Abschnitt der Südumgehung als Umleitung freizugeben. „Dadurch wurde ein Verkehrskollaps vermieden.“ Eine bemerkenswerte Randnotiz dieses Tages: Eben diese Südumgehung, um die in Bellheim jahrzehntelang gezankt wurde, wurde am Dienstag zum ersten Mal befahren – ohne dass viel Aufhebens darüber gemacht wurde.

Die Spiegelbachhalle wurde zur Leitzentrale.
Die Spiegelbachhalle wurde zur Leitzentrale.
In Bürgerhaus kümmerten sich DRK-Leute um Menschen, die derzeit in Quarantäne sind.
In Bürgerhaus kümmerten sich DRK-Leute um Menschen, die derzeit in Quarantäne sind.
Marco Ofenstein vom Kampfmittelräumdienst zeigt Splitter der Granaten aus Bellheim (links) und Offenbach (rechts).
Marco Ofenstein vom Kampfmittelräumdienst zeigt Splitter der Granaten aus Bellheim (links) und Offenbach (rechts).
Der Verkehr wurde über die Südumgehung umgeleitet. Das war eine Ausnahme. Im Dezember soll die Straße aber offiziell freigegeben
Der Verkehr wurde über die Südumgehung umgeleitet. Das war eine Ausnahme. Im Dezember soll die Straße aber offiziell freigegeben werden.
Blick in die Obermühlstraße: Die Feuerwehrleute schauen, ob alle Anwohner ihre Häuser verlassen haben.
Blick in die Obermühlstraße: Die Feuerwehrleute schauen, ob alle Anwohner ihre Häuser verlassen haben.
Ein Haushalt, ein Tisch. Die Festhalle ist Zufluchtsort für evakuierte Menschen. Abstand wird gewahrt. Nur sechs hatten sich ang
Ein Haushalt, ein Tisch. Die Festhalle ist Zufluchtsort für evakuierte Menschen. Abstand wird gewahrt. Nur sechs hatten sich angemeldet.
120 Lunchpakete werden geschnürt. Viele gehen an die Einsatzkräfte.
120 Lunchpakete werden geschnürt. Viele gehen an die Einsatzkräfte.
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