Meinung
Soziale Medien: Der verzweifelte Kampf um die Aufmerksamkeit der Bürger
Diese Frage treibt wohl jede Kommune um: Wie kann man die Bürgerinnen und Bürger dazu bringen, ihre politische Meinung konstruktiv zu äußern? Wie kann man sie dazu bewegen, sich inhaltlich zu beteiligen? Zum Beispiel, in dem man sich einen regional erfolgreichen Influencer ins Boot holt – das sind die Menschen, die tatsächlich mit Filmchen im Netz Geld verdienen –, wie es jüngst die Kandeler Kreisverwaltung und die Verbandsgemeindeverwaltung mit dem „Pfälzer Türk“ gemacht haben.
Teyar Çira alias Pälzer Türk ist Comedian aus Ludwigshafen, spricht Dialekt und sollte in diesem Fall die Jugendumfrage in der Verbandsgemeinde in der Zielgruppe bekannt machen. Also: Unter jungen Menschen, die ja sehr viel Zeit am Mobiltelefon verbringen. Aber auch Kommunalpolitiker im Kreis sind inzwischen sehr kreativ, allen voran Landrat Martin Brandl. Das hat offensichtlich die Stadtspitze von Kandel inspiriert.
Die Stadt Kandel weist auf Instagram schon seit einer Weile auf Veranstaltungen hin oder informiert über Neueröffnungen. Doch nun wurden auch Bürgermeister Michael Gaudier und seine drei Beigeordneten aktiv und haben ein durchaus witziges Reel (kurzes Filmchen) gedreht. Darin schleppt der Beigeordnete Volker Merkel ein Ortsschild von der Verbandsgemeindeverwaltung zur Kreuzung Bahnhofsstraße/Hauptstraße. Dort stehen schon Bürgermeister Gaudier – in knallorangener Warnweste – und der Beigeordnete Jürgen Bauer und unterhalten sich, natürlich im Dialekt. Kurz darauf sind im Hintergrund die Beigeordneten Merkel und Hans Hruschka zu sehen, wie sie auf eine Mauer am Schandfleck kraxeln und ein Schild hochhalten: Schandfleck ist durchgestrichen, darunter steht: „Platz der Demokratie“.
Dabei ist die Geschichte dieser Fläche tragisch: Vor über 20 Jahren waren zwei junge Griechen im Dachgeschoss eines brennenden Hauses erstickt, das sich damals noch an dieser Stelle befand. Das ausgebrannte Wohn- und Geschäftshaus wurde einige Jahre nach dem Feuer abgerissen. Es blieb ein leeres Grundstück, das immer mehr verfiel und nach jahrelangem Hin und Her 2025 von der Stadt erworben werden konnte. Dank des Förderprogramms „Aktive Stadt“ gibt es nun sogar finanzielle Unterstützung bei der Gestaltung des Platzes.
Und genau das ist der Knackpunkt: Teuer darf es nicht sein, soll aber doch den Wünschen der Kandeler entsprechen. Nun hofft man auf Rückmeldungen. Stand Donnerstag bekam das Reel schon 245 Herzchen und wurde 111 mal weitergeleitet. Bislang wurden drei Ideen geäußert: Ein Ort, an dem an die Morde an den beiden jungen Männern erinnert wird. Denn gestorben sind zwei Menschen mit Migrationshintergrund, das Feuer wurde gelegt, auch wenn im Prozess zu dem Fall vieles durcheinander ging. Aber auch ein Bürogebäude wurde gewünscht, sowie „auf jeden Fall etwas Grünes“, dazu zum Beispiel einen Bouleplatz oder Schachtische.
Also, liebe Kandeler, äußert euch. Und falls euch das mit den sozialen Medien zu kompliziert ist: Bürgermeister und Beigeordnete freuen sich sicher auch über Post im Briefkasten des Rathauses.