Wörth / Kandel
Respektcoach: Präventiv gegen Extremismus
Kann man in nur 45 Minuten ein Radikaler werden? Nein, das geht nicht. Irrtum! Dass es doch funktioniert, haben im Dezember die Schüler der 10. Klassen der Realschule plus in Kandel am eigenen Leib erfahren. Sie haben an X-Games teilgenommen, einem Extremismus-Spiel, bei dem die Teilnehmer unmerklich mit Methoden, Argumenten und Denkweisen von extremistischen Gruppen konfrontiert werden. Vordergründig geht es bei dem Spiel um den Sieg. In Wahrheit ist es das Ziel, die Schüler zu moralisch bedenklichen Handlungen im Spiel zu bewegen. „Auf spielerische Art werden die Schüler immer weiter radikalisiert, die waren selbst erstaunt, wie gut das funktioniert“, sagt Raphael Burckhardt. Der 36-Jährige ist Respektcoach an der Realschule plus.
Das Respektcoach-Programm wurde 2018 vom Bundesministerium für Familie, Senioren Frauen und Jugend ins Leben gerufen. Die Respektcoaches kooperieren mit Partnern aus der politischen Bildung. Auf die enge Absprache mit den Lehrern wird dabei großen Wert gelegt. Bei dem Respektcoach-Projekt gehe es nicht um Beratung von Schülern und Eltern oder die Begleitung durch den Schulalltag, das sei die Aufgabe der Schulsozialarbeit, erläutert Burckhart. Die Arbeit des Respektcoaches sei eine Ergänzung im Bereich der Primärprävention. „Bei uns richtet sich der Fokus auf Gruppen, nicht auf Einzelschüler“, sagt Burckhardt.
Der Quereinsteiger
In der Südpfalz sind bisher erst zwei Respektcoaches im Einsatz: Sabine Böhm-Travnicek in der Realschule plus in Annweiler und eben Raphael Buckhardt in Kandel. Angestellt ist Burckhardt beim CJD in Wörth-Maximiliansau. Das Christliche Jugenddorfwerk in Wörth ist eines von vier CJDs in Rheinland-Pfalz, das einen Jugendmigrationsdienst hat. Und genau dort ist das Respektcoach-Programm angesiedelt. „Unser Ziel ist die Primärprävention gegen jede Form von Extremismus, Rassismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“, erklärt Burckhardt.
Und wie wird man Respektcoach? Burckhardt ist ein Quereinsteiger. Geboren und aufgewachsen ist er in Paderborn, in Würzburg hat er Politikwissenschaft und Soziologie studiert. Einige Zeit hat er im südlichen Afrika, vornehmlich in Sambia, verbracht, bevor es ihn in die Südpfalz verschlagen hat. Im März vergangenen Jahres hat er seinen neuen Job angetreten, dabei kommt ihm seine Flexibilität zugute, denn ein bis ins letzte Detail ausgearbeitetes Programm gibt es für den Respektcoach nicht. „Wir probieren noch vieles aus“, sagt Burckhardt. Die gewonnen Erkenntnisse und Erfahrungen tauscht er mit seinen Kollegen aus dem ganzen Land aus. Häufig stehen daher Fortbildungen und Austauschtreffen auf dem Programm.
Angebote für Klassen 7 bis 10
Drei Tage pro Woche ist die Schule der Arbeitsplatz von Raphael Burckhardt, ansonsten ist er im CJD anzutreffen. Erreichbar für Schüler und Lehrer ist er immer. Sein Angebot ist freiwillig, es richtet sich an die älteren Jahrgänge, die Klassenstufen 7 bis 10. Da sich der Alltag junger Menschen maßgeblich in der Schule abspiele, sei die Schule auch der zentrale Ort, an dem eine wirksame Präventionsarbeit ansetzen könne, erklärt Burckhardt. Dabei sind die Ziele des Respektcoachs klar umrissen: Die Schüler sollen Resilienzen gegenüber extremistischen und rassistischen Positionen aufbauen. „Wir wollen sie in ihrer Identitätsfindung unterstützen, ihnen den sicheren Umgang mit Medien erläutern und ihnen dabei helfen, demokratische Werte zu leben und weiterzugeben“, so Burckhardt. Dadurch soll ein positives Klassenklima frei von Mobbing, Vorurteilen und Gewalt geschaffen und erhalten werden.
Die Methoden, mit denen diese Ziele erreicht werden sollen, sind ganz unterschiedlich. Burckhardt und Kollegen sind auch ständig auf der Suche nach neuen Angeboten. Neben besagtem X-Game gab es an der Realschule plus auch das interaktive Theaterstück „Die letzte Mission“, bei dem die Jugendlichen auf ironische Weise unterschwellig an Themen wie Rassismus, Ausgrenzung und Hass heranführt werden. Erstmals wurden im vergangenen Jahr in der Schule Demokratietage organisiert. Dazu gehörte der Besuch des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof, Diskussionsveranstaltungen oder eine Wanderung der drei 8. Klassen hinauf zum Hambacher Schloss, einem zentralen Ort der deutschen Demokratiebewegung.
„Diese Wanderung werden wir auf jeden Fall wiederholen“, kündigt Burckhardt an. Der 36-Jährige erinnert an die Versuche der Querdenker-Bewegung das Hambacher Schloss für ihre Zwecke zu kapern, als sie im vergangenen Jahr mit ihren Reichsflaggen hoch zum Schloss zogen, um ein Demokratiefest zu stören. „Das war für die Schüler ein wichtiges Thema“, sagt Burckhardt. Bemerkenswert findet er, dass sich einige Schüler bereits gut mit den Symbolen der Reichsbürger- und Querdenker-Szene auskennen und die Zusammenhänge durchschauen und ihnen kritisch gegenüberstehen würden. Die Jugendlichen hätten verstanden, dass es nicht selbstverständlich sei, in einer Demokratie zu leben. „Demokratie ist etwas, für das man auch heute noch kämpfen muss. Dieser Gedanke ist bei den Schülern haften geblieben“, meint Burckhardt.