Germersheim
Neues Dialysezentrum: Wenn Geräte die Nierenfunktion ersetzen
Seit August ist das von der Josef-Probst-Straße in die Räume der ehemaligen Apotheke Walch in der Königstraße umgezogene Dialysezentrum in Betrieb. Am Mittwoch wurde die zur B. Braun-Gruppe zählende medizinische Einrichtung in Germersheim mit einem Tag der offenen Tür für geladene Gäste eingeweiht. Eine Gelegenheit, sich die neuen, auf rund 800 Quadratmeter verteilenden barrierefreien und klimatisierten Räume anzuschauen.
Von der Königstraße aus gelangen die Patienten in die Ambulanz, die laut Florian Hack, dem Ärztlichen Leiter der Einrichtung, in einigen Wochen eröffnet werden soll. Dialysepatienten und Patienten, die liegend vom Krankenwagen gebracht werden, gelangen über die dem Paradeplatz zugewandte Gebäudeseite ins Dialysezentrum. Dieses verfügt nach Aussage des promovierten Mediziners unter anderem über zwei Arztzimmer, einen Raum mit Ultraschall und ein Labor zur Blutuntersuchung. Zwar gebe es noch einige Geräte, die vom alten Standort mit umgezogen wurden, der Rest aber sei neu und von B. Braun in Melsungen hergestellt.
Herzstück ist Osmose-Anlage
Neu ist nach Auskunft des Geschäftsführers der B. Braun Gesundheitszentren, Jens Gabriel, nicht zuletzt „das Herzstück“ des Dialysezentrums: die Osmose-Anlage. Wie die funktioniert, erklärten die beiden Medizintechniker Mario Petermann und Tilo Näke: Zunächst werde das von den Stadtwerken bezogene Wasser in einer Anlage enthärtet, und zwar von 15 Grad deutscher Härte auf null. Anschließend werde es mit einem Druck von 15 Bar durch eine Membran gepresst, um Schwebeteilchen herauszufiltern, die zum Trinken zwar unschädlich seien, nicht aber für die Dialyse. 80 Prozent des Wassers könnten verwendet werden, der Rest werde abgeleitet. 1000 bis 3000 Liter sogenanntes Permeat, also gefiltertes Wasser kann die Anlage pro Stunde produzieren. In einer weiteren Anlage wird aus einem aus mehreren Inhaltsstoffen, Kalium und Calcium etwa bestehenden Pulver eine Säure angerührt, die vermischt mit dem Permeat und Bicarbonat die Dialysierflüssigkeit ergibt. Diese wird in der auf den Patienten abgestimmten Zusammensetzung über eine Ringleitung zu jedem Dialyseplatz gepumpt. Dort werden mit einem technischen Verfahren dem Blut des Patienten benötigte Stoffe zugesetzt und unerwünschte entzogen. Gabriel sagte, dass pro Dialyse 350 Liter Permeat benötigt werden, also 16.100 Liter pro Tag. Nach Aussage der Pflegedienstleiterin der B. Braun Gesundheitszentren, Sabine Nipshagen, können durch die Produktion vor Ort viele Fahrten mit Lastwagen eingespart werden, die zuvor jahrelang die an zentralen Stellen produzierte Säure in der Republik verteilt haben.
Digitalisiert
Nicht ohne Stolz verweisen Gabriel und Hack darauf, dass das Dialysezentrum digitalisiert ist. Demnach betritt der Dialysepatient das Zentrum, in dem am Eingang auf einer in den Boden eingelassenen Waage sein Gewicht ermittelt wird. Dieses wird auf einer Karte mit weiteren Patientendaten gespeichert. Die Karte wird auch ins Dialysegerät gesteckt, wo weitere Daten hinzukommen, sagte Pflegedienstleiterin Esther Afari. Zum Abschluss wird laut Hack erneut gewogen, um den Behandlungserfolg überprüfen zu können. Die Daten der Karte könnten dann sofort in den Computer übertragen und vom Personal überprüft werden. Zeitaufwändiges Eintippen von Hand entfalle somit.
21 Dialyseplätze bietet das neue Nierenzentrum in Zimmern mit mehreren Betten und Liegen. Hinzu kommen zwei Einzelzimmer für zu Behandelnde mit erhöhtem Ruhebedarf oder akuter Infektion, um eine Isolation ermöglichen zu können. Ausgestattet sind die Zimmer unter anderem mit Fernsehbildschirmen und WLan, um den Patienten die Aufenthaltsdauer zu erleichtern. Schließlich muss, so Hack, ein Dialysepatient dreimal pro Woche ins Zentrum kommen und mindestens vier Stunden bleiben. „Ein Eingriff ins Leben, um am Leben zu bleiben.“
Leistungsspektrum erweitern
Zur Ausweitung des Leistungsspektrums ist es laut Hack gelungen, zusätzliches Personal zu gewinnen. In einigen Wochen soll es in Germersheim möglich sein, auch nierentransplantierte Patienten zu behandeln. Geplant sei ferner, eine ärztliche Sprechstunde zu etablieren, die es bisher nur in Landau gibt. Dank des zusätzlichen Personals sei es mittlerweile auch wieder möglich, eine Urlaubsdialyse für Patienten von weiter her anzubieten. Derzeit würden in Germersheim 14 Patienten behandelt. Aufgrund des Umzugs habe man deren Anzahl übergangsweise reduzieren beziehungsweise auf die beiden anderen Standorte in der Südpfalz, Landau und Kandel, verlagern müssen. Insgesamt würden an den drei Standorten rund 170 Patienten behandelt. Aufgrund der gestiegenen Zahl von Plätzen, 23 statt 15, sei es nun möglich, mehr Patienten in Germersheim zu behandeln. Zunächst aber werde man im Hinblick auf Anforderungen der Krankenkassen (Stichwort Kosten) Patienten innerhalb des südpfälzischen Verbundes nach Möglichkeit umverteilen, um Fahrtstrecken zu reduzieren.
Die Einrichtung in Germersheim bilde zusammen mit der in Kandel und dem Hauptstandort in Landau das Medizinische Versorgungszentrum Südpfalz (MVZ). Dieses ist laut Gabriel auf die wohnortnahe Behandlung von Nieren- und Stoffwechselerkrankungen, Diabetes und Bluthochdruck spezialisiert. Neben den Dialyseplätzen in Germersheim stehen laut Pressesprecherin Tatjana Deus weitere 43 in Landau zur Verfügung und 15 in Kandel. An den drei Standorten sind laut Hack 59 Mitarbeitende beschäftigt, darunter vier Fachärzte für Innere Medizin und Nephrologie sowie eine ärztliche Weiterbildungsassistentin.
Neues Konzept
Eigentümer der neuen Räume in der Königstraße ist der Germersheimer Apotheker Michael Walch. Er hat nach Angaben Gabriels für den Aus- und Umbau des Gebäudes gesorgt. Investiert worden seien insgesamt 3,4 Millionen Euro. Ein Drittel davon, so war zu erfahren, soll B. Braun übernommen haben für die Einrichtung. Dass die Neueröffnung nicht wie geplant im Frühjahr erfolgen konnte, sondern erst im August, begründete Walch gegenüber der RHEINPFALZ unter anderem mit Verzögerungen beim Bau. So sei zum Beispiel überraschend festgestellt worden, dass die Statik ertüchtigt werden muss. Gabriel gab für das MVZ eine Standortgarantie zumindest für die nächsten 20 Jahre ab. „So lange läuft der Mietvertrag.“ Nach seinen Angaben ist das Germersheimer Dialysezentrum das modernste der B. Braun-Gruppe und nach einem neuen Konzept gestaltet, das in den nächsten zwei, drei Jahren auch in den übrigen deutschen MVZ der Gruppe umgesetzt werden soll.
Bürgermeister Marcus Schaile zeigte sich erfreut darüber, dass es in der Stadt ein solch modernes medizinisches Angebot für die Bürger in Germersheim und Umgebung gibt.
Die B.-Braun-Gruppe mit Sitz in Melsungen ist ein deutsches Familienunternehmen, das laut Gabriel bundesweit 38 MVZ und weltweit 370 Gesundheitszentren betreibt. B. Braun zählt sich zu den führenden Unternehmen der Medizintechnologie weltweit.