Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Muslime wollen im Gräberfeld bestattet werden

Auf dem Hauptfriedhof in Ludwigshafen gibt es ein Gräberfeld für verstorbene Muslime.
Auf dem Hauptfriedhof in Ludwigshafen gibt es ein Gräberfeld für verstorbene Muslime.

Die Germersheimer Muslime wünschen sich ein eigenes Gräberfeld auf dem Friedhof. Die Pläne der Stadtverwaltung sehen das bislang nicht vor.

Die Stadt plant eine neue Friedhofssatzung. Künftig sollen Bestattungen ohne Sarg im Leintuch möglich sein. Ein Punkt, der der muslimischen Gemeinde besonders wichtig ist, wäre damit erfüllt. Ein eigenes Gräberfeld soll es aber nicht geben, sagt Yunus Erkök, Vorsitzender des Beirats für Migration und Integration (BMI) in Germersheim. So war sein Eindruck aus Gesprächen und aus Diskussionen in politischen Gremien. Damit hadern die Betroffenen gewaltig. „Das Gräberfeld ist das Kernthema für die Menschen.“ Auf allen Friedhöfen im Land, wo muslimische Bestattungen möglich sind, gebe es separate Gräberfelder. Es zählt zu den Mindestanforderungen für die Gläubigen. Deshalb sucht Erkök zusammen mit Vertretern der muslimischen Gemeinden in der nächsten Beiratssitzung nochmal den Dialog mit den Entscheidungsträgern, bevor der Stadtrat Mitte Dezember darüber diskutiert.

Entscheidend für die Akzeptanz

Unterstützung erhält er von anderen Vorsitzenden der Migrationsbeiräte im Landkreis. Auch Irene Lamberz (Stadt Kandel) hat die Erfahrung gemacht, dass das Gräberfeld für die Akzeptanz „eine entscheidende Rolle“ spielt. Gebete am Grab würden für alle verstorbenen Muslime gesprochen. Während es landläufig einen „Trend zur Selbstverwirklichung in der Bestattung“ gebe, sei für Muslime die Gemeinschaft der Gläubigen im Tod wichtig. Es gebe ja in vielen Orten auch reservierte Felder für bestimmte Bestattungsformen, etwa in Urnen oder für Rasengräber und für Sternenkinder, wirft sie ein. In Kandel, wo das Bestattungsthema ebenfalls in politischen Gremien angekommen ist, wäre die Ausrichtung der Gräber nach Mekka – der dritte zentrale Punkt – ohne ein eigenes Feld gar nicht machbar, berichtet Lamberz. Muslime werden auf der rechten Schulter liegend bestattet, mit dem Gesicht nach Südosten, erklärt Erkök.

Das Thema sei hochemotional und „geht den Menschen mitten ins Herz“, weiß der Vorsitzende des Kreis-BMI Ziya Yüksel. Migranten wollen hier eine Heimat haben, auch nach dem Tod. Viele möchten nicht mehr – wie momentan gängige Praxis – in ihr Herkunftsland überführt werden. Nachdem das Thema seit Jahren gärt, komme nun erfreulicherweise Bewegung hinein. „Es wurde schon viel gemacht“, sagt Yüksel. Die Stadt Germersheim habe auf dem Friedhof einen Tisch für die rituelle Waschung errichtet. Es wäre schade, wenn diese Entwicklung wegen des Gräberfelds hakt.

In der Vorreiterrolle

„Eine große Gemeinschaft hat klipp und klar ihre Bedürfnisse geäußert.“ Das ist doch die Grundlage, wo wir die Menschen abholen müssen“, meint Ziya Yüksel. Es wäre „schon fast Leichtsinn“, so eine Mehrheit zu brüskieren und eine „Riesenchance“ für die Integration zu vergeben. Die Ablehnung des Gräberfelds würde „zu Unverständnis in der Breite führen“ und könnte die Spaltung der Gesellschaft befeuern, die Yüksel in den letzten Jahren wahrnimmt. „Die Menschen, die hier leben, erfahren zunehmend Abneigung.“ Die integrationspolitische Dimension des Themas sei enorm. Keine einzige Kommune im Land habe sich für muslimische Bestattungen in gestreuten Gräbern entschieden, gibt er zu bedenken. „Es wäre irritierend, wenn wir hier ein sehr unglückliches Alleinstellungsmerkmal hätten“, so Yüksel. Zumal Germersheim zu den rheinland-pfälzischen Städten mit dem höchsten Migrationsanteil zählt. Fast jeder vierte Bürger ist muslimisch. Die Menschen leben zum Teil in der vierten Generation hier.

