Kreis Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Lieber keinen Streit wegen Maskentragens an Tankstelle provozieren

Die Tat an der Tankstelle in Idar-Oberstein sorgt für Diskussionen an Tankstellen im Kreis Germersheim.
Die Tat an der Tankstelle in Idar-Oberstein sorgt für Diskussionen an Tankstellen im Kreis Germersheim.

Der Mord hat schockiert. Die Stimmung an Tankstellen ist getrübt und ihr Verhältnis zum Kunden verändert. Am 18. September wurde in Idar-Oberstein ein 20-jähriger Schüler an seinem Arbeitsplatz – einer Tankstelle – erschossen, nachdem er einen Kunden auf die bestehende Maskenpflicht hingewiesen hatte. Die Tat hat auch an Südpfälzer Tankstellen Spuren hinterlassen.

Die gute Nachricht ist, dass die allermeisten Kunden ihre Maske tragen. Mario Schneider von der Total-Tankstelle in Wörth gegenüber dem Bahnhof schätzt, dass es 95 Prozent sind. Und unter den restlichen 5 Prozent seien viele, die, wenn sie Tankstelle oder Shop betreten, schlichtweg vergessen, die Maske aufzuziehen. „Früher haben meine Mitarbeiter eigentlich immer darauf hingewiesen, dass die Leute eine Maske aufsetzen sollen“, sagt Schneider und gibt ehrlich zu, dass seine acht Mitarbeiter das heute deutlich weniger tun. Um möglichen Diskussionen und vor allem Streit aus dem Weg zu gehen, sagt man lieber nichts. Denn seit Idar-Oberstein weiß man, wie schnell sich aus gegensätzlicher Meinung pure Gewalt entladen kann.

Und: Es gibt sie auch bei uns, die notorischen Maskenverweigerer, die frustriert mit sich und der Welt irgendein Ventil suchen, um Aggressionen abzureagieren. Schneider weiß aus Erfahrung, dass es sie gibt und dass sie auch Tankstellenkunden sind. „Es sind sehr wenige, aber manche kommen in den Shop rein wie ein aufgeblasener Bagger“, sagt er. Seinen Mitarbeitern verübelt er es nicht, wenn sie in solchen Fällen die Füße still halten. Im Shop ist eine Laufschrift installiert, die „Bitte denken Sie an die Maskenpflicht“ abspielt. Das sollte ausreichen, zumal die Regelung ja ohnehin klar ist. An der Laufschrift jedenfalls wird sich weniger ein Streit entzünden, als wenn das Personal die Erinnerung mündlich aussprechen muss.

Jobben wie der erschossene Schüler

In Germersheim an der Jet-Tankstelle war Emin Calisir sehr geschockt, als er von der Tat in Idar-Oberstein hörte. „Das hätte mir auch passieren können“, sagt der junge Mann. Er ist in Ausbildung und jobbt nebenher, so wie der erschossene Schüler, an der Tankstelle. Direkt im Umgang mit den Kunden habe sich bei seinem Job eigentlich nichts verändert, sagt Emin Calisir: „Aber ich bin vorsichtiger geworden, wenn ein Kunde das Diskutieren anfängt.“ Und das komme gefühlt schon so drei Mal die Woche vor. Kunden, die ohne Maske den Shop betreten und dann mal mehr, mal weniger glaubwürdig Argumente nennen. Manch einer kann aufgrund von Atemwegleiden tatsächlich keinen Mund-Nasenschutz tragen. Andere aber sagen, sie hätten ein Attest, hätten es aber gerade leider nicht bei sich… Aus solchen Situationen dürfte auf keinen Fall ein Konflikt werden, deshalb gebe er besser klein bei. Missverständnis bereite manchmal, dass Emin Calisir hinter der Kasse selbst keine Maske tragen muss, weil dort ein Spuckschutz aufgestellt ist. Erst wenn er in den Ladenbereich tritt, hat er den Mund-Nasen-Schutz überzuziehen. „Das hat schon manches Mal für Diskussion gesorgt, wo es heißt, ich sollte erstmal selbst die Maske aufziehen“, sagt Calisir.

An der Aral-Tankstelle in Kandel verweist man bei Nachfrage auf die Pressestelle des Mineralölkonzerns. Dort betont man, dass man immer wieder für seine Tankstellenpartner Deeskalationstrainings anböte. Eine größere Nachfrage danach seit Idar-Oberstein sei allerdings nicht bekannt. Am Autohof Schwegenheim, wo viele Fernfahrer zur Stammkundschaft zählen, sei die schreckliche Tat unmittelbar danach oft Gesprächsthema gewesen. An der vergleichsweisen kleinen Dorftankstelle herrscht vertrautes Verhältnis zur Kundschaft. Man kennt sich. Am Umgang miteinander hat sich nichts geändert. Den Mitarbeitern kommt es seit Idar-Oberstein allerdings so vor, als ob das Rumdiskutieren übers Maskentragen nachgelassen habe. Aus Pietät gegenüber dem Opfer äußern jetzt vielleicht weniger Leute ihren Ärger über Maske, Coronabestimmungen und Co?

Bei unbekannten Kunden ist man vorsichtiger

Ansonsten hat sich das Verhältnis zur Kundschaft insgesamt schon geändert. Wobei Mario Schneider unterscheidet: „Wenn ein Stammkunde seine Maske vergisst, sagt man dem das im lockeren Ton und alles bleibt nett.“ Doch die Total-Tankstelle liegt unweit der B9 und A65, wo auch viel auswärtige Kundschaft zum Tanken vorbeischaut. „Da ist man dann vorsichtiger“, sagt Schneider und gibt zu bedenken, dass der Täter von Idar-Oberstein damit womöglich sein Ziel erreicht hätte. Der Täter wollte – wie er es ausdrückte – ein Zeichen setzen und etwas verändern. Doch an der Maskenpflicht an sich hat er nichts bewirkt. Wahrscheinlich ist ihm nur eines gelungen: Er hat Angst verbreitet.

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