KANDEL
SPD-Ortsverein feiert 75. Geburtstag
Gefeiert wurde mit Ehrengästen wie Kurt Beck, Alexander Schweitzer oder Thomas Hitschler und vielen SPD-Mitgliedern auch aus der Nachbarschaft. Sie alle durfte Ortsvereinsvorsitzender Armin Reinemuth begrüßen. Es galt auch, Rückschau zu halten auf viele Jahrzehnte des Erfolges, in denen zwei SPD-Bürgermeister die Weichen für die Entwicklung der Bienwaldstadt stellen konnten, aber auch auf herbe Niederlagen.
Angefangen hat alles 1889, als sich Arbeiter in Kandel zusammenschlossen in einem „Arbeiterbildungsverein“. Nach den Jahren der Nazi-Diktatur und dem Verbot der SPD und der Gleichschaltung vieler Vereine formierte sich die SPD auch in Kandel neu. 1946 initiierte Oskar Böhm die Neugründung.
Oskar Böhm initiiert Neugründung
Böhm war schon in seiner Jugend vor dem 2. Weltkrieg politisch aktiv. Bis zu deren Verbot durch die Nazis war er Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) und auch des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold. Zusammen mit einigen Gesinnungsgenossen wie Otto Schweitzer, Emil Picot, Josef Riehm, Karl Dinies, Gregor Werling, Adolf Bruder und Alois Wiebelt lud er ein zur Gründungsversammlung: In einen Schulsaal in der Marktstraße, der heutigen Ludwig-Riedinger-Grundschule. Und man staunte nicht schlecht, dass 31 Kandeler der Einladung folgten. Von diesen traten spontan 23 der SPD bei. Von diesen „Urvätern“ der Kandeler SPD, wie sie immer wieder genannt wurden, lebt heute keiner mehr.
Damals galt es, die Kriegsfolgen zu beseitigen und unter anderem die Wasserversorgung wieder herzustellen. Auch die Müllbeseitigung war ein großes Problem. Der Ortsverein wurde immer stärker, und sein Einfluss auf die Kommunalpolitik in Kandel immer größer. Schließlich wurde Böhm 1952 in den Stadtrat gewählt und 1953 ehrenamtlicher Bürgermeister. Schon 1957 erkannte man, dass die Arbeit nicht mehr ehrenamtlich zu leisten war. Ab 1957 hatte Kandel einen hauptberuflichen Bürgermeister. Böhm wurde immer wieder in dieser Aufgabe bestätigt. Zwischenzeitlich war er, von 1963 bis 1975, auch Mitglied im Landtag und bereits Jahre zuvor auch des Kreistages Germersheim. Nach Bildung der Verbandsgemeinde wählte ihn dessen Rat mit Mehrheit zum ersten Verbandsbürgermeister. Bis zu diesem Zeitpunkt blieb er auch Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Kandel.
Bald darauf aber musste sich der umtriebige und in vielen Funktionen aktive Kandeler entscheiden. Die Trennung von Amt (Bürgermeister) und Mandat (Landtagsabgeordneter) war durch die Verfassung verlangt worden. Und Böhm entschied sich für die Arbeit vor Ort als Chef der Verwaltung in Kandel, blieb es bis zum Erreichen der offiziellen Altersgrenze 1981.
Die Führung des SPD-Ortsvereins hatte er schon 1972 in die Hände jüngerer Kommunalpolitiker gelegt: Genannt seien hier nur seine beiden Söhne Klaus Böhm und Hans Böhm, aber auch Helmut Seidemann, Wilfried Kolb, Peter Frank oder Peter Bender sowie Marion Lüthe. Ehe sich Tielebörger von 2002 bis 2020 in die Pflicht als Vorsitzender des SPD-Ortsvereins nehmen ließ, war er 1981 als Nachfolger von Oskar Böhm zum Verbandsbürgermeister gewählt worden. Vor immerhin schon 40 Jahren.
Im Rathaus der Stadt in der Hauptstraße residierte in den ersten Jahren noch Böhm, jetzt wieder als ehrenamtlicher Stadtbürgermeister von 1981 bis 1989. Dann aber gab es eine Zäsur: Der Stadtrat wählte mit Christa Loreth erstmals eine Frau zur Bürgermeisterin, die dazu noch der CDU angehörte. Und die SPD-Fraktion lernte erstmals nach langer Zeit die harten Bänke der Opposition kennen. Noch zweimal gewann die CDU-Frau die Direktwahlen.
Tielebörger löst CDU-Frau Loreth ab
Nach Loreths Verzicht auf eine erneute Kandidatur 2004 nutzte die Kandeler SPD die Chance und nominierte Tielebörger auch für das Amt des Stadtbürgermeisters. Das blieb er auch nach seinem altersbedingten Ausscheiden als Verbandsbürgermeister bis 2019. In jenem Jahr musste nicht nur Tielebörger selbst sondern auch der SPD-Ortsverein die zweite herbe Niederlage hinnehmen. Der junge CDU-Kandidat (Michael Niedermeier) hatte 2019 die Nase vorn.
In seinem Rückblick auf die Geschichte der Kandeler SPD erinnerte Tielebörger an „gute Jahre für die Stadt“ und ein gutes Miteinander von SPD-Ortsverein und Stadtratsfraktion, deren neuer Vorsitzender Markus Jäger-Hott für eine intensive Diskussion von Sachthemen stehe. Dass die SPD mit Volker Poß bereits den dritten Verbandsbürgermeister seit der Kommunalreform 1972 stelle, sei sicher auch ein Beleg für die intensive Zusammenarbeit innerhalb der SPD-Ortsvereine.
Die Stärke der SPD in Kandel war aber nicht nur den Bürgermeistern zu verdanken, sondern dem Einsatz vieler Mitglieder. Genannt sei hier nur Klaus Böhm. Bei der Matinee zum 75-jährigen Bestehen des Ortsvereins sollte er für seine 60-jährige Mitgliedschaft in der SPD geehrt werden. Doch daraus wurde nichts mehr. Klaus Böhm verstarb im Mai. Geehrt wurde mit Franz Eich ein Mitglied, das dem Ortsverein seit 50 Jahren die Treue hält.