Kreis Germersheim „Patienten werden nur in Prozenten behandelt“

Dr. Ekkehard Pilz.
Dr. Ekkehard Pilz.

„Die Unwissenheit über die wahren Zusammenhänge und Hintergründe werden schamlos ausgenutzt.“ Das sagt Dr. Ekkehard Pilz im Nachgang zum Bericht und Leserbriefen zur 75.000-Euro-Regressforderung der Kassenärztlichen Vereinigung wegen zu vieler Hausbesuche (wir berichteten).

Pilz: „Wir bedanken uns für die Leserbriefe von Frau Rothhaas und Herrn Stocker, allerdings möchten wir auf keinen Fall Geldspenden von unseren Patienten bekommen, da dies nicht Aufgabe der Beitragszahler sein sollte. Vielmehr sollte der Kampf gegen die nachgewiesene Korruption der Krankenkassen in Angriff genommen werden. Es betrifft alle, die in einer gesetzlichen Krankenkasse versichert sind.“ Schließlich habe die GKV (Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen) es geschafft, dass Ärzte keine Behandlungsfreiheit mehr haben aus Angst, Regresse zu bekommen, so Pilz. Alle erbrachten Leistungen, die über 25 Prozent des Durchschnittes liegen, seien Grund für Regresse. Dabei spiele die medizinische Indikation keine Rolle mehr, die erbrachte Gesamtleistung, egal aus welchem Grund, genüge bereits, um Regressforderungen auszusprechen. Pilz: „Medikamente, Krankenhauseinweisungen, Krankmeldungen und sogar Facharztüberweisungen, werden in Regress genommen. Patienten werden ausschließlich in Prozenten gehandelt.“ In Rheinland-Pfalz seien sehr viele Ärzte betroffen, die aus Angst schweigen. Regressverhandlungen zwischen Krankenkassen und KV dauerten Monate und endeten oft in Vergleichen. Die KV biete meist eine Regressminderung nach den Verhandlungen an und solange würden die Betroffenen schweigen. „Warum werden zehn Jahre lang Regresse gesammelt und dann erst wird zur Kasse gebeten?“ fragt Pilz. So, wie in seinem Fall. Der Hausarzt weiter: „Ärzte sind in der Pflicht, ihre Leistungen quartalsweise abzurechnen. Würden etwaige Rückforderungen ebenfalls quartalsweise erfolgen, könnten die betroffenen Ärzte reagieren und im folgenden Quartal eben jene Leistungen kürzen, um nicht weiter über dem Schnitt zu liegen. Aber wäre das im Sinne der Patienten?“ Menschen seien nicht in der Lage, ihre Krankheiten nach terminlich vorgegebenen Budgetierungen zu richten. Das mache es einem Arzt zum Teil unmöglich beide Seiten gleichermaßen zufriedenzustellen. Da heißt es „Mensch versus Budget“, so Pilz. Die gesetzlichen Krankenkassen stellten Ärzte immer wieder als geldgierig dar, gepaart mit der Behauptung, dass Ärzte, die keine Hausbesuche machen, sanktioniert werden sollten. Tatsächlich aber würden diejenigen Ärzte, die Hausbesuche machen, sanktioniert. Der Mediziner greift das Gesundheits- und Krankenkassensystem als Ganzes an. Er zählt auf: Fast ein Viertel der Beiträge der Versicherten fließe in die Verwaltungskosten des gesetzlichen Krankenversicherungs-Systems. Geldgeschenke würden an Neumitglieder verteilt. Der GKV-Spitzenverband, der sich hauptsächlich aus den Beiträgen der Versicherten und ihrer Arbeitgeber finanziere, habe sich eine Luxusimmobilie in Berlin für 78 Millionen Euro leisten wollen mit 40 Quadratmeter pro Mitarbeiter und Reflexions-Pool im Innenhof, zitiert Pilz aus einer Veröffentlichung des Virchowbundes. Der Eigentümer habe sich schließlich geweigert, die Immobilie an die GKV zu verkaufen, weil er die Meinung vertreten habe, das Geld sollte besser den Versicherten zugutekommen. Pilz: „113 gesetzliche Krankenkassen mit jeweils drei Vorständen, die im Schnitt 200.000 Euro im Jahr verdienen, schlucken unsere Beiträge.“ Als Beleg zieht er Berichte in Focus-Finanzen und Krankenkassen Deutschland+Pharma und Gesundheit heran. Das Thema gehe alle Bürger etwas an und jeden könne morgen eine schwere Erkrankung treffen. Pilz: „Hat denn jeder Pflegefall oder Sterbende einen Angehörigen oder Nachbarn an seiner Seite, der in der Lage ist sich immer Urlaub zu nehmen um in ein Versorgungszentrum gefahren zu werden? Was passiert, wenn ein Transport im normalen Fahrzeug nicht mehr möglich ist? Liegetransporte müssen, außer in Notfällen, von der Krankenkasse vorab genehmigt werden. Aber ob das nun wirtschaftlicher ist? Ganz zu schweigen von den Umständen für die betreffende Person.“ Das Fazit des Mediziners: „Patienten und Ärzte sind in unserer wirtschaftlich orientierten Welt unlukrativ!“ Abschließend zitiert er Karl Marx: „Das Kapital ist verstorbene Arbeit, die sich nur vampirmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und umso mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt.“

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