Kreis Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Leimersheimer Hungermarsch: Nur Bildung hilft aus der Armut

Hungermarsch 2017 mit Schwester Miguela Keller.
Hungermarsch 2017 mit Schwester Miguela Keller. Foto: van

Im Laufe der Jahre wurden durch die Leimersheimer Hungermärsche rund 800.000 Euro für die Region Akwatia in Ghana gesammelt. Am 3. Oktober marschierten Frauen und Männer Mädchen und Jungen zum 35. Mal. Eine Bilanz.

Eng verwoben mit den Hungermärschen ist Josef Bast, der sich von seiner Schwägerin, der Ordensschwester Christella Emling animieren ließ, nach dem Vorbild des Hungermarsches Ramstein/Landstuhl in Leimersheim einen Hungermarsch zu organisieren. Bast organisierte die Hungermärsche viele Jahre lang, bereits seit mehreren Jahren steht Thomas Danner in der Verantwortung. Maßgeblich zum Erfolg beigetragen hat, dass mit Schwester Miguela Keller, die jahrzehntelang in Ghana wirkte, eine Leimersheimerin für die sinnvolle Verwendung der Spenden sorgte.

Bausteine der Hilfe zur Selbsthilfe

Der erste Leimersheimer Hungermarsch, initiiert vom Sozialausschuss des Pfarrgemeinderates, fand 1985 statt. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Schwester Miguela bereits 22 Jahre in Afrika. Schon von Beginn an wurde die Arbeit von Schwester Miguela aus der Heimat unterstützt, sei es vom „Sonntagsbettler“ Franz Hoffmann, der auch das „Kerweständel“ anfangs als Familieninitiative betrieb, Handarbeitsgruppen, den Weihnachtskonzerten des Musikvereins. Die Hungermärsche bildeten einen weiteren Baustein für die Hilfe zur Selbsthilfe in Ghana.

Anfang der 1980er-Jahre begann Schwester Miguela mit dem Aufbau des Basisgesundheitsdienstes, für den sie Koordinatorin für die Diözese Accra wurde. Da niemand sie beraten konnte, musste sie ihr eigenes Programm erstellen. Sie begann mit ihren Mitarbeitern mit einer Erhebung in einem Dorf, das 20 Kilometer von Akwatia entfernt liegt und dessen Bewohner während der Regenzeit wegen eines Hochwasser führenden Baches oft isoliert waren. Die Verwendung von Bachwasser und offene Gruben als Toiletten hatten zu Durchfallerkrankungen und Wurmbefall geführt. Aufgetreten waren auch Malaria, Masern und andere Infektionskrankheiten.

Sauberes Wasser gegen dreckige Krankheiten

Bei der Untersuchung und Behandlung von Kranken stellten sie fest, dass immer wieder dieselben Krankheiten auftraten, deren Ursachen das verseuchte Wasser und die mangelnde Umwelthygiene waren. 1985 entschlossen sich die Dominikanerinnen zum Bau von Toiletten und Brunnen. Bis heute entstanden 378 Brunnen und 162 Toiletten. Bald gab es in den bis zu 23 betreuten Dörfern nur noch selten Wurmbefall und die Durchfallerkrankungen nahmen ab. Infektionskrankheiten wurden durch Impfungen zurückgedrängt. Unterernährte Kinder gab es bald nur noch selten, ein Ergebnis der Schwangeren- und Mütterberatung, die auch die Demonstration der Zubereitung nahrhafter Kost aus regionalen Zutaten umfasste. Weil sie jedes Dorf nur einmal im Monat aufsuchen konnten, bildeten die Dominikanerinnen Männer in Erster Hilfe aus und gaben ihnen Medikamente, die sie bei leichten Krankheiten ausgeben durften. Traditionelle Hebammen ohne Schulbildung aber mit viel Erfahrung in der Geburtshilfe wurden fortgebildet.

