Wörth
Längerer Streik im Lastwagenwerk in Sicht
Wenn es am Donnerstag oder frühen Freitagmorgen bei der fünften Runde der Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg keine Einigung mit den Arbeitgebern gebe, „dann werden wir in der nächsten Woche zu 24-stündigen Warnstreiks aufrufen“, kündigt Jörg Köhlinger, Bezirksleiter IG Metall Mitte, auf der Bühne im Wörther Bürgerpark an. Dass die Beschäftigen von Daimler Truck eine solche Entscheidung mittragen werden, daran gibt es laut Aussagen der Anwesenden keinen Zweifel. „Die Stimmung bei uns ist so“, bestätigt ein 37-Jähriger aus dem Kreis Südliche Weinstraße. Man sei kämpferisch. „Das habe ich so noch nicht erlebt. Auch die Kollegen, die heute nicht hier sind, unterstützen uns“, behauptet er.
Um 10 Uhr haben sich die Streikwilligen an diesem Mittwoch vor der Kantine auf dem Werksgelände versammelt. Eine Viertelstunde später ziehen sie mit Fahnen, Trommeln, Trillerpfeifen und lauten Rufen durch Werkstor 1. Davor werden sie mit „Hells Bells“ von AC/DC empfangen. Der Rockklassiker dröhnt aus Boxen, die auf einem Anhänger der IG Metall montiert sind. Eine gute Handvoll Gewerkschaftsfunktionäre sowie zwei- bis dreihundert Kollegen, die aus allen Richtungen hinzuströmen, begrüßen die Streikkolonne. Mit „Thunderstruck“, einem weiteren Klassiker der australischen Hard-Rock-Giganten, als Begleitmusik setzt sich der einige hundert Meter lange Lindwurm in Richtung Innenstadt in Bewegung.
Kurzzeitige Verkehrsbehinderungen
Polizei und Ordnungsamt begleiten den Zug. Alle Straßen wurden abgesperrt, was zu einigen Verkehrsbehinderungen führt. Mehrere Minuten ist es nicht möglich aus Süden oder Osten nach Wörth hineinzufahren. Die Autofahrer geben sich geduldig, für die Forderungen der Metaller haben die Allermeisten Verständnis. „Wer die Preise kennt, will 8 Prozent“, lautet der Schlachtruf, der auf dem Weg zum Bürgerpark immer wieder ertönt.
Diese Forderung wird auch im Bürgerpark von den Rednern immer wieder vorgetragen und verteidigt. „Na ja, 8 Prozent werden wir wahrscheinlich nicht bekommen“, sagt ein Hagenbacher, der seit 21 Jahren bei Daimler beschäftigt ist, „aber 4 bis 5 Prozent müssen es mindestens sein. Aber egal, wir nehmen, was wir kriegen können.“ Die gestiegenen Lebensmittelpreise sowie der seit Wochen auf Höchstniveau verharrende Spritpreis macht den Arbeitnehmern zu schaffen. „Ich habe es ja nicht weit, aber ich habe Kollegen, die kommen jeden Tag aus Bad Dürkheim, die treffen die Benzinpreise hart.“
„Das hat etwas mit Respekt zu tun“
Die Arbeitnehmer hätten während der Pandemie alles gegeben, sich äußerst flexibel gezeigt, jetzt sei es an der Zeit, dass das von den Arbeitgebern honoriert werde, betont Köhlinger: „Das hat auch etwas mit Respekt zu tun.“ Die Arbeitgeber hätten sich seit Sommer nicht bewegt, sie seien stur, das Angebot mickrig. „Dabei machen sie Rekordgewinne, wie die kürzlich veröffentlichten Quartalszahlen von Daimler beweisen“, so Köhlinger.
„Wer sich in der Ökonomie ein wenig auskennt, weiß ja: Das Geld ist immer da, es ist nur in anderen Taschen“, sagt Bürgermeister Dennis Nitsche (SPD), der den Streikenden seine Solidarität versichert. Die Forderung nach einem spürbaren Lohnzuwachs sei angesichts des allgemeinen Preisanstiegs gerechtfertigt. „Selbst in Wörth haben die Mieten inzwischen Großstadtniveau erreicht“, betont Nitsche.
Unterstützung aus dem ganzen Land
Dass die Mietpreise ein großes Problem sind, bestätigt Ömer, der als Vertreter der Auszubildenden auf der Bühne steht. Azubis verdienen naturgemäß nur einen Bruchteil von dem, was ihren älteren Kollegen aufs Konto überwiesen wird. „Aber auch Auszubildende müssen Miete zahlen und einkaufen. 50 Prozent der Auszubildenden haben noch einen Nebenjob, weil es hinten und vorne nicht reicht“, behauptet Ömer.
Unterstützung erfahren die Metaller im Allgemeinen von anderen Gewerkschaften und die Daimler-Mitarbeiter im Besonderen von Kollegen aus dem ganzen Land. So ist extra eine Abordnung des Automobilzulieferers Adient aus dem nordpfälzischen Rockenhausen in die Südpfalz gereist, um sich mit den Daimler-Beschäftigen solidarisch zu zeigen. „Wir dürfen wegen der Friedenspflicht noch nicht streiken, aber wenn es so weit ist, werden wir es tun“, kündigt Karl-Friedrich Wingert, Betriebsratsvorsitzender von Faurencia, an.
Kurz nach 12 Uhr ist die Kundgebung im Bürgerpark vorüber. „Hat denn von euch noch einer Lust, jetzt wieder zurück zur Arbeit zu gehen?“, will Köhlinger wissen. Die Antwort ist klar. „Dann beenden wir den Arbeitstag. Und auch die Spätschicht wird heute um 18 Uhr nach vier Stunden die Arbeit niederlegen“, kündigt der IG-Metall-Bezirksleiter eine weitere Streikmaßnahme an. Sozusagen als letzte Warnung für die Arbeitgeber. „Ich gehe auch nach Hause“, bestätigt ein 48-Jähriger aus Bruchsal auf RHEINPFALZ-Nachfrage. Und wenn nächste Woche gestreikt werde, werde er sich auch daran beteiligen. „Ich trage das alles mit, denn es muss etwas passieren. Wir müssen mehr Geld bekommen!“