Kreis Germersheim Politischer Fingerabdruck jeder Gemeinde
«Kreis Germersheim.» Nach der Wahl ist vor der Wahl: Im März 2016 wählten die Rheinland-Pfälzer ihren Landtag, am 24. September 2017 folgt der Bundestag. Für beide Parlamente gilt die allgemeine, gleiche, direkte und geheime Verhältniswahl. 1918/19 hatte die junge deutsche Republik dieses freiheitliche Staatswahlrecht eingeführt.
Wahlen spiegeln die Grundeinstellungen, Traditionen und Interessen der Bürger. Wahlresultate sind jedoch mehr als nur statistische Momentaufnahmen: Epochenübergreifend dokumentieren sie politische Beständigkeit wie Veränderung – exakt bis auf die Kommastelle. Wahlen hinterlassen in jeder Gemeinde historisch unverwechselbare Fingerabdrücke. Dort bilden eng miteinander verflochtene gesellschaftliche, wirtschaftliche und konfessionelle Faktoren den Resonanzboden für „große“ Themen, Persönlichkeiten und Ideen. Staatswahlen erhalten so ihre spezifisch lokale Ausformung und Bedeutung. Das zeigt auch die Frühzeit unseres heutigen Wahlrechts im Landkreis Germersheim. Kriegsbedingt widrige Lebensverhältnisse belasteten den Übergang von der Monarchie zur parlamentarischen Demokratie. Anfang Dezember 1918 besetzten französische Truppen die Pfalz, bald ein Hort nationalistisch-revanchistischer Stimmung. Zur selben Zeit traten gleichlautende Wahlordnungen für Bayern und das Deutsche Reich in Kraft: Bis dahin benötigte ein Bewerber die absolute Mehrheit im Wahlkreis. In der Stichwahl zwischen den beiden Erstplatzierten genügte die einfache Mehrheit. Jetzt aber galten die Verhältniswahl mit gebundener Liste und überregionalem Stimmenausgleich, das Frauenstimmrecht sowie das um 5 auf 20 Jahre gesenkte Wahlalter. Im Bezirk Germersheim duften im Januar 1919 30.178 Menschen wählen, darunter zahlreiche Jung- und weibliche Erstwähler, also 139 Prozent mehr als 1912. Ebenfalls neu war der an Sonn- und Feiertage gekoppelte Wahltermin mit zehnstündig geöffneten Wahllokalen. Abhängig Beschäftigte, etwa auspendelnde Industriearbeiter, hatten werktags oft nur unter Schwierigkeiten am Wohnort abstimmen können. Bei „begründeter“ Abwesenheit erlaubten nun Wahlscheine die auswärtige Stimmabgabe. Anders als im Kaiserreich finanzierte, druckte und verteilte der Staat die Stimmzettel mit den zugelassenen Listen und Kandidaten. Einmal mehr setzte Bayern besondere Akzente: 1920 verstärkte der Freistaat die Wahlkreisbindung seiner Landtagsabgeordneten. Sie sollte die angeblich „zentralisierende Wirkung“ des reinen Verhältniswahlrechts im Reich mildern, den Kontakt zwischen Wählern und Gewählten festigen. Pro Stimmkreis und Wahlvorschlag stand jeder Partei ein Bewerber zu. Kandidatenunabhängige Listenvorschläge verschwanden bis 1928, fortan herrschte das Persönlichkeitsprinzip. In den bayerisch-pfälzischen Stimmkreisen hing es also von der Wahlbeteiligung ab, wie viele Stimmen jeweils für ein Mandat erforderlich waren. 1919/24 sank die Zahl der pfälzischen Landtagswahlkreise auf 14. Dadurch veränderte sich der Wahlkreis Germersheim. Er bestand zunächst aus den Gemeinden der Amtsgerichtsbezirke Germersheim, Kandel und Bergzabern. Letzterer wurde 1920 abgetrennt. Seither umfasste der 4. pfälzische Stimmkreis den Amtsbezirk Germersheim und drei Dörfer von Speyer-Land. Darin wirkten verschiedene soziokulturelle Milieus mit eigenen Normen und Werten. Sich teils überlappend, teils scharf voneinander abgegrenzt, prägten sie die regionalpolitischen Verhältnisse. Im Juni 1925 verteilten sich 57.437 Einwohner auf 37 Gemeinden. Lediglich vier Kommunen des zu zwei Drittel von Katholiken bewohnten Bezirks besaßen eine einigermaßen ausgeglichene Konfessionsverteilung. Noch immer gehörte die übergroße, oft erdrückende Mehrheit am Ort dem gleichen Bekenntnis an. Mithin war die Konfession ein vorentscheidendes Kriterium dafür, ob man liberale oder katholische Parteien bevorzugte. Im Falle der Linksparteien gab die Qualität der Kirchenbindung den Ausschlag. Fast die Hälfte der Bevölkerung lebte von der Land- und Forstwirtschaft. 93 Prozent der Landwirte bestellten weniger als fünf Hektar, eine selbst für kleinstbäuerliche Existenzen unzureichende Betriebsfläche. Das erforderte zusätzliche Erwerbsquellen, um die weit verbreitete Armut zu lindern. Ein knappes Drittel ging einer dorfhandwerklich-kleingewerblichen Tätigkeit nach oder arbeitete in den wenigen größeren Fabriken (Falzziegelhütte Ludowici/Jockgrim; Linoleumwerk und Schenck AG in Pfortz-Maximiliansau). Zum schwach entwickelten produzierenden Gewerbe zählten einige Emailleschilderhersteller in der Amts- und früheren Garnisonstadt Germersheim. Hinzu kam eine Handvoll in Kandel und Bellheim ansässige Unternehmen sowie kleinere Sägewerke, Ziegeleien und Zigarrenfabriken. Viele Fabrikarbeiter pendelten nach Karlsruhe oder Ludwigshafen. Handel/Verkehr und Verwaltungs-/Freie Berufe spielten eine nachrangige Rolle. wird fortgesetzt Lesezeichen —Die Wahlergebnisse sämtlicher Kreis-Gemeinden des Zeitraums hat der Autor detailliert dargestellt: „Politik und Wahlverhalten in den Gemeinden des Bezirksamts Germersheim. Die Landtags-, Reichstags-, Reichspräsidentenwahlen und Volksentscheide von 1919 bis 1933“, in: Schriftenreihe zur Geschichte des Landkreises Germersheim, Bd. 4 (N.F.), Germersheim 2016, 276 Seiten, 19,80 Euro. —Bestellung: VHS Germersheim, 07274 53319 , k.traeber@kreis-germersheim.de