Nicht alle gut gemeinten Projekte funktionierten

Weil sie von der Bausteinproduktion nichts verstand, ging Schwester Miguela erst nach einer Ermutigung auf die Bitte von Misereor ein. Misereor schickte fünf Steinpressen, Schwester Miguela ließ zwei junge Männer an der Technischen Universität von Kumasi ausbilden und ein Vertreter von Misereor hielt einen Kurs in Akwatia. Nachdem der Baustoff Laterit ausgegangen war, stellten sie auf Betonsteine um. Später wurde das Programm einige Jahre lang um Dachziegel ergänzt, bis große Fabriken in Accra Dachziegel herstellten. Die Bausteine wurden nicht nur verkauft, es entstanden mehr als 30 Häuser für arme, kranke und behinderte Menschen und für die Mitarbeiter, eine Ölmühle, eine Garifabrik und ein Kindergarten. Schulen, eine Kirche und das Schwesternhaus wurden renoviert. Seither wurden alle Gebäude des Hospitals aus diesen Steinen gebaut. Von den Projekten der Hilfe zur Selbsthilfe brachten nicht alle den erhofften Erfolg. Eine Ölpalmplantage, die Kakaoplantage, die Hühnerfarm und die Zucht von Schweinen, Schafen, Ziegen und Truthühnern rentierten sich nicht und wurden aufgegeben.

Nur Bildung hilft aus der Armut heraus

Die Schwestern haben sich bemüht, Kranken die Rechnungen zu bezahlen, wenn sie sich die Behandlung nicht leisten konnten, Kindern wurde das Schulgeld, die Bücher und Uniformen, begabten Kindern das Studium oder auch eine Berufsausbildung bezahlt. Schwester Miguela ist überzeugt, dass sich ein Volk nur durch Bildung aus der Armut herausarbeiten kann.

1994 wurden die Schwestern in der AIDS-Aufklärung und der Betreuung infizierter Menschen aktiv und starteten ein Kräutermedizinprogramm. Die Kräutermedizin bezeichnet Schwester Miguela als gut. Das St. Dominic Hospital wurde zu einem der größten AIDS-Zentren unter den Missionshospitälern. Das Kräutermedizinprogramm lief ab 2006 langsam aus, als antiretrovale Medikamente kamen. Sehr erfolgreich ist das 2006 gestartete Programm zur Verhütung der Infektion bei neugeborenen Kindern von HIV positiven Müttern. Im letzten Jahr war kein einziges Kind positiv.

Gefängnishaft menschlicher gestalten

Sehr am Herzen lag Schwester Miguela die Arbeit in einem 75 Kilometer entfernten, stark überbelegten Gefängnis. Dort gab es weder genügend Wasser noch Lebensmittel. Sie erbettelte in Accra Lebensmittel, wo Hilfsgüter gelagert waren. Mit Hilfe von Spenden, die über die der holländische Gefängnispfarrer verfügen konnte, ließen sie zwei Tiefbrunnen bohren. Die Krankenstation wurde neu eingerichtet. Ein politischer Gefangener half, eine alte Hühnerfarm zu renovieren, und kultivierte mit Gefangenen 24 Hektar Land für Gemüse und Ananas. Mit einem Essensprogramm wurden die am meisten abgemagerten Gefangenen versorgt und sie hielt monatlich zwei Kliniktage.

Mitarbeiter als Nachfolger ausgebildet

Viele weitere Projekte liefen parallel. Ab Mitte der 1980er-Jahre wurde für acht Jahre eine Müllabfuhr organisiert. In den 1990ern wurden auf vier Hektar Teakholzbäume gepflanzt und auf weiteren eineinhalb Hektar schnell wachsende Bäume für Feuerholz. 2008 wurden 80 Personen, davon 79 Frauen in Nähschnellkursen ausgebildet. Sie bekamen anschließend Nähmaschinen geschenkt.

Die Mitarbeiter, die die Programme der Dominikanerinnen nach deren Heimkehr 2011 weiterführen, unterstützen das staatliche Gemeinde-Entwicklungsprogramm, unterstützen weiterhin arme und bedürftige Menschen und die Schul- und Berufsausbildung von Kindern und Jugendlichen.

Gottesdienst vor dem Hungermarsch.
Gottesdienst vor dem Hungermarsch. Foto: van
Verpflegung für die Hungermarschierer.
Verpflegung für die Hungermarschierer. Foto: van
Viele Kinder und Jugendliche nehmen an den Hungermärschen teil.
Viele Kinder und Jugendliche nehmen an den Hungermärschen teil. Foto: Iversen
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