Kreis Germersheim Rülzheim: Angehörige fühlen sich von Ärzten im Stich gelassen

In Arztkoffern sollten Schmerzmittel vorhanden sein. Der diensthabende Arzt des Bereitschaftsdienstes kam der Familie nicht zu H
In Arztkoffern sollten Schmerzmittel vorhanden sein. Der diensthabende Arzt des Bereitschaftsdienstes kam der Familie nicht zu Hilfe – unter anderem mit der Begründung, er habe kein Morphin.

Was Leser ärgert: In den letzten Stunden einer 84-Jährigen erhält diese keine medizinische Hilfe, um die Schmerzen zu lindern. Morphin wäre notwendig gewesen. Doch weder Notarzt noch Bereitschaftsdienst kommen. Die Tochter beschwert sich bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV).

«Rülzheim.» Vor sechs Wochen hat sich Cäcilia Braun von ihrer Mutter verabschiedet. Nachdem sie sie zusammen mit ihrer Schwägerin rund fünf Jahre zuhause gepflegt hatte, ist die 84-Jährige gestorben. In den letzten Stunden im Leben ihrer Mutter fühlten sich die Angehörigen von Ärzten im Stich gelassen. Die Frau habe starke Schmerzen gehabt, berichtet Cäcilia Braun. Weder die Bereitschaftsdienstzentrale in Germersheim noch die Rettungsleitstelle in Landau hätten etwas dagegen unternommen. Bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) liegt eine Beschwerde vor.

Tochter: "Uns war wichtig, dass sie schmerzfrei ist."

Es war ein Sonntag. Die Angehörigen haben geahnt, dass die Mutter und Großmutter nicht mehr lange leben wird. „Sie hatte ab Donnerstag keine Kraft mehr zum Sprechen“, konnte weder essen, noch die verordneten Morphin-Medikamente über den Mund zu sich nehmen, erzählt die Tochter. „Sie hatte uns gesagt, sie möchte nicht mehr ins Krankenhaus. Uns war aber wichtig, dass sie schmerzfrei ist.“ Freitags habe der Hausarzt die Medikation umgestellt und ein Schmerzpflaster verabreicht. Auch ein Pfarrer war da.

Situation war "emotional unerträglich"

„Am Sonntagmittag entwickelte meine Mutter vermutlich starke Schmerzen, sie stöhnte sehr laut, weinte, ihre Körperhaltung war sehr angespannt“, schildert Braun die Situation, die für die Familienangehörigen und die polnische Pflegerin „emotional unerträglich“ geworden sei. Sowohl Braun als auch die Enkelin der Verstorbenen sind beruflich in der Altenpflege tätig, haben Erfahrung im Umgang mit kranken oder sterbenden Menschen. Sie sind sich einig: Die Mutter und Oma litt „grässliche Schmerzen“.

Keine Hilfe von Bereitschaftsdienstzentrale und Rettungsleitstelle

„Umlagern, Zuwendung, Wärmeumschläge – nichts führte zu einer Besserung ihrer Beschwerden“, erzählt Cäcilia Braun. Deshalb habe sie am Nachmittag in der Bereitschaftsdienstzentrale (BDZ) angerufen und gefragt, ob ein Arzt kommen und Morphin zur Schmerzlinderung verabreichen könne. Die Antwort der Dame am Telefon: Der Arzt komme in zwei bis drei Stunden, habe aber kein Morphin dabei. Weil das Stöhnen der Mutter immer heftiger wurde, hat sie den Notruf gewählt, „in der Hoffnung, dass ein Notarzt vorbeikommt“ und ein Schmerzmittel verabreicht oder zumindest ein Rezept ausstellt. Der Mann am anderen Ende der Leitung, bei der Rettungsleitstelle Landau, habe ihr mitgeteilt, dass dies kein Notfall sei, man die Frau aber so nicht liegenlassen könne. Daraufhin habe er Kontakt mit der Bereitschaftsdienstzentrale aufgenommen. Es folgte ein Rückruf des diensthabenden Arztes in Germersheim. „Er sagte mir, dass wir ein zweites Schmerzpflaster aufbringen sollen“. Er komme nicht vorbei, weil er nichts weiter machen könne. Aber die Altenpflegehelferin Cäcilia Braun weiß: „Das Schmerzpflaster wirkt erst 15 Stunden später.“

Familie fühlt sich allein gelassen

Die Familie ist enttäuscht und fühlt sich allein gelassen. „Wir waren alle bemüht, dass unsere Mutter zuhause und im Kreis ihrer Familie sterben kann“, schreibt Cäcilia Braun in ihrer Beschwerde. „Umso trauriger waren wir, dass sie an ihrem letzten Tag über mehrere Stunden starke Schmerzen aushalten musste.“

Morphin sollte im Bereitschaftsdienst vorhanden sein

Die Beschwerde hat Dr. Volker Pietsch, Koordinator für die Notfalldienstzentrale Germersheim, an die Kassenärztliche Vereinigung weitergeleitet. Er selbst war samstags noch zum Hausbesuch bei der Verstorbenen, kennt den Fall und die Betroffenen. Sich konkret dazu äußern oder Vorgehensweisen beurteilen, möchte Dr. Pietsch gegenüber der RHEINPFALZ nicht, solange die Beschwerde bei der KV läuft. Aber er ist offenbar alles andere als glücklich mit dem Verlauf. „Ich kann versichern, dass das so nicht stehenbleibt oder unter den Teppich gekehrt wird.“ Nur so viel: Morphin sollte im Bereitschaftsdienst vorhanden sein. Und „von Patientenseite her war das sicher ein Notfall“.

Träger ist "an Aufklärung" gelegen

Der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz sei als Träger der Bereitschaftsdienstzentrale Germersheim „an der Aufklärung des Beschwerdefalls gelegen“, teilt Pressereferent Stefan Holler mit. Auskünfte möchte die Vereinigung aber nur gegenüber den Angehörigen abgeben. Grundsätzlich seien Hausbesuche in „medizinisch erforderlichen Fällen“ im Bereitschaftsdienst möglich. Die Behandlung und Diagnose stehe „im Ermessen des diensthabenden Arztes“.

Tochter: "Das darf nicht passieren"

Die Behandlungshoheit des Arztes zweifeln die Angehörigen nicht an. „Es obliegt dem Arzt, was er verabreicht oder nicht. Selbst wenn er kein Morphin hatte, gibt es andere Schmerzmittel, die er vielleicht im Koffer gehabt hätte“, meint die Enkelin der Verstorbenen. „Die Ärzte haben es nicht einfach, das verstehe ich. Vielleicht haben wir einen schlechten Tag erwischt“, ergänzt Cäcilia Braun. „Aber das darf nicht passieren.“

Patientin starb am Sonntagabend

Cäcilia Brauns Mutter ist gegen zehn Uhr am Sonntagabend gestorben. Dass ein privat hinzugezogener Arzt am Abend doch noch ein Schmerzmittel verabreicht hat, gibt ihrer Familie ein wenig Trost. „Das hat ihre Schmerzen gelindert.“

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