Kreis Germersheim „Liebe Grüße aus Feindesland“

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Neuburg. „Kommunikation ist nicht alles, aber ohne Kommunikation ist alles nichts“. Den definitiven Beweis erbrachte der Erste Weltkrieg. Zwischen August 1914 und November 1918 verschickten die deutschen Soldaten und ihre Angehörigen rund 28 Milliarden Postsachen. Transport und Zustellung besorgte die Feldpost des Militärs – schnell, effizient und portofrei.

So konnte auch die im Jahr 1893 geborene Anna Pfirmann aus Neuburg mit ihren einberufenen Brüdern und Freunden Verbindung halten. Sie sammelte die eingetroffene Korrespondenz in einem „Kriegserinnungen“ betitelten Album. Später verwahrte es ihre 2015 verstorbene Tochter Anna Hutzel. Die zahlreichen, zum Teil farbigen Post-/Bildkarten sowie die Einzel- und Gruppenfotos sind eine hochwertige lokalhistorische Quelle. Authentisch dokumentieren sie die Situation und das Befinden der jungen Neuburger auf Europas Kriegsschauplätzen. Das kam nicht von ungefähr: 1914 wurde das Kriegsgeschehen erstmals von massenhaft verbreiteten Feldpostkarten und anderem Bildmaterial begleitet. Ermöglicht hatte dies die rasante Entwicklung der Foto-/Drucktechnik und die Verfügbarkeit von Kameras. Dennoch mangelte es schon zu Kriegsbeginn an Bildpostkarten herkömmlicher Art. Die rasch wachsende Nachfrage verschärfte den Engpass. Bald füllten beschriftete Momentaufnahmen einfacher Soldaten die Lücke – und boten ungefiltertem Einblick in den Frontalltag. Fortan kursierten privat wie offiziell bebilderte Feldpostkarten. Sie zeigten Landschaften, Sehenswürdigkeiten, zerstörte Städte und Kirchen, abgeschossene feindliche Flieger, selbst tote Soldaten, bis hin zu Festtagskarten, Karikaturen und Zeichnungen. Beliebt waren ferner militärisch-vaterländische Motive, etwa stilisierte deutsche Soldaten oder Schlacht- und Schützengrabenszenen. Insgesamt existierte ein breites, vielschichtiges Deutungsspektrum. Propagandistisch genutzt, sollte das populäre Kommunikationsmittel die Moral im Sinne der politischen und militärischen Führung heben. Tatsächlich erzielten viele Motive die gewünschte Wirkung. Die in der Feldpost behandelten Themen befriedigten elementare Bedürfnisse, die weit über den Austausch von Alltagsbelangen hinausgingen: Vor allem der direkte Kontakt, das persönliche Lebenszeichen, vermochte die Ängste der Daheimgebliebenen vorübergehend zu dämpfen. Soweit es die Zensur zuließ berichteten die Soldaten auch über Frontereignisse. Wegen des Postkartenformats fielen die Mitteilungen sehr kurz aus. Ihr Inhalt spiegelte den Einfluss äußerer Faktoren wie Einheit, Einsatzort und -art, die Versorgungs-, Wetter- und allgemeine Kriegslage. Innerhalb dieses Kommunikationsrahmens schrieben viele Neuburger Soldaten an Anna Pfirmann. „In stiller Stunde“ sandte ihr der 15 Monate ältere Karl Hutzel eine Karte aus der Landauer Garnison. Als Ökonomiehandwerker blieb dem gelernten Schneider die Front erspart. Im ruhigen Garnisonsdienst begegnete Hutzel manchen Bekannten. Darum konnte er Anna im November 1914 eröffnen: „Dein altes Schätzel ist auch hier in Landau beim 12. bayerischen Artillerie-Regiment. Wir werden zusammen einmal nach Neuburg kommen“. Da nicht das „alte Schätzel“, sondern letztlich er die Adressatin heiratete, spricht wenig für den gemeinsamen Besuch. Wilhelm Ulm, von Beruf Rheinschiffer, meldete sich bei Anna am letzten Januartag 1915 aus dem Reservelazarett Fritzlar: „Hätte schon geschrieben, dachte aber nach Baden-Baden zu kommen. Ist nun wieder nichts und bleibe noch auf unbestimmte Zeit hier. Die Wunde ist beinahe heil, werde aber noch täglich gequält mit Flecktyphus usw.“ Gleich zu Kriegsbeginn ins 5. bayerische Reserve-Infanterie-Regiment nach Metz eingezogen, erlebte er seit dem 9. Oktober in Flandern mörderische Stellungskämpfe. Am 4. November 1914 wurde er bei Wytschaete/Ypern schwer verwundet. Nach einem schmerzreichen Genesungsjahr entließ man ihn als zu 35 Prozent kriegsbeschädigt. Ulms Fronteinsatz hatte keine vier Wochen gedauert, sein Invalidentum hingegen lebenslang. Anfang April 1915 informierte Karl Pfirmann seine jüngere Schwester Anna, „dass ich noch gesund und munter bin und dass wir Ostern im Schützengraben gefeiert haben“. Zur selben Zeit kündigte Karl Zoller der „werten Freundin“ seine letzte Post aus dem Landauer Infanterie-Ersatz-Bataillon an. Die Antwort auf seine Frage nach dem Eingang früherer Sendungen erübrigte sich jedoch unerwartet schnell: Zwei Wochen später durfte der dienstuntauglich erklärte Bäcker nach Neuburg heimkehren. Davon konnte der in den Vogesen gefechtserprobte 20-jährige Ludwig Degitz nur träumen. Ende Juli 1915 sandte er den Pfirmanns eine Feldpostkarte „zum Andenken an unsere paar Tag“ Ruhe in Winzenheim bei Colmar“. Annas 1888 geborener Bruder Karl war der Patriotismus noch nicht abhanden gekommen. Am 3. September 1915 grüßte er die Familie nachträglich „zur Feier des Sedan-Tages“, dem Nationalfest des Deutschen Kaiserreichs. Ihn übertraf der 28-jährige Landwirt Ludwig Vollmer („Vollmerlui“), Fahrer einer Munitionskolonne der Feldartillerie. Aus dem heftig umkämpften Oberelsass schickte er seiner Nachbarin Anna den Druck des Schützengrabenliedes. Ob sie davon singend Gebrauch machte, ist nicht bekannt. Im Herbst desselben Jahres las der 23-jährige Kanonier Heinrich Degitz die nationalstolze Ankündigung seiner Mutter Margarethe: „Hier schicke ich Dir Deinen jüngsten lieben Bruder Karl in voller Ausrüstung feldmarschmäßig“. Allerdings gehörte dieser nicht zur Artillerie, sondern zu den Speyerer Pionieren. Bis zum Waffenstillstand 1918 kämpfte der junge Rheinschiffer auf verschiedenen französischen Schlachtfeldern. Dort erhielt er das bayerische Militärverdienst- sowie das preußische Eiserne Kreuz. Anders als 69 Neuburger seiner Generation überlebte Karl Degitz.

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