Kreis Germersheim Madonna bleibt verschwunden

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Jockgrim. Jeden Morgen um 6 Uhr auf dem Weg zur Arbeit, betet ein Lastwagenfahrer aus Wörth im Schweinheimer Kirchl. Clemens Gebhardt (89) oder sein Neffe Klaus schließen dafür rechtzeitig auf, bei jedem Wetter, jeden Tag. Die gut 100 Menschen, die sich am Samstagabend zur Nachtwanderung aufgemacht hatten, drängten sich in die kleine Kapelle, die nur vom Schein der Kerzen erhellt war.

Von der einst fränkischen Siedlung im 6. Jahrhundert bis heute haben Christen das Kirchlein mehrmals wieder aufgebaut. Familie Gebhardt, so war von Pfarrer Roland Hund zu erfahren, betreut das Schweinheimer Kirchl seit 160 Jahren. 1966 wurde das Gebäude zuletzt restauriert, berichtete Hilar Gebhardt. Fünf Jahre später sei die historische Mutter-Gottes-Statue gestohlen worden und bis heute nicht wieder aufgetaucht. Malermeister Michael König streicht „zu Zeiten“, das Kirchl, fügte Hund hinzu. „Das hat mei Vadder scho gestriche un hat kei Rechnung geschribbe, und ich schreib auch kei“. Zur Wallfahrt an Maria Heimsuchung (2. Juli) werden wieder hunderte Besucher erwartet. Es war bereits nach 21 Uhr, als Otto Mielke, Mitglied des Presbyteriums der evangelischen Ludowici-Kapelle, die Fackeln aus seinem Rucksack packte, die den Kirchenwanderern den Rückweg in den Ort erhellen sollten. Zuvor, auf der zweiten Station der Kirchenwanderung, hatte Pfarrerin Heike Krebs die Wanderer in dem außergewöhnlichen Bau der Kirche im nordischen Stil begrüßt. Zunächst als Grabstätte für die Familie ließ Ziegelei-Fabrikant Ludowici die Kapelle wenig später Heimstatt für die evangelischen Christen werden. Nach dem Krieg wuchs die Gemeinde auf über 1000 Protestanten an, die als Flüchtlinge nach Jockgrim kamen. Eine zweite Welle erfolgte Anfang der 1970er mit dem Bau des Daimler-Werkes. Gleichzeitig legt die Ludovici-Kapelle ziemlich provokant Zeugnis von der Tradition Jockgrims als Künstlerdorf ab. Der „Corpus Christi“ und das Taufbecken des Künstlers Franz Bernhard polarisierten auch die Kirchenwanderer. Im Eingangsbereich wirft das „Körperkreuz“ des 2013 verstorbenen Künstlers einen Blick auf sein grafisches Schaffen. Durch das Objektiv seiner Kamera hielt Toni Fischer seine Eindrücke von der Kirchenwanderung fest. Mit Lebensgefährtin Rosemarie Schmiedel findet er die Vielfalt der Veranstaltungen zum 750-Ortsjubiläum gut. Die Kirchenwanderung war nach dem ökumenischen Gottesdienst im Januar der zweite Beitrag Katholischen Pfarrgemeinde und der Protestantischen Kirchengemeinde zu den Jubiläumsfeierlichkeiten. Pfarrer Hund begrüßte Einwohner und Gäste zum Auftakt der Wanderung in der St. Georgs Kirche und erläuterte Architektur und Kunst in dem modernen Betonbau, der von 1966 bis 1968 entstand. Laut eines neuen Katalogs ist dieser Kirchenneubau ein Zeugnis der grundlegenden Veränderungen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Der Laie, der zum ersten Mal diesen Kirchenraum betrat, fühlte sich aufgenommen. Letzte Station der Kirchenwanderung war die St. Dionysoskirche. Ein Jockgrimer erinnerte sich an den 5. November 1944. Er war neun Jahre alt und spielte jeden Sonntag nach dem Gottesdienst auf dem Speicher der Kirche Fußball. An diesem Tag sei es aber so schönes Wetter gewesen, dass sie zum Fußballspielen an den Rhein gegangen waren. Das rettete den acht Jungs das Leben, denn die Kirche wurde bombardiert. Nach der Währungsunion 1948 wurde für den Wiederaufbau der Kirche viel Geld gespendet. Heute wird in der Ortsbild prägenden Kirche sehr gern geheiratet, weshalb sie auch den Beinamen Hochzeitskirche bekommen hat. Zum Abschluss gab es für die Kirchenwanderer Konzert und Umtrunk unter freiem Himmel. Dafür spendeten die Wanderer rund 350 Euro für Flüchtlinge, die in der Gemeinde leben. Bürgermeisterin Sabine Baumann sah in der Veranstaltung einen Anstoß, „den man über das Jubiläumsjahr hinaus wiederholen könnte.“ (mldh)

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