Kreis Germersheim
Nicht nur die Autohändler setzen noch auf den Verbrennermotor
Auf kaum einem Markt spiegeln sich die großen Krisen der vergangenen Jahre so deutlich wider wie beim Neuwagenkauf. Auf der einen Seite ist der Teilemangel gerade bei den Halbleitern seit der Corona-Pandemie noch immer nicht behoben. Die Hersteller brauchen entsprechend lange, um die gewünschten Autos zu produzieren und zu liefern. Angesichts der immer stärker wirkenden Klimakrise wächst auf der anderen Seite der gesellschaftliche und politische Druck auf die lange dominanten Verbrennermotoren der Automobile.
„Wir haben gerade einen Wagen bekommen, der bereits 2021 bestellt war“, sagt Manfred Frey, Geschäftsführer vom Autohaus Friedbert Hamm in Wörth. Nicht immer sei die Lieferzeit so lange, schränkt Frey ein. „Manche Neuwagen kommen auch binnen fünf bis acht Monaten nach der Bestellung, aber die Zeiten von drei Monaten Lieferzeit sind definitiv vorbei.“ Sehr schnell an einen neuen Wagen zu kommen, sei kaum noch möglich. „Für die, die in 14 Tagen ein neues Auto brauchen, sieht es dunkel aus“, sagt Frey. Auch Mario Deutschler vom gleichnamigen Ford-Autohaus in Germersheim bestätigt dies. „Die Hersteller haben durch den Halbleiter-Engpass immer noch Produktionsprobleme.“
Skepsis gegenüber E-Autos
Obwohl in der Europäischen Union ab 2035 keine Neuwagen mit Diesel- oder Benzinantrieb mehr zugelassen werden dürfen, erfreut sich der Verbrennermotor im Autohaus Deutschler weiter großer Nachfrage. Etwa zwei Drittel der verkauften Neuwagen nützten noch fossile Brennstoffe, sagt Deutschler. „Es gibt sehr viele Kunden, die noch vom Verbrenner überzeugt sind.“ Die Vorteile der Elektromobilität erschließen sich nur einem Drittel der Germersheimer Autohaus-Kunden. „Einige glauben nicht an die Elektromobilität. Es sind viele Skeptiker dabei, die glauben, das kann nicht funktionieren.“
„Die Nachfrage ist gemischt. Es gibt eine größere Aversion gegen E-Mobilität“, sagt auch Frey. Noch bis Ende des Jahres fördert der Bund den Kauf eines Elektroautos mit einem Zuschuss von bis zu 6750 Euro. Durch die langen Lieferzeiten werde es aber bis Jahresende schwieriger, diese hohe Förderung noch zu nutzen. „Wenn die Prämie nicht möglich ist, ist es schwieriger, Elektroautos loszuwerden“, sagt Frey. „Vergangenes Jahr gab es durch Prämie einen Boom bei der Elektromobilität. Das ist wie immer, wenn es etwas umsonst gibt.“
Schnelles Tanken gefragt
Der wichtigste Faktor bei der verbreiteten Skepsis gegenüber der Elektromobilität ist die Reichweite, sagen Deutschler und Frey. Dazu komme die Sorge vor langen Ladezeiten. „Viele möchten unterwegs nicht die 30 bis 40 Minuten am Schnelllader warten, sondern lieber wie gewohnt in fünf Minuten an der Zapfsäule den Sprit tanken“, sagt Deutschler. Trotz dieser Probleme ist er überzeugt, dass sich die Elektromobilität durchsetzen wird. Gerade hier im Kreis hätten viele Menschen die Möglichkeit, das eigene Auto im Hof oder in der Garage mit Strom aus der Photovoltaik-Anlage aufzuladen. Fehlende Ladesäulen seien eher ein Problem in Großstädten. Noch sei aber viel zu tun. „Es gibt viele Elektro-Mythen. Hier muss noch einiges an Überzeugungsarbeit geleistet werden“, sagt Deutschler.
Eine schnelle Abkehr vom Verbrennermotor sieht auch Stefan Tretter nicht. Er ist Geschäftsführer von Automobile Tretter, mit Autohäusern in Kandel und Landau. „Wir werden einen langen, langen Übergang erleben. In den kommenden Jahren werden nicht alle auf Elektro gehen. Ich sehe das Potenzial für reine E-Autos in den nächsten Jahren bei etwa 30 Prozent. Der Rest muss ja aber auch versorgt werden.“ Für Tretter ist daher klar: „Wir brauchen den Verbrenner als Übergang.“ Die Entwicklung sei zudem noch lange nicht am Ende und werde vielleicht noch einige Modelle bringen, an die heute noch niemand denkt. „Wenn die Zwänge enger werden, werden noch viele neue Antriebsmodelle kommen“, ist Tretter überzeugt.
