Kandel / Minderslachen RHEINPFALZ Plus Artikel Mit Restaurierung und Deko durch die Krise

 Kyra (links) und Anja Hohndorf arbeiten momentan für Kundinnen, die selbst nicht kommen dürfen.
Kyra (links) und Anja Hohndorf arbeiten momentan für Kundinnen, die selbst nicht kommen dürfen.

Wegen der Lockdowns hat der Stoffladen „Stoffhalle Kissenzauber“ sein Geschäftsmodell erweitert: Jetzt werden alte Sachen wie neu aufgepäppelt.

Corona macht erfinderisch. Wenigstens etwas! Bei Anja Hohndorf und Tochter Kyra zumindest lässt sich das als positives Resümee der vergangenen Monate ziehen, die für so viele Geschäfte und Kleinunternehmen extrem hart waren. Seit 15 Jahren führt Anja Hohndorf die Stoffhalle Kissenzauber. Mit 140 Quadratmetern Verkaufsfläche ist es der größte Stoffladen in der Südpfalz, wobei zum Erfolg des Unternehmens vor allem die Workshops, Nähkurse und Schulungen beigetragen haben.

Bei Hohndorfs versteht man Nähen und Schneidern gerne als geselliges Handwerk, das am meisten Spaß macht, wenn man es gemeinsam mit anderen angeht. Teilnehmerinnen der Kurse – es sind zu 99,9 Prozent Frauen – können ihre eigenen Ideen, Entwürfe oder Schnittmuster mitbringen, die sie dann unter Anleitung hinter der Nähmaschine verwirklichen können. Die eine will ein Kleid fürs große Fest, die andere Gardinen fürs Wohnzimmer. Jede macht ihr eigenes Ding, darf aber natürlich bei den anderen spicken, sich Tipps holen und Erfahrungen austauschen.

Profi-Management für Kissenzauber

„Dem Ganzen hat Corona letztes Jahr einen Strich durch die Rechnung gemacht“, sagt Kyra Hohndorf. Die 24-Jährige spricht über die seit Monaten anhaltende katastrophale Situation erstaunlich sachlich. Klagen oder jammern sind ihr fremd. Sie geht es eher pragmatisch an. Die gelernte Schneiderin absolvierte nach ihrer Lehre ein Aufbaustudium zur Produktentwicklung an der Modeschule Stuttgart und begann vor eineinhalb Jahren an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Karlsruhe ein weiteres insgesamt dreijähriges Studium zum Unternehmertum.

Parallel zu ihrer Ausbildung stieg sie nach und nach im mütterlichen Betrieb ein. Derzeit arbeitet sie dort montags bis donnerstags, Freitag und Samstag hingegen ist sie an der Hochschule und lernt – coronabedingt momentan viel online – alles rund ums Management und Marketing. Zum Beispiel auch, wie man für ein Unternehmen eine Bilanzanalyse erstellt. „Aus den Daten lässt sich dann gut herauslesen, was man geschäftlich verbessern kann“, erklärt sie und anscheinend hat sie die gelernte Theorie zuhause in Minderslachen sogleich in die Praxis umgesetzt. Denn die Stoffhalle Kissenzauber hat flexibel auf die Lockdowns reagiert und ihren Einsatz jetzt in Richtung Sonderanfertigungen verlagert.

Renovierungen bringen Aufträge

Weil die Nähkurse nicht stattfinden können, führen Mutter und Tochter die Ideen der Kundinnen nun selbst aus. Die Nachfrage danach ist gerade groß, wofür auch Corona Auslöser ist. Denn während der Lockdowns haben viele Haushalte in ihren vier Wänden renoviert. Sie haben tapeziert oder gestrichen, so dass die alten Couch-Kissen, Tischdecken oder Vorhänge nicht mehr so recht zum neuen Look passen. Aus alten Esszimmerstühlen beispielsweise zaubern die Hohndorfs eine neue Sitzgarnitur. „Wir besprühen im entsprechenden Farbton, nähen Bezüge und polstern die Stühle neu“, sagt Kyra Hohndorf. „Passend dazu können wir eine komplette Deko für den Tisch zusammenstellen.“ Auf diese Weise landen gebrauchte, aber noch tüchtige Stühle nicht unnötig auf dem Müll. Das Konzept lautet „Aus Alt mach Neu“ und kommt wohl gut an.

Mutter-Tochter-Unternehmen floriert

Kyra Hohndorf kommuniziert das unter anderem via Onlinedienst Instagram, der dem Betrieb zusammen mit dem Online-Shop in den Coronamonaten wohl das Überleben ermöglicht hat. Die Kundschaft wurde so ein bisschen beieinander gehalten. Das Mutter-Tochter-Unternehmen beschäftigt noch eine Schneiderin, die derzeit aber in Kurzarbeit ist. Zusätzlich hilft der Vater aus, etwa beim Polstern der Möbel. Langfristig steht eine eventuelle Geschäftsübergabe an die jüngere Generation im Raum. Doch aktuell ist davon nichts. Mutter Anja, gelernte Schnitt-Direktrice, ist in den besten Jahren. Das „Aus alt mach’ neu“ muss in puncto Geschäftsführung noch warten.

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