Kreis Germersheim Letzte Blüte als „Club-Diskothek“ erlebt

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Tradition wurde lange Zeit groß geschrieben im Gasthaus „Zum „Schiff“: Waren es vor 300 Jahren noch durstige Berufsfischer und Rheinschiffer, die nach dem Landgang an seinem Tresen „vor Anker“ gingen, so profitierte das Wirtshaus zur Festungszeit vor allem von Militär und Garnison, bevor sich das „Schiff“ als „Club-Diskothek“ von den späten 60er bis weit in die 80er Jahre einen Namen machte, der viele Gäste aus der Vorderpfalz, Landau und Baden anzog. Seit einer Reihe von Jahren ist es still geworden um das „Schiff“, das quasi auf „Trockendock“ liegt und dem endgültigen Abwracken entgegendämmert (wir berichteten gestern).

Bis zum Festungsbau lag die sogenannte „Vorstadt“, die vorzugsweise von Berufsfischern besiedelt war, zwischen der Landstraße (der heutigen Bahnhofstraße) und dem „Kleinrhein“, einem zum Fischfang in flachen Booten geeigneten Seitenarm des Rheins. Neben Fischerhütten und Gärten gab es in der Vorstadt auch eine Reihe von Gasthäusern, deren Namen die enge Verbindung zum Fischfang und zum großen Strom ausdrückten, wie etwa „Karpfen“, „Zum Salmen“ oder eben „Zum Schiff“. In einem Plan über den Kleinrhein und die Vorstadt aus dem Jahr 1746 ist die Lage von Philipp Vollmers Eckhaus zum „Schiff“ festgehalten. Das Gasthaus existierte allerdings schon weitaus früher und befand sich 1715 im Besitz von Sebastian Lentz und später dessen Sohn. Andere Wirtsfamilien, die das Gasthaus über mehrere Generationen hinweg führten hießen Vollmer (18. Jahrhundert) und Bader (19. Jahrhundert). Nach der Vollendung des Festungsbaus hatte sich das Korsett von Befestigungen um die Stadt geschlossen, mit der Folge, dass das „Schiff“ vom Verkehr entlang der stark frequentierten, nach Speyer führenden Landstraße abgeschnitten war, da die Stadt nur noch durch das Ludwigstor oder das Weißenburger Tor betreten und verlassen werden konnte. Auch die meisten Häuser der ehemaligen Vorstadt hatten dem Festungsbau weichen müssen. Doch profitierte man nun von der Garnison, die auch manch anderer Gaststätte bis zum Ende des Ersten Weltkriegs eine Blütezeit bescherte. In den 1860er Jahren scheint der Anbau an das Hauptgebäude entlang der Straße am „Hintereck“ hinzugekommen zu sein. Der Schlussstein über dem Torbogen, der zu einem geräumigen Innenhof führt, trägt die Initialen „E.N.“ samt der Jahreszahl 1864, was den Schluss nahelegt, dass der Wirt Engelhard Neumüller, der das Schiff von 1853 bis 1876 führte, in Zeiten, in denen der Betrieb florierte, diesen Erweiterungsbau vorgenommen hatte. Im ausgehenden 19. Jahrhunderts und um die Jahrhundertwende betrieben Angehörige der Familie Bader das „Schiff“, das in dieser Zeit auch den Namen „Bader’sche Wirtschaft“ führte. Im Anbau betrieb man in jenen Jahren auch eine Bäckerei. Nach dem Ersten Weltkrieg war das „Goldene Zeitalter“ für die Germersheimer Gastwirte mit einem Schlag zu Ende. Nach dem Abzug der bayerischen Garnison fehlten die Gäste, es ging wirtschaftlich bergab. In den 1930er Jahren hatten die Behörden neue Konzessionen nicht mehr erteilt, weil hierfür keine Notwendigkeit mehr gesehen wurde. 1935 waren sich Stadtverwaltung und Bezirksamt gar einig, dass das Wirtshaus unter die „abbauwürdigen Gast- und Schankwirtschaften“ eingereiht werden sollte. Doch das alte „Schiff“ überstand letztlich auch diese Flaute und setzte in den späten 1960er Jahren als „Club-Diskothek Schiff“ mit frischem Wind und bis weit in die 1980er anhaltendem Erfolg die Segel neu. In den 1990er Jahren wechselte der Gebäudekomplex erneut den Eigentümer: Der Disco-Betrieb war längst eingestellt, die Klappläden des einst traditionsreichen Hauses blieben seitdem geschlossen. (lh)

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