Kreis Germersheim Schrott für die Welt
. Was hat eine Blumenschau in Nordchina mit einem Schrotthändler in Lingenfeld zu tun? Oder die Aufhebung der Sanktionen gegen den Iran? „Das bekommen wir hier alles zu spüren“, sagt Schrotthändler Patrick Hoffmann. Weil die Luft in den chinesischen Großstädten so verschmutzt ist, müssen lokale Stahlwerke im Vorfeld einer internationalen Blumenschau ein halbes Jahr lang schließen. So soll die Luft für zehn Millionen erwartete Besucher rein gehalten werden. Für den Stahlmarkt fallen damit laut dem Manager Magazin Lieferanten in der Größenordnung der gesamten US-Produktion aus. „Damit sie nicht zu viel Verluste machen, haben die Chinesen im Vorfeld Schrott wie verrückt gekauft, um so viel Stahl wie möglich zu produzieren.“ Und dass die Vereinigten Staaten und die EU Anfang des Jahres ihre Sanktionen gegen den Iran beendet haben, mache sich mindestens genauso stark bemerkbar: „Die Stahlwerke dort sind jetzt zurück auf dem Weltmarkt und kaufen fleißig ein.“ Der 28 Jahre alte Hoffmann erzählt das auf dem Hof seines Unternehmens In den Lachenäckern in Lingenfeld, hinter ihm lässt ein Baggerfahrer den Greifarm seiner Maschine in einen riesigen Schrotthaufen krachen, packt zu, neben undefinierbarem Schrott hebt er auch eine alte Heizung in die Höhe und lässt alles schließlich auf den Anhänger eines Lkws rauschen. Als der Laster voll ist, fährt er langsam Richtung Germersheim, am Hafen lädt er den Schrott ab, wieder rumpelt der Greifarm eines Baggers in den Stahl und lässt ihn schließlich auf ein Schiff krachen. 3200 Tonnen Stahlschrott im Wert von etwa einer halben Million Euro werden seit gestern auf das Schiff verladen, dann fährt der Frachter 30 Stunden lang über den Rhein bis nach Rotterdam. Von dort wird der Schrott auf ein Seeschiff verladen und ins türkische Iskenderun gebracht. Riesige Stahlwerke warten dort auf die Fracht, mit der Neustahl produziert wird, der dann nach Dubai, Russland, Iran, China gebracht wird. In Hoffmanns Büro hängt ein Fernseher an der Wand, die internationalen Preise für Stahl und der Euro- und Dollarkurs werden sekündlich aktualisiert. Hoffmann verkauft noch nicht lange ins Ausland, vergangenes Jahr handelte er mit seinem Schrott noch vor allem in Deutschland. „Aber hier hat die Stahlbranche gekriselt, die Menge, die wir umschlagen, kriegen wir im Inland nicht mehr verkauft“, sagt Hoffmann. Auf einer Fachtagung lernte er Händler kennen, die ihm den Export schmackhaft machten. Ende Februar ließ er zum ersten Mal 2000 Tonnen Schrott nach Rotterdam verschiffen, „alles hat super geklappt“, sagt Hoffmann. Deswegen bestellte er nur einen guten Monat später bereits das nächste Schiff, um jetzt 3200 Tonnen zu verschiffen. Den Schrott kauft Hoffmann von Produktionsfirmen, die ihre Abfälle loswerden wollen, außerdem von fahrenden Händlern, anderen Schrottplätzen oder aus Abbrüchen. „Wir sortieren es in verschiedene Qualitäten, bereiten es auf, schneiden es in passende Größen und sammeln so lange, bis wir eine bestimmte Menge haben, die wir dann verkaufen.“ Das Geschäft läuft laut Hoffmann sehr gut, er stieg 2007 ins Unternehmen seines Vaters ein. „Eigentlich wollte ich gleich nach der Schule mitmachen, aber mein Vater hat gesagt, ich soll erst mal etwas lernen.“ Also lernte er Elektroinstallateur. Sein Vater hatte die Firma 2002 gegründet, 2007 machte er laut seinem Sohn 300.000 bis 400.000 Euro Umsatz im Jahr. Langsam wuchs das Unternehmen, 2011 zog die Firma in Lingenfeld um, kaufte das Gelände In den Lachenäckern und machte schon eine Million Euro Umsatz im Jahr. „Seitdem ging es stetig bergauf“, sagt Hoffmann. Im vergangenen Jahr habe man mit 13 Mitarbeitern sechs Millionen Euro Umsatz gemacht, die Tendenz sei weiter steigend. Hoffmann ist mit seinen 28 Jahren nicht nur Firmeninhaber, er ist auch Vater von zwei kleinen Kindern, seine Frau hilft zweimal die Woche in der Firma mit. Auffällig ist, wie jung die ganze Mannschaft um den jungen Geschäftsführer ist. „Ohne meinen Vater liegt der Altersdurchschnitt bei unter 30 Jahren“, sagt er. Auf dem Schrottplatz herrscht Aufbruchstimmung, ein Haufen junger Leute hat sich hier zusammengefunden, alle erfreuen sich daran, gute Geschäfte zu machen. Patrick Hoffmann pendelt am Donnerstagmorgen zwischen Hafen und Schrottplatz hin und her, grüßt seine Lkw-Fahrer unterwegs mit erhobenem Daumen. „Es läuft sehr gut“, sagt er. „1000 Tonnen haben wir schon verladen.“ Am Sonntag wird er mit dem Auto Richtung Rotterdam aufbrechen, dort wird die Ladung am Montag abgenommen. „Die Qualität muss stimmen“, sagt er. Dann kann er sich von seinem Schrott endgültig verabschieden, der Stahl bricht zur nächsten großen Reise Richtung Türkei auf. Ein paar Wochen später wird der Schrott aus Lingenfeld dann in der ganzen östlichen Welt verteilt. Und wenn Hoffmann zurück in Lingenfeld ist, wird auf dem Schrottplatz der Schrottberg schon langsam wieder am Wachsen sein. Das nächste Schiff kommt bestimmt.