Wochen-spitzen RHEINPFALZ Plus Artikel Krisenmanagement wie ein schwerer Unfall

Justitia würde gerne gehört werden.
Justitia würde gerne gehört werden.

Das Krisenmanagement der Stadt Kandel seit der Kündigung der Leiterin einer Kindertagesstätte gleicht einem schweren Verkehrsunfall, bei dem man einfach nicht wegschauen kann, so sehr es einen auch graust. Genauer: Es ist weniger ein einzelner Unfall, als gleich eine ganze Unfallserie – und ein Ende ist offensichtlich noch nicht in Sicht.

Die Stadt hatte der Kita-Leiterin Ende 2019 gekündigt, weil sie – so die Argumentation der Stadt als Trägerin der Einrichtung – nicht genug getan haben soll, um die ihr anvertrauten Kinder vor den sexuellen Übergriffen eines Erziehers zu schützen. Der Mann ist inzwischen verurteilt und in Haft. Die Leiterin der Kita bekam schon recht schnell im Jahr 2020 vom Arbeitsgericht Landau in ihrer Kündigungsschutzklage Recht. Diesen Moment hätte die Stadt nutzen können, um einzuräumen, dass man unter dem Eindruck der schockierenden Vorkommnisse falsch und voreilig gehandelt hat.

Aber nichts davon. Stattdessen geht es mit Rums gegen die nächste Wand. Das Landesarbeitsgericht Mainz bestätigt im Sommer 2021 das Urteil aus Landau, umgesetzt wird es jedoch nicht. Denn: Für die Stadt steht das Kindeswohl an erster Stelle, heißt es immer wieder. Dieses ist tatsächlich ein äußerst hohes Gut – wenn es nicht instrumentalisiert wird. Denn so eine Sorge um das Kindeswohl ist auch eine feine Sache, weil man damit einfach alle anderen Argumente aushebeln kann.

Egal, ob Anfrage im Stadtrat oder per Mail: Wieviel Geld eine hochverschuldete Stadt für sinnlose Verfahren ausgegeben hat? Bitte? Wer kann denn an Finanzen denken, wenn es um das Wohl von Kindern geht? Warum das Gerichtsurteil nicht direkt umgesetzt wurde? Man habe da eine andere Rechtsvorstellung, es gehe schließlich um das Wohl von Kindern, das habe das Arbeitsgericht nicht genug gewürdigt. Wie man zum Umgang mit der Kita-Leiterin steht? Nein, diese Anfrage kann man leider nicht beantworten - das Wohl des Kindes wird schon in der Frage nicht genug gewürdigt. Es wäre wirklich schön, wären diese Beispiele erfunden. Aber das Schmerzhafte ist: All das wurde gesagt und geschrieben.

Nun kann die Stadt Kandel sehr froh sein, dass ihre Bürgerinnen und Bürger offensichtlich ein anderes Rechtsverständnis haben, als diejenigen, die ihr Vorbild sein sollen. Denn sonst würden zum Beispiel Falschparker und nächtliche Lärmer der Verwaltung die Bude einrennen und sich weigern, ihre Bußgelder zu zahlen. Denn die Parkuhr war nicht abgelaufen, man war doch nur gerade zumindest gefühlt in einer anderen Zeitzone. Und das um Mitternacht war auch kein Gegröle, sondern eine kunstvolle, laute Meinungsäußerung. Weil: Wenn man ein anderes Rechtsverständnis hat, muss man sich offensichtlich nicht an die Spielregeln eines Rechtsstaats halten – oder vielleicht doch?

Und mit Vollgas wird die nächste Wand angesteuert. In der Stadtratssitzung am Dienstag geht es wieder um die Kita-Leiterin, natürlich nichtöffentlich. Man werde beraten und über die Einlegung von Rechtsmitteln entscheiden, heißt es da. Als ob nicht schon genug Recht gesprochen wurde, als ob die Auseinandersetzung die Stadt nicht schon geschätzt zirka 100.000 Euro gekostet hat. Und ein externer Berater soll erstmal schauen, an welcher Kita man die voll rehabilitierte Kita-