KREIS GERMERSHEIM
Sommerreisen ohne Schnäppchen
„Die Reiselust ist weiter da. Man sieht es ja auch draußen, die Menschen wollen langsam zur Normalität zurück“, sagt Christine Pilgram vom Reisebüro Schmuck in Wörth. In den letzten Wochen könne sie über Langeweile nicht klagen. „Die meisten buchen kurzfristig und Flugreisen“, beobachtet sie. „Spanien, Griechenland und Italien, das ist der Renner. Auch die Türkei geht gut“, bestätigt der Inhaber des Mobilen Reisebüros in Germersheim, Martin Kraus. „Die Menschen wollen raus, was anderes sehen.“ Die wachsende Ausbreitung der Delta-Variante in Südeuropa steigert die Unsicherheit, doch „keiner will daran glauben. Das hört man und will es dann gleich wieder vergessen“, sagt Bulu Nmaz von Göktur Reisen in Germersheim.
Tipp: Innereuropäisch bleiben
„Stand heute ist die Delta-Variante in den meisten Gebieten noch kein Problem, aber natürlich gibt es die Unsicherheit, wie sich das entwickelt“, sagt Sarah Schüßler vom Reisebüro Hoffmann in Jockgrim. „Ich würde derzeit niemand vom Urlaub abraten, aber würde innereuropäisch bleiben, das kann man im Moment sehr gut bereisen“, empfiehlt sie Reisen auf dem Kontinent.
Dies habe sich auch bei einer Gruppe Portugal-Reisender gezeigt. „Ich hatte die am Sonntag angerufen und sie sind am Montag zurückgeflogen.“ Die Möglichkeiten zur Rückkehr seien innerhalb Europas wesentlich einfacher. „Eigentlich wären sie gerne geblieben, aber dann hätten sie 14 Tage in Quarantäne gemusst. Das wollten sie nicht.“
Trend zu kurzfristigen Buchungen
„Die Quarantänepflicht ist das der Knock-Out für das Reisen“, sagt daher auch Steven Matthes von der Lingenfelder Reiselounge. Trotz der Euphorie für das Reisen seien viele Menschen verunsichert. „Wir empfehlen dringend eine Pauschalreise zu buchen“, wirbt Matthes für die Möglichkeit der kostenlosen Rückkehr und mehr Sicherheit beim Buchen. Die Menschenmassen in den EM-Stadien aktuell seien zwar für ihn nicht nachvollziehbar, doch „man muss auch den Leuten, die geimpft sind, die Chance auf ein normales Leben geben“.
Für die zumeist kurzfristigen Buchungen ist bei den meisten Reisebüros Griechenland die erste Adresse. Für Heinz Sachs von Pit Reisebüro ist das eine vergleichsweise sichere Urlaubswahl. „Ich gebe Griechenland eine große Chance der dauerhaften Öffnung. Das ist relativ sicher und da haben wir relativ viele Buchungen.“
Die kurze Anreise und die zahlreichen Flugverbindungen im Notfall sprechen für einen Urlaub in Mallorca oder auf den Balearen, sagt seine Kollegin Pilgram, die aktuell prinzipiell Inseln bevorzugen würde. Auch die Reisenden suchten vor allem Ziele in Griechenland und Spanien. „Ich habe das Gefühl, dass die Menschen gut informiert sind und sehr gezielt vorgehen“, sagt Kraus. Von einem Erlebnis mit den wenigen außereuropäischen Buchungen weiß Volker Wolff vom Kandeler Reisebüro zu berichten: „Ich hatte Kunden, die eine Reise nach Ägypten gebucht haben, aber jetzt aus Angst vor einer Quarantäne storniert haben.“
Flugreisen in Europa im Trend
Zwar würden „Flugreisen viel mehr als Eigenanreisen gebucht“, doch auch Unterkünfte in Norditalien oder Kroatien, die mit dem eigenen Pkw angesteuert werden können, seien derzeit nachgefragt, sagt Schüßler. „Viele Leute sagen aber, für das Geld können wir auch fliegen.“ Doch gerade Norditalien als „klassisches Autoanreisegebiet“ liege trotz aller Widrigkeiten hoch im Kurs, sagt Wolff. Pilgram sieht auf dem Landweg mehr Risiken als bei einem Flug. „Bei einer Reise nach Kroatien müssen viele Länder durchfahren werden und wir wissen alle nicht, ob nicht doch wieder Grenzen geschlossen werden.“
Doch manche Reisende gingen die Risiken bewusst ein. „Ich habe Kunden, die sitzen derzeit in Portugal fest. Sie sind aber erst ein paar Tage dort gewesen und wollten trotz allem bleiben. Die anschließende Quarantäne haben sie bewusst eingeplant.“
Ein Sommer ohne Schnäppchen
„Günstig reisen kann dieses Jahr niemand“, warnt Nmaz vor einer Erwartung von Reiseschnäppchen. Alle Reiseziele seien sehr voll. „Die meisten Menschen waren letztes Jahr nicht weg. Jetzt will jeder in den Urlaub.“
Diese Beobachtung teilt auch Pilgram. „Sobald ein Land von der Risikoliste gestrichen wird, dann steigt der Preis.“ Dies liege auch daran, dass die Zahl der Flugverbindungen und Hotelplätze noch nicht auf dem Niveau vor Corona angelangt sei. Zudem werde das „kurzfristige Buchen zum teuren Vergnügen“. Die Nachfrage konzentriere sich stark auf dem Sommer. „Für nächstes Jahr bucht man noch nicht“, stellt die Wörtherin fest.
„Über den Tellerrand hinausschauen“
Die hohen Preise gelten auch besonders für Reiseziele in Deutschland. „Innerdeutsche Reisen sind mordsteuer“, sagt Schüßler. „Deutschland am Wasser“ sei praktisch ausgebucht, sagt Matthes. Dies gelte nicht nur für Ziele an der Nord- und Ostsee, sondern auch für alle Seen im Land. „Die Preise sind am Explodieren.“ Er empfehle daher keine Reisen hierzulande. Für weniger Geld böten Flugreisen da „mehr Leistung“.
Auch Pilgram sieht die hohe Nachfrage und Preise, empfiehlt aber auch hierzulande „einen Blick über den Tellerrand hinaus“. Es gäbe beispielsweise zum Wandern schöne und bezahlbare Alternativen im Allgäu, im Bayerischen Wald oder im Sauerland.
Sachs empfiehlt den Reisewilligen bei der Buchung „das Hirn einzuschalten“ und appelliert auch an seine Kollegen: „Wir müssen ehrlich sein, wenn die Menschen zu uns zur Beratung kommen. Ich rate lieber dazu nichts verkaufen, als zwei Wochen später die Probleme auf dem Tisch zu haben.“