Kandel / Winden
Mit dem „Fahrrad“ die Welt von oben sehen
Es ist noch sehr frisch, morgens so gegen 9.30 Uhr. Das Thermometer klettert gerade über den Gefrierpunkt. Ideales Wetter für unseren Piloten, den wir auf einer Wiese inmitten von bestellten Äckern nördlich von Winden treffen. Hier hat die „Luftsportgemeinschaft Bienwald-Falken“, ein Zusammenschluss begeisterter Motor-Gleitschirm-Flieger, eine Wiese gepachtet und für diese die Außenstarterlaubnis erhalten. Normalerweise dürfen die Ultraleichtflugzeuge nur auf Flugplätzen starten und landen.
Das gute Wetter lockt aber nicht nur Werner Riehm, den 62-jährigen Vereinsvorsitzenden an, sondern auch zwei weitere Gleitschirmflieger, die an diesem Morgen ihrem außergewöhnlichen Hobby frönen wollen. Auch sie sind Mitglieder der „Bienwald-Falken“. Wenige Handgriffe sind erforderlich, und der Motor-Gleitschirm-Flieger ist zusammengebaut und schon bald startklar.
Flugsicherheit beginnt am Boden
Bevor er abheben darf, müssen jedoch einige Dinge gecheckt werden, schließlich will man in der Höhe keine böse Überraschung erleben. Riehm, von Beruf selbstständiger Informatiker, hat nicht nur das Funkgerät getestet, der Tank für den Zweitakt-Motor ist gut gefüllt. Sieben Liter Mischung reichen für eine Flugstunde, sagt er. Der vom Motor angetriebene Propeller sorgt nicht nur für die nötige Geschwindigkeit zum Abheben, sondern auch für den Vortrieb während des Flugs. Für den Auftrieb ist der etwa 28 Quadratmeter große Gleitschirm mit einer Spannweite von 12 Metern zuständig. Er wird angebracht, wenn alle anderen Arbeiten erledigt sind.
Nach einer Probefahrt ohne Gleitschirm über die Startbahn kehren die Piloten zurück, hängen den Gleitschirm an und dann geht es los. Es läuft wie am Schnürchen bei den drei Fliegern. Riehm dreht eine Ehrenrunde über dem Gelände, ehe er die Beobachter am Boden hinter sich lässt und in westlicher Richtung davon fliegt. Sein Ziel an diesem Tag: Das pfälzische Weinland, vielleicht auch das angrenzende Elsass.
Fliegendes Fahrrad mit Motor im Rucksack
Werner Riehm ist durch einen Bericht in „Sonntag aktuell“, der früheren Sonntagszeitung der RHEINPFALZ, im Jahr 2003 zur Fliegerei gekommen. Darin wurde ein „fliegendes Fahrrad mit einem Motor im Rucksack“ beschrieben. Sofort war er Feuer und Flamme von der Idee, mit einem Fahrrad in die Lüfte zu gehen. Der Kandeler machte die erforderlichen Flugscheine für Ultraleicht-Flugzeuge und für den Gleitschirm, kaufte sich ein Spezialrad. Und von da an ließ ihn die Sache nicht mehr los. Ein weiteres Hobby, das Fahrradfahren, hatte er schon vorher weidlich genossen, und dass er mit dem Rad nun sogar fliegen sollte, das war für doch eine überaus spannende Vorstellung.
Und noch etwas reizte ihn daran: Er konnte dies mit seinem dritten Hobby verbinden, dem Fotografieren. Deshalb hebt er mit seinem Motor-Gleitschirm auch so gut wie nie ab, ohne seine Tasche mit der Fotoausrüstung einzupacken. Natürlich ist der Fotoapparat an einer Schnur fest angebunden wie alles, was er mit in luftige Höhe nimmt. Apropos Höhe: Motor-Gleitschirm-Flugzeuge dürfen, so erzählt er uns, bis zu einer Höhe von 1700 Meter aufsteigen. Das aber wollen die wenigsten, vor allem auch deshalb, weil es oben immer kälter wird. Die Piloten sind deshalb auch warm angezogen, der Thermo-Overall bedeckt den Zwiebel-Look, auf dem Kopf ist der Helm ebenso obligatorisch wie wärmende Handschuhe.
