Kreis Germersheim Mehr Naturnähe durch nachhaltige Waldwirtschaft

Wörth/Hagenbach. Waldstreu, Feinreisig, Leseholz, Wurzelstöcke, Gras und Farn werden seit Jahrzehnten im Bienwald nicht mehr verwertet. Im Rahmen der nachhaltigen Waldwirtschaft wird nicht mehr Holz eingeschlagen als immer wieder nachwächst.
Die Waldbestände werden heute ein- bis zweimal im Jahrzehnt durchforstet. Daneben spielen private Brennholzgewinnung und Jagd noch eine Rolle; am Rande auch das Pilzesuchen. Die Freizeitnutzung des Waldes (Wandern, Joggen, Radfahren) gewann an Bedeutung. Berührt sind davon jedoch vor allem die Waldwege. In den Waldflächen selbst hat sich mit der Aufgabe der historischen Waldnutzungen die Begangsintensität erheblich reduziert. Nach wie vor leistet die Waldwirtschaft im Bienwald einen Beitrag zur Versorgung des Holzbedarfs der Gesellschaft. Dass dies nicht im Widerspruch zur Walderhaltung stehen muss, zeigt die geschichtliche Entwicklung. Trotz der wiederkehrenden Sturm- und Insektenkalamitäten, dem Westwallbau sowie den Reparations- und Kriegsfolgehieben nahmen der stehende Holzvorrat und der laufende Holzzuwachs im Bienwald in den letzten 200 Jahren deutlich zu. Allerdings hat auch eine nachhaltige Waldwirtschaft ihren Preis. Wirtschaftswald ist im Hinblick auf seine Artenzusammensetzung und die forstlichen Maßnahmen kein Urwald. Mit der Bewirtschaftung verbunden sind sich verändernde Waldbestände, wobei es gelegentlich auch zu stärkeren Auflichtungen und „drastischen“ Waldbildern kommen kann. Dies vor allem in älteren Wäldern, wenn neben dem Einschlag von erntereifem Holz auch das Nachwachsen von jungen Bäumen gefördert werden soll, insbesondere der stark lichtbedürftigen Eiche. Aber nach zwei bis drei Vegetationsperioden entstehen meist wieder strukturreiche, ansprechende Waldbilder, die oft sogar artenreicher sind als geschlossene Wälder. Kahlschläge spielen im Bienwald heute keine Rolle mehr. Die reguläre Waldwirtschaft verzichtet auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und künstliche Düngung wie auf die Einbringung von gentechnisch verändertem Material. Was bis vor 20 Jahren allerdings eingebracht wurde, waren fremde Baumarten, im wesentlichen Weymouthskiefer, Douglasie und Roteiche. Bedingt durch forstliche „Modeerscheinungen“, Aspekte der Ertragsleistung aber auch durch die sich verändernde Holznachfrage, liegt ihr Flächenanteil im Bienwald heute bei etwa 5 Prozent. Der Maschineneinsatz im Wald ist heute aus wirtschaftlichen Gründen unumgänglich. Vor allem die optischen Ergebnisse des Einsatzes von Holzvollerntern werden oft als störend empfunden. Dies besonders bei jüngeren Waldbeständen, die nach der dichten Jugendphase erstmals durchforstet werden. Nach wenigen Jahren sind die Flächen aufgrund des raschen Jugendwachstums meist wieder geschlossen. Nebenbei bemerkt: Auch die frühere Bewirtschaftung hinterließ ihre „Spuren“. Das lässt das historische Bild eines Starkholz-Rückegespanns mit sechs Pferden und vier Ochsen heute noch erahnen. Wie überall, geht auch bei der Waldwirtschaft immer mal wieder was „schief“. Trotz allem zeigt das Beispiel Bienwald, dass die mittlerweile 200-jährige nachhaltige Waldwirtschaft sehr viel zu bieten hat: Mehr starke Bäume, mehr ungleichaltrige und gemischte Wälder sowie deutlich mehr Totholz und damit auch mehr Naturnähe als im 19. Jahrhundert und wahrscheinlich auch früher. Hinzu kommt eine außergewöhnliche Biotop- und Artenvielfalt, die nicht nur die Grundlage der Ausweisung des Bienwaldes als Flora-Fauna-Habitat- und Vogelschutzgebiet nach europäischem Naturschutzrecht lieferte, sondern letztendlich auch die Basis des aktuellen Naturschutzgroßprojektes darstellt. Die Waldwirtschaft der letzten 200 Jahre war also erheblich mehr als reine Holzproduktion. Sie war auch kompatibel mit der Erhaltung vieler seltener Arten und Lebensräume. Dabei sind die heutigen forstlichen wie ökologischen Qualitäten des Bienwaldes unmittelbar im Zusammenhang mit seiner geschichtlichen Entwicklung zu sehen. Als Treuhänder des Waldes sieht das Forstamt den Bienwald heute nicht nur als Rohstofflieferanten, sondern versucht langfristig der Vielfalt seiner Nutz- und Schutzfunktionen, aber auch den wechselnden Ansprüchen der Gesellschaft gerecht zu werden. Dabei sind immer wieder Kompromisse zu finden, was oft nicht einfach ist.