Kreis Germersheim Metaller fordern Geld und Respekt
Um kurz vor neun haben sich gestern etwa 1500 Mercedes-Beschäftigte in den Ausstand begeben. Sie zogen vor das Werkstor in Wörth, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Aus den Lautsprecherboxen neben dem als Rednerbühne dienenden Lastwagen tönte dazu der Song „I Was Made for Lovin’ You“ der amerikanischen Rockband Kiss. Keine Liebeserklärung an die Arbeitgeber, wie schnell deutlich wurde. Diese hatten in der dritten Verhandlungsrunde am Donnerstag ein Angebot unterbreitet: 2,1 Prozent Entgelterhöhung für 24 Monate. „Unverschämt“ sei diese Offerte, wetterte Auftaktredner Wolfgang Förster. Das gelte insbesondere bei Daimler angesichts eines Umsatzplus’ von über 15 Prozent und einem Konzernergebnis vor Steuern von fast 13 Milliarden im vergangenen Jahr. „Ich habe in meinem Leben noch nie so etwas Derbes erlebt“, machte der Betriebsratsvorsitzende des Werkes, Thomas Zwick, seinem in der Verhandlungsrunde angesammelten Frust Luft. „Die haben uns wie Dreck behandelt“, wetterte er über die Arbeitgeber. „Wir sollen immer mehr Leistung bringen, möglichst auch noch für weniger Geld. das passt hinten und vorne nicht mehr – nicht nur beim Daimler“, nahm er auch die übrigen Arbeitgeber in der Region ins Visier. Im vergangen Jahr habe die Belegschaft im Werk „gebuckelt wie dolle“. „Jeden Samstag eine Stunde mehr, dafür bekommen wir jetzt einen Tritt“, ergänzte Betriebsrat Ulli Edelmann. Jetzt verlange die Werksleitung noch mehr Effizienz, so Moritz Römmele. „Das heißt aber nichts anderes, als noch mehr Arbeit bei weniger Personal.“ Dabei leide die Belegschaft schon jetzt unter „krank machenden Arbeitsbedingungen“. Scharf kritisierte Edelmann das Vorhaben, Testläufe aus dem sogenannten Straßendauerlauf, die derzeit im Entwicklungs- und Versuchszentrum absolviert werden, in die Türkei zu verlagern. Ein fragwürdiges Unterfangen in Zeiten, in denen das Land wegen zunehmender autokratischer Tendenzen des Präsidenten Erdoğan zunehmend in der Kritik stehe, meint Edelmann. „Aber in der Türkei ist ja alles besser, besonders der Stundenlohn von sieben Euro.“ Besonderer Unmut herrschte bei den Beschäftigten über die Pläne für Einschnitte beim Kantinenpersonal. Das der RHEINPFALZ vorliegende neue Organisationskonzept für den Gastronomiebetrieb sieht vor, Gastronomiebetriebe werksübergreifend zu einer GmbH zusammenzufassen. Für deren Beschäftigte sollen nicht länger die gleichen Arbeitsbedingungen wie für alle Daimler-Mitarbeiter gelten, sondern die, die in der Gastronomie üblich sind. Möglich sein sollen etwa teilbare Arbeitszeiten, die tageweise Einstellung von Zeitarbeitskräften und zuschlagsfreie Mehrarbeit bis 200 Stunden. Insider werten die Gründung der GmbH als ersten Schritt zur vollständigen Auslagerung sprich Fremdvergabe des gesamten Gastronomiebetriebs. „Wir haben jetzt schon so viel Arbeit, dass wir fast nie rechtzeitig fertig werden“, klagt Küchenkraft Roswitha Schröder. Gleichzeitig sei es nahezu unmöglich, Überstunden abzubauen. „Wenn man mal einen halben Tag frei möchte, heißt es erst mal ,Nein’“, sagt die 62-Jährige. Koch Uwe Feller ärgert sich besonders über die Idee der geteilten Dienste: „Ich fahre 35 Kilometer aus Landau hierher, das bezahlt mir doch keiner.“ Elf Jahre arbeite er in der Kantine und seither hätten sich die Arbeitsbedingungen stetig verschlechtert. „Wir haben heute vielleicht noch die halbe Personaldecke.“ Er habe noch nie eine Gehaltserhöhung bekommen, fügt sein Kollege hinzu. „Und ich arbeite seit sieben Jahren hier.“ Trotz der regen Beteiligung sieht der 1. Bevollmächtigte der IG-Metall-Geschäftsstelle Neustadt noch Luft nach oben. Ralf Köhler forderte Zusammenhalt und appellierte an die Beschäftigten, die gestern noch nicht gestreikt hatten, sich an zukünftigen Ausständen zu beteiligen: „Wir sind schon viele, aber es ist noch Platz in unseren Reihen“, rief er denen zu, die „aus falscher Loyalität“ an ihrem Arbeitsplatz geblieben waren. Am Montag soll die Gegenschicht streiken.