Autohaus strukturiert um
Sein Autohaus war jahrelang Partner von Opel. Nun hat man die Partnerschaft aufgelöst. „Alle Opel-Kunden können aber weiter wie gewohnt den Service bei uns machen“, so Tretter. Als Grund für die Trennung von den Rüsselsheimern gibt er an, nun ein breiteres Neuwagenangebot unterbreiten zu können. Auch sonst wurde einiges umstrukturiert, wenngleich nicht alles. So werde in Landau die Kooperation mit Skoda fortgeführt. In Kandel dagegen würden jetzt vor allem EU-Neuwagen, sogenannte Reimporte angeboten. Das heißt, Autos, die fürs europäische Ausland produziert wurden, werden hierzulande zu gegenüber den für den deutschen Markt produzierten Modellen reduzierten Kosten verkauft. „Es geht weg von den starren Modellen. Die Chancen liegen in der Flexibilität“, sagt Tretter mit Blick auf den Markt. Für Autohäuser gehe der Trend hin zu einer Agentur für Neuwagen mit einer starken Service-Abteilung. Das gelte besonders für Autohäuser in der Größe wie seines, sagt Tretter,
Darüber hinaus verweist er auf eine neue Kooperation mit einem Elektroautohersteller: „Elektrikbrands“. Dieser verspreche zwei Modelle mit E-Antrieb. Noch würden diese E-Autos aber noch nicht in Masse produziert. „Wir hoffen im Herbst auf neue Fahrzeuge der E-Mobilität“, sagt Tretter.
Sinkende Nachfrage
Einige Autohändler in der Region spüren die rückläufige Nachfrage nach Autos deutlich. Zum Jahreswechsel beendete das Autohaus Baumann in Rülzheim nach 51 Jahren seinen Betrieb. Bei der RHEINPFALZ-Umfrage berichten Autohändler von derzeit kaum vorhandenen Anfragen nach Neuwagen. Die Lage sei „schwierig, aber nicht hoffnungslos“, sagen andere, die nicht namentlich genannt werden wollten. „Man spürt eine Kaufzurückhaltung“, sagt Deutschler. Durch die gestiegenen Zinsen und die herrschende Inflation seien die Kunden besonders bei Ratenkrediten für einen Neuwagen vorsichtiger geworden. Für sein Autohaus liefen die Geschäfte aber zufriedenstellend. „Durch den Gewerbe- und Nutzfahrzeugverkauf lässt sich rückläufiges Privatgeschäft auffangen.“
„Mangels wirklicher Subventionen ist es im Elektrobereich ruhiger geworden. Mit der rückläufigen Förderung ging auch die Nachfrage zurück“, stimmt Tretter mit seinen Kollegen überein. Das liegt seines Erachtens aber auch daran, dass die Hersteller nicht die richtigen Modelle haben. „Die Autos haben sich massiv verteuert, und wir bekommen sehr wenig kleine Elektroautos.“ Die Automobilindustrie konzentriere sich bei der Produktion zu sehr auf SUVs und große Autos. Tretter wünscht sich, dass mehr kompakte und günstigere Autos produziert werden – „nicht nur groß, leistungsstark und prestigewürdig“. So habe Ford alle kleinen Automodelle gestrichen. „Die Hersteller werden die Kunden nicht erziehen können, sie müssen wieder kleinere Modelle anbieten“, sagt Tretter. Schon jetzt würden die Kunden aufgrund des mangelnden Angebots Autos aus Asien vorziehen, wo noch Kleinwagen produziert würden.
Werkstatt boomt
Noch an anderer Stelle spürt Deutschler die abwartende Stimmung bei den Privatkunden: „Die Werkstatt boomt. In ältere Fahrzeuge wird viel Geld investiert, auch in Autos, bei denen man früher gesagt hätte, ’es wird Zeit, einen Neuwagen zu kaufen’.“ Trotz der Krisen blickt er wie Frey und Tretter optimistisch in die Zukunft. Dabei spüren auch die Autohäuser wie viele Unternehmen derzeit noch einen dritten Krisenherd: „Wir suchen Personal. Das ist aber überall so. Wir brauchen vor allem Mechatroniker und Automobilkaufleute“, sagt Deutschler.