Kandel
Räumungsverkauf nach 90 Jahren
Zwischen schnell leer werdenden Regalen und Aufstellern in dem weitläufigen, hellen Verkaufsraum tummeln sich Stammkunden und Schnäppchenjäger. Sie stöbern im Sortiment des Ladens, der vor fast 90 Jahren, im März 1933, von Fritz Stoll gegründet wurde. Der Opa von Bernd Keiber hatte sein Geschäft in einem Fachwerkhaus am oberen Ende der Hauptstraße eröffnet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten die Großeltern des jetzigen Inhabers erweitern. Sie kauften das Anwesen in der Hauptstraße 81 und bauten es als neues Geschäft auf. Im Obergeschoss wohnten die Inhaber.
Bernd Keiber erinnert sich noch daran, dass sein Opa selbst nach Dresden oder in den bayerischen Wald fuhr, um dort Porzellan oder Glaswaren einzukaufen. Denn das Segment „Der gedeckte Tisch“ gehörte zum festen Sortiment des Einzelhändlers. Unzählige junge Familien und Paare fanden bei den Stolls und bei den Keibers Besteck, Geschirr und Gläser. Sie ließen sich in den 1980er und 1990er Jahren anlässlich ihrer Hochzeit große Geschenktische erstellen, mit allem, was ein junger Haushalt brauchte.
Großer Umbau vor 35 Jahren
Aus gesundheitlichen Gründen übergab Fritz Stoll nach 30 Jahren seiner Tochter Ilse Keiber das Geschäft. Sie und ihr Ehemann, die Eltern von Bernd Keiber, führten die Tradition in zweiter Generation weiter. In ihre Ära fiel der größte Umbau der Firmengeschichte. Das war vor rund 35 Jahren. Damals erhielt das Ladengeschäft seinen heutigen Zuschnitt. Dazu gehörten die großen Schaufenster, in denen auch Spielwaren ausgestellt wurden, die viele Kinderaugen zum Leuchten brachten. Spielsachen und Geschenkartikel waren weitere, große Bereiche des Sortiments, die bis zuletzt gut liefen.
Bernd, Sohn der zweiten Inhabergeneration, lernte Einzelhandelskaufmann. Er arbeitete anfangs jedoch nicht im elterlichen Betrieb. Erst als sein Vater nach 30 Jahren als Inhaber erkrankte, übernahm er im Jahr 1995 das Geschäft, zusammen mit seiner Ehefrau Karin.
Umstellung des Sortiments
Die Eltern von zwei Söhnen erlebten guten Zeiten, in denen das Geschäft florierte. „Wir hatten viele Stammkunden, zeitweise bis zu 20 Hochzeitstische.“ Was Bernd Stoll, ebenso wie seinen Kollegen in den anderen Läden in Kandels Hauptstraße, jedoch immer wieder auffiel: „Nur alleine von den Kandeler Kunden hätten wir nicht leben können. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass die Kandeler nicht in Kandel, sondern lieber außerhalb einkaufen gehen.“ Dafür kamen zum Glück genug Kunden aus umliegenden Dörfern. Da sich die gesellschaftlichen Strukturen geändert haben, gab es in den letzten Jahren erst keine Hochzeitstische mehr, dann wurde das Sortiment rund um den gedeckten Tisch komplett aufgegeben.
Mehrere Angestellte unterstützten das Ehepaar. Die letzten beiden sind vor einiger Zeit in Ruhestand gegangen. Die Corona-Pandemie mit ihren Lock-Downs war eine schwere Zeit, sagen die Inhaber. Es habe auf Reserven, eigentlich gedacht für den Ruhestand, zurückgegriffen werden müssen. Bernd und Karin Keiber haben keine Nachfolger für ihr Geschäft; die Söhne arbeiten in anderen Bereichen. Deshalb entschieden sich die Inhaber, nach Weihnachten 2022 mit dem Ausverkauf zu beginnen. „Jetzt sind wir noch fit, wir wollen unser Leben noch möglichst lange ohne den Druck eines Selbständigen genießen können“, erklärt Bernd Stoll. Ihm solle es nicht so gehen wie einem Kandeler Kollegen, der mit 75 Jahren im Laden, hinter der Theke, einfach umgefallen und gestorben sei. „Ich weiß, dass wir eine große Lücke für Kandel hinterlassen, das sagen auch unsere Stammkunden zu uns“, erklärt Stoll schon mit Wehmut in der Stimme. Seine Ehefrau Karin nickt still, sichtlich ergriffen. Beide werden den täglichen Umgang mit den Kunden vermissen, denen sie für ihre Treue in fast 90 Jahren Familiengeschichte danken.