Auf den Kreis bezogen ist Germersheim in der Vorreiterrolle. Der Kreis-BMI hatte vor anderthalb Jahren alle Verwaltungen aufgefordert, interkulturelle Bestattungsformen zu schaffen. Nun ist zu erwarten, dass viele Gemeinden in die Kreisstadt schauen und nach deren Vorbild handeln. Umso wichtiger ist für die Beiratsvorsitzenden, dass hier die aus ihrer Sicht richtigen Weichen, nämlich die für ein Gräberfeld, gestellt werden. Der städtische BMI hatte im Februar den Antrag gestellt, Möglichkeiten für muslimische Bestattungen zu prüfen und Merkmale dafür aufgelistet. Zum traditionellen Ritus zählt auch das ewige Ruherecht und dass der Leichnam in Erde bestattet wird, die nicht zuvor für eine Beerdigung verwendet wurde. „Da müssen wir Kompromisse eingehen“, sagt Yunus Erkök. Diese Punkte seien nicht umsetzbar, weil Flächen begrenzt sind. Er hofft, dass sich Germersheim an anderen Städten mit Grabfeldern – „übliche Praxis in Deutschland “ – orientiert.

Blick nach Mekka ist möglich

„Wir haben auf unserem Friedhof keinen Platz, um ein Grabfeld auszuweisen“, sagt Bürgermeister Marcus Schaile, insbesondere im Hinblick auf das ewige Ruherecht. Er wirft eine Frage mit einem Zahlenbeispiel auf: Wenn die Stadt ein Feld für zehn muslimische Gräber reserviere, was passiere dann mit dem elften Verstorbenen? Platzmangel gebe es bei gestreuten Gräbern nicht. Unter Muslimen gebe es unterschiedliche Auffassungen zum Gräberfeld. Schon jetzt liegen Verstorbene verschiedenen Glaubens nebeneinander. „Sämtliche Religionen dieser Welt können auf unserem Friedhof bestattet werden“, sagt der Bürgermeister. In durchmischten Grabstätten sieht er „Integration über den Tod hinaus“. Diese Ansicht vertreten laut Erkök auch einige Stadtratsmitglieder.

Die Verwaltung habe einen Prüfauftrag erhalten und eine Satzung entworfen, „im Rahmen dessen, was wir für möglich halten“, sagt Schaile: Die Bestattung im Leintuch mit Blick nach Mekka – „das können wir alles erfüllen“. Auch die Ruhefrist könne mehrmals verlängert werden kann. „Das geht in Richtung Ewigkeitsgrab“, meint Schaile. Wenn der Beirat oder der Stadtrat mit den Vorschlägen nicht einverstanden sind, müssen sie das formulieren. „Wir sind auf nichts festgelegt“, so Schaile.

Ein muslimisches Gräberfeld, sarglose Bestattung und Ausrichtung nach Mekka - diese „Mindeststandards“ seien wichtig, um ein echtes Angebot zu machen, das akzeptiert wird, meint der Vorsitzende des Jockgrimer BMIs Reinhard Kalker. Er hat in seiner Verbandsgemeinde ebenfalls einen Vorstoß unternommen. Auf das Argument, ein separates Gräberfeld konterkariere gelungene Integration, hat er eine eindeutige Antwort: „Es klingt, als ob es fortschrittlich ist, ignoriert aber die Wünsche der Betroffenen.“

Termin

Sitzung des Beirats für Migration und Integration der Stadt Germersheim am Montag, 5. Dezember, 18.30 Uhr, im Bürgersaal.

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