Fotos füllen riesiges Luftbildarchiv
Riehm fliegt in aller Regel etwa 150 Meter über Grund, bei bebauten Gebieten steigt er auf 300 Meter. Und vorsorglich weist er uns auch darauf hin, dass die Motor-Gleitschirmflieger zu den leisesten Fluggeräten überhaupt gehören. Nur deshalb, weil sie langsam fliegen, seien sie oft länger zu hören. Rund 100 Flugstunden im Jahr ist er in den Lüften unterwegs, auch im Ausland. Denn das Fluggerät darf auch im Urlaub nicht fehlen. Dem begeisterten Fotografen ist eine gute Aussicht wichtig. Wenn er die richtige Höhe erreicht hat und alles ruhig ist, greift er nach seiner Kamera. Von seinen Flügen bringt er in der Regel um die 150 Bilder mit, die von ihm ausgewertet, bearbeitet und dann archiviert werden. So kamen im Laufe der Jahre rund 70.000 Luftbilder zusammen, die er in seinem Bestand hat. Und die er auch online präsentiert unter der Adresse www.fly-foto.de.
Hier kann man nach seinen Angaben das größte Luftbildarchiv in der Region finden, Bilder auswählen und auch bei ihm bestellen. Gerne übernimmt er auch Aufträge von Privatleuten oder Geschäften, Gemeinden gehören ebenso zu seinen Kunden, ebenso verschiedene Foto-Agenturen. Schon 2010 und nochmals 2015 hat Riehm für die Verbandsgemeinde Kandel Fotokalender erstellt, die schnell vergriffen waren. Interessante Motive, insgesamt 13 Aussichten auf Stadt, Land, Fluss, Meer und Kultur“ sind auf dem Kalender 2021 zu sehen. Es handelt sich, so Riehm, um „Best-of“-Motive aus fast 3200 Luftbildern der letzten 12 Monate.
In jüngster Zeit, so erzählt er, habe er als fliegender Fotograf etwas Konkurrenz bekommen: Immer öfter werden Drohnen eingesetzt, um Aufnahmen von Bauwerken zu machen. Für ihn ist das allerdings eher eine Ergänzung, denn mit dem Ultraleicht-Flieger könne man ja nicht überall hinkommen, etwa in die Nähe von Gebäuden in bewohnten Gegenden.
In 400 Meter Höhe wird’s wärmer
Werner Riehm ist glücklich, mit dem Motor-Gleitschirm-Fliegen gleich drei Hobbys miteinander verbinden zu können. Zuweilen wird er als „fliegender Radler“ bezeichnet, manche sprechen auch von einem „fliegenden Teebeutel“ oder dem „fliegenden Rasenmäher“, wenn sie die Ultraleicht-Flieger am Himmel schweben sehen. Doch solche Bemerkungen stören ihn nicht. Denn die Aussichten, die er in seinem Ultraleicht-Fluggerät genießen darf, entschädigen für vieles. Auch jetzt wieder, wie er nach seiner Rückkehr von einem 90 Minuten dauernden Flug berichtet. War es am Boden noch frisch, so durften sich Riehm und seine beiden Kollegen ab einer Höhe von 400 Metern über fünf Grad höhere Temperaturen freuen. Zu sehen bekam er Burgen wie die Landeck, Madenburg, Trifels und die Ortschaften am Haardtrand, genoss aber auch einen Fernblick bis zur Hornisgrinde im Schwarzwald. Nach einer Flugstrecke von 70 Kilometern landete er sicher bei Winden und hatte wieder sehenswerte Aufnahmen im Kasten.
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