Kandel
Mythos und Natur: Eine Reise zwischen den Jahren im Bienwald
Nebel hängt zwischen den Baumkronen, das Laub dämpft die Schritte, und die winterliche Stille verleiht dem Bienwald eine geheimnisvolle Atmosphäre. Genau hier lädt die Natur- und Landschaftsführerin Michaela Stöhr zu einem Rauhnacht-Spaziergang ein. Eine Reise „zwischen den Jahren“.
Die Rauhnachtszeit beginnt traditionell mit der Thomasnacht am 21. Dezember, der längsten Nacht des Jahres. „Ab diesem Zeitpunkt wird es langsam wieder heller und genau das macht diese Zeit so besonders“, erklärt Michaela Stöhr der rund 30-köpfigen Gruppe, in der sich nur ein Mann befindet. Die eigentlichen Rauhnächte dauern von Heiligabend bis zum 5. Januar. Ihren Abschluss bildet die Nacht zum 6. Januar, dem Dreikönigstag, die im Volksglauben als „Nacht der Wunder“ gilt.
Auch wenn der Thematik häufig etwas Spirituelles anhaftet, gehen die Rauhnächte ursprünglich auf alte Bräuche und Rituale zurück. Sie stammen aus einer „rauen“ Zeit, in der keine Wetter-Apps Vorhersagen trafen, sondern die Reiter der „Wilden Jagd“ für Sturm, Kälte und Dunkelheit verantwortlich gemacht wurden. „Die Anderswelt ist für uns nicht rational zu greifen“, sagt Stöhr. „Jeder stellt sich darunter etwas anderes vor.“ Gerade diese Offenheit mache die Rauhnächte bis heute faszinierend. In diesen Nächten, so der Glaube, sei die Grenze zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt besonders durchlässig. Wie die Rauhnächte heute gestaltet werden, ist dabei individuell sehr unterschiedlich.
Zwölf Nächte voller Rituale
Manche Menschen legen Tarotkarten, andere planen kleine Rituale wie einen täglichen Spaziergang oder eine Meditation, erklärt die Naturführerin. Entscheidend sei dabei vor allem eines: Ruhe. „Es ist eine Zeit der Besinnung, der Rückschau und der Konzentration auf das Kommende.“ Unter einer mächtigen Buche im Bienwald spricht Stöhr mit der Gruppe über das Loslassen. „Die Rauhnächte sind eine Zeit, um Altes abzuschließen, zu reflektieren und Platz für Neues zu schaffen.“ Bereits die sogenannten Sperrnächte vom 8. bis 20. Dezember dienten als Vorbereitung auf diese Phase. In dieser Zeit könne man sich bewusst fragen, was man im alten Jahr zurücklassen möchte.
Stöhr gibt den Teilnehmenden praktische Anregungen: „Hilfreich ist es, ein Heft anzulegen, um Träume, Gedanken und besondere Begegnungen aufzuschreiben.“ In den Rauhnächten spiele die Traumdeutung traditionell eine große Rolle. Alte Überlieferungen erzählen sogar davon, dass Tiere in dieser Zeit mit den Menschen sprechen können. „Ob man das wörtlich nimmt oder symbolisch, wichtig ist, achtsam zu sein und wahrzunehmen, was einem begegnet.“ Beliebt ist auch das sogenannte Zettel-Ritual: Auf 13 kleinen Papierchen werden Wünsche notiert. In jeder Rauhnacht – der Begriff umfasst jeweils Tag und Nacht – wird ein Zettel gezogen und dem Feuer übergeben. Ein Wunsch bleibt übrig und gilt als Aufgabe oder Leitmotiv für das kommende Jahr.
Räuchern als wichtiger Bestandteil
Ein zentrales Element der Rauhnächte ist das Räuchern, das während des Spaziergangs thematisiert und demonstriert wird. „Räuchern ist eines der ältesten spirituellen Rituale überhaupt und bildet die Basis vieler Traditionen“, sagt Stöhr bei einem Halt nahe dem Naturfreundehaus. Verwendet werden unterschiedliche Kräuter, Harze und Pflanzen. Ein ähnlicher Gedanke findet sich auch in der Pfalz im sogenannten Würzwisch – einem Kräuterbund aus heimischen Gewächsen, der traditionell zum Ausräuchern von Haus und Hof genutzt wird. Das Räuchern soll reinigen, schützen und einen bewussten Übergang ins neue Jahr ermöglichen.
Die Naturführerin bietet Rauhnacht-Spaziergänge und Workshops schon seit vielen Jahren an. Das Interesse daran sei zuletzt deutlich gewachsen. Woran das liege? „Unter anderem an den unterschiedlichen Bedürfnissen der Menschen, an vollen Terminkalendern, Schnelllebigkeit und Hektik“, sagt Stöhr im RHEINPFALZ-Gespräch. Und betont: „Es geht nicht darum, alles zu glauben. Sondern darum, sich Zeit zu nehmen, nach innen zu schauen und das neue Jahr bewusst zu beginnen.“
Info
Weitere Termine sind am 29. Dezember 2025 und am 4. Januar 2026. Anmeldung und Informationen unter michaela.stoehr@naturfuehrer-pfalz.de