Kreis Germersheim
Mehr Unfälle bei Senioren und jungen Fahrern
Autofahren bedeutet Freiheit, bedeutet auf niemanden angewiesen zu sein. Auch im hohen Alter. Denn einmal den Führerschein gemacht, behält man diesen in der Regel bis zum eigenen Tod. Nun plant die EU eine Führerscheinreform. Der Plan sieht unter anderem eine EU-weite Anerkennung des Führerscheinentzugs vor. Seit 2013 ausgestellte Führerscheine sind bereits jetzt schon befristet und verlieren nach 15 Jahren ihre Gültigkeit – müssen bei der Führerscheinbehörde danach neu ausgestellt werden. Eine Verkürzung dieser Zeitspanne ist seitens der EU geplant. Diese und viele weitere Regelungen sollen dazu führen, die Verkehrssicherheit zu erhöhen, die Zahl der Verkehrstoten zu senken.
Betroffen von den geplanten Änderungen sind auch Senioren über 70 Jahre. Deren Führerschein soll – wenn die Regelung in Kraft treten sollte – wahrscheinlich alle fünf Jahre verlängert werden müssen. Um den Führerschein nicht zu verlieren, muss ein Arzt die Fahrtauglichkeit bestätigen – wie das bei Berufskraftfahrern über 50 Jahre bereits die Regel ist.
Sind ältere Autofahrer eine Gefahr?
Die Zahl der Unfälle im Landkreis Germersheim ist jedenfalls im vergangenen Jahr wieder gestiegen. Insgesamt gab es 3958 Verkehrsunfälle im Bereich der Polizeiinspektionen Wörth und Germersheim. 406 Unfälle mehr als im Jahr 2021. Die Zahl der Unfälle mit Leichtverletzten stieg auf 359 (+66); es gab 74 Unfälle mit Schwerverletzten (+12) und vier Unfälle mit Verkehrstoten. Bei den Unfällen verunglückten insgesamt 526 Menschen, 117 mehr als im Vorjahr. Unter den Verunglückten waren 439 Leichtverletzte, 83 Schwerverletzte und die vier Toten.
Da Senioren immer älter werden und damit vermutlich auch länger am Verkehr aktiv teilnehmen, geht die Polizei davon aus, dass der Trend steigender Unfallzahlen bei Verkehrsteilnehmern ab 65 Jahren langfristig weiter ansteigen wird. An 747 Unfällen waren Verkehrsteilnehmer dieser Altersgruppe beteiligt – 90 mehr als im Vorjahr. Bei 510 dieser Unfälle waren die Senioren Verursacher (68 Prozent). Im Bereich der Polizei Wörth wurden bei 51 Verkehrsunfällen dieser sogenannten Risikogruppe 65 Menschen verletzt und drei getötet. Die PI Germersheim schaut noch etwas genauer hin und erfasst die Verkehrsunfälle unter Beteiligung von Senioren die älter als 75 Jahre sind. Diese waren an 146 Unfällen beteiligt und in 110 davon Unfallverursacher (75 Prozent).
Sind junge Fahrer ein Risiko?
Im Gegenzug gibt es bei der Risikogruppe junge Fahrer (18 bis 24 Jahre) ebenfalls steigende Unfallzahlen: 766 Unfälle (+ 91). Die Altersgruppe verursachte selbst auch wieder häufiger Unfälle. Rückläufig ist seit Jahren im Bereich Wörth die Zahl der Verletzten durch junge Fahrer, im Bereich Germersheim ist diese Zahl nach vier Jahren erstmals wieder angestiegen. Zieht man beide Risikogruppen heran und vergleicht die Unfallzahlen mit den Gesamtunfällen, dann machen beide Gruppen (Senioren und junge Fahrer) zusammen 38,3 Prozent aller Unfälle aus – beide liegen um die 19 Prozent. Doch gibt es statistisch gesehen mehr ältere Fahrer als junge Fahrer. Denn es leben rund 27.000 Menschen über 65 Jahre im Landkreis. Dagegen gibt es nur etwa 4800 16- bis 19-Jährige und zirka 22.000 in der Altersgruppe 22 bis 34 Jahre. Leider gibt es keine genauen Daten für die von der Polizei als Risikogruppe geführten 18- bis 24-jährigen jungen Fahrer beim Statistischen Landesamt.
Wann droht die Fahruntüchtigkeit?
Schwierig wird es einen Mediziner zu finden, der bereit ist, über das anscheinend heikle Thema Gesundheitscheck für den Führerschein bei Senioren zu sprechen. Irene Lorenzini, die promovierte Chefärztin der Geriatrie in der Asklepiosklinik in Kandel, nennt einige Krankheiten, die dazu führen können, dass man selbst nicht mehr ans Steuer darf. „Die Erkrankungen gibt es aber auch bei Jüngeren“, sagt die Medizinerin. Gefährlich kann es aus ihrer Sicht beim Führern eines Fahrzeugs werden, wenn der „Fahrer unter Blutdruckschwankungen leidet“ – vielleicht gerade erst medikamentös eingestellt wird und nennt Schwindel als ein Symptom. Auch nach einem Schlaganfall dürfe man mindestens drei Monate nicht selbst ans Steuer. Stark eingeschränkt seien hier die motorischen Fähigkeiten – vor allem die Feinmotorik – sowie die geistigen Fähigkeiten. Auch könne es zu epileptischen Anfällen kommen. Ein Neurologe werde immer hinzugezogen. Auf das Fahrverbot nach einem „Schlaganfall werden die Patienten hingewiesen“, sagt Irene Lorenzini. Diabetes sei ein weiterer einschränkender Faktor, gerade, wenn Diabetiker „zu wenig essen und wegen Unterzuckerung bewusstlos werden“. Demenz sei ein schwieriges Thema: Wo ziehe man die Grenze? Demenz könne aber zu Orientierungslosigkeit führen und die Reaktion lasse stark nach.
Altersbedingt gebe es auch Einschränkungen des Sehfeldes, deshalb sollten Senioren auch immer regelmäßig ihre Sehfähigkeit von einem Augenarzt kontrollieren lassen. Der Blick über die linke Schulter sei durch Versteifungen des Skeletts eingeschränkt. Neben Herzrhythmusstörungen oder Depressionen seien auch Schlafstörungen nicht zu unterschätzen, sagt die Kandeler Medizinerin. Die Konzentrationsfähigkeit leide erheblich wegen des fehlenden Schlafes.
Ist Gesundheitscheck sinnvoll?
Der Gesundheitscheck für Senioren, um die Fahrtüchtigkeit festzustellen, „kann einerseits sinnvoll sein“, sagt Irene Lorenzini. Sie verweist auf besonders schwere Unfälle. Aber auch darauf, dass gerade junge Fahrer ebenfalls viele schwere Unfälle verursachen. Es gebe viele Untersuchungen dazu, viele Tests seien gemacht worden. Jungen Fahrer fehle die Praxis, ältere glichen ihre Defizite durch langsameres Fahren aus oder seien auf kürzeren Strecken unterwegs. „Wobei auch da was passieren kann“, ergänzt Lorenzini. „Ich spreche mich vorerst für freiwillige Tests aus“, sagt die Medizinerin. Denkbar sei auch, dass Senioren freiwillig ein paar Fahrstunden mit einem Fahrlehrer machen, um zu sehen, wie der ihre Fähigkeiten einschätzt.