VG Lingenfeld / Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Sexueller Missbrauch: „Wir sind nicht Schuld, haben aber Verantwortung für die Zukunft“

Gewalt und Missbrauch dürfen in der Kirche keinen Platz haben, sagen ehrenamtlich Engagierte.
Gewalt und Missbrauch dürfen in der Kirche keinen Platz haben, sagen ehrenamtlich Engagierte.

In der katholischen Kirche gab es sexuellen Missbrauch. Pfarreien haben Schutzkonzepte erarbeitet, damit das nicht wieder passiert. Wie sieht ein solches Konzept aus?

Irina Manck, Ariane Springfeld, Kerstin Faber und Wiltrud Siepenkothen sitzen an einem Mittwochabend im katholischen Pfarrheim und blicken zurück auf die vergangenen drei Jahre. Die Frauen engagieren sich ehrenamtlich in der Pfarrei Seliger Paul Josef Nardini, zu der Germersheim, Sondernheim sowie Schwegenheim, Lingenfeld und Westheim gehören. Irina Manck arbeitet für die Pfarrei als Pastoralreferentin. Der Arbeitskreis, zu dem auch Ulrich Leuthner, Christine Becky, Nadine Richter und Melanie Engel gehören, hat ein institutionelles Schutzkonzept erarbeitet. Es soll Minderjährige und Erwachsene vor sexuellem Missbrauch schützen. Anlass ist der in den vergangenen Jahren bekannt gewordene sexuelle Missbrauch in der katholischen Kirche. Auch im Bistum Speyer gab es jahrzehntelang sexuelle Gewalt – vor allem in Heimen und Schulen in den 1950er- und 1960er-Jahren. Eine jüngst dazu veröffentlichte Studie nennt 109 Priester und 41 Mitarbeiter der Kirche als Täter, demnach haben fehlende Kontrolle und autoritäres Amtsverständnis den Missbrauch ermöglicht.

Damit so etwas nicht wieder passiert beziehungsweise das Vorgehen bei einem Verdacht oder einem gesicherten Fall geregelt ist, hat Bischof Karl-Heinz Wiesemann die Pfarreien im Bistum im Oktober 2022 gebeten, das Schutzkonzept des Bistums auf die Bedürfnisse und Strukturen in den Pfarreien vor Ort anzupassen. Die Gruppe der Pfarrei Seliger Paul Josef Nardini hat diesen Auftrag angenommen. „Uns war wichtig, dass das Konzept nicht ausschließlich von hauptamtlichen Kirchenmitarbeitern geschrieben, sondern von Ehrenamtlichen entwickelt wird“, sagt Wiltrud Siepenkothen aus Schwegenheim. Dem Arbeitskreis war ebenso daran gelegen, die Gruppen und Initiativen, die mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen arbeiten – zum Beispiel die Messdiener, Chöre und Seniorengruppen –, einzubeziehen. Dabei stieß die Gruppe nicht nur auf Zustimmung: „Ich hatte das Gefühl, dass das Thema nicht einfach ist“, sagt Kerstin Faber aus Lingenfeld. Gegenteilige Erfahrungen hat ihre Arbeitskreis-Kollegin Ariane Springfeld aus Westheim gemacht: Sie merkte, dass vor allem Jugendgruppen dem Thema offen gegenüberstanden und genau benennen konnten, in welchen Situationen es zu unangemessenem Verhalten oder sogar mehr kommen kann.

Verhaltenskodex fußt auf dem Grundsatz, dass Kirche sicherer Ort sein soll

Dass Gewalt und Missbrauch nicht weit hergeholt sind, wurde im Jahr 2023 bewiesen. Damals wurde bekannt, dass es vor Jahrzehnten auch Missbrauchsfälle in der Pfarrei Seliger Paul Josef Nardini gab. Kerstin Faber betont: „Wir sind nicht Schuld an der Situation damals, aber wir sind dafür verantwortlich, dass es nicht wieder passiert.“ Der Arbeitskreis hat deswegen einen Verhaltenskodex erarbeitet, der auf dem Grundsatz fußt, dass Kirche ein sicherer Ort sein soll und das Verhalten von jedem Einzelnen wichtig ist.

In dem Kodex werden verbindliche Regeln definiert, die dabei helfen sollen, dass sich alle Personen in der Pfarrei „frei, angenommen, akzeptiert und wertgeschätzt fühlen und vor jeder Form der Gewalt geschützt werden“. Es geht um Nähe und Distanz. „Was eine Grenzverletzung ist, definiert jeder selbst“, sagt Ariane Springfeld. Daher sei ein achtsamer Umgang Grundlage für das Miteinander in der Pfarrei. Denn wo dieser nicht stattfinde, sei es einfacher, sich Fehl zu verhalten. „Wenn eine Person unangemessen große Nähe suche, nehme ich dies freundlich wahr und weise aber auf eine angemessene Distanz hin“, lautet der Rat im Konzept. Der Angesprochene haben diesen Hinweis zu akzeptieren. Dasselbe gelte für Körperkontakt, der vom anderen gewollt sein muss. Der Kodex sensibilisiert auch für einen angemessenen Umgangston sowie eine bedachte Sprache und Wortwahl. Denn durch eine unangemessene Kommunikation könnten Menschen zutiefst irritiert, verletzt und gedemütigt werden. Die Pfarrei möchte, dass alle Mitarbeiter sowie ehrenamtlich Tätigen diesen Verhaltenskodex unterschreiben. Darin ist auch das Verhalten auf Freizeiten und Reisen sowie der Umgang mit Geschenken und Vergünstigungen sowie mit sozialen Netzwerken und digitalen Medien geregelt. Zudem sind Präventionsschulungen vorgesehen sowie die Vorlage eines erweiterten polizeilichen Führungszeugnisses.

Geschulte Ansprechpersonen im Haupt- und Ehrenamt stehen bereit

Und was passiert, wenn jemand etwas Verdächtiges melden möchte oder selbst Opfer wurde? Alle Haupt- und Ehrenamtlichen der Pfarrei seien ansprechbar, lautet das Credo. Es gibt speziell geschulte Personen im Hauptamt wie Irina Manck, Sozialreferentin Rita Rösch und Pfarrer Jörg Rubeck, aber auch ehrenamtliche Gesprächspartner wie Nadine Richter, Stephan Weis, Thomas Weinhoff und Ariane Springfeld. Außerdem ist eine Kontaktaufnahme über die Internetseite der Pfarrei möglich. Im Vordergrund steht: „Wir machen nur das, was der Betroffene möchte“, sagt Wiltrud Siepenkothen. Beschuldigte von Übergriffen oder Gewalttaten werden laut Pfarrei während eines Verdachtsfalls von allen Aufgaben und Ämtern entbunden. Bei bewiesener Schuld verliert die Person alle Aufgaben in der Pfarrei.

Termin

Der Arbeitskreis der Pfarrei Seliger Paul Josef Nardini bietet am Samstag, 31. Mai, ab 19.30 Uhr im Pfarrheim St. Martinus in Lingenfeld einen Gesprächsabend zum Schutzkonzept zur Prävention von (sexueller) Gewalt an. Das Format nennt sich „Talk unterm Kirchturm, diesmal zu Kirche als sicherer Ort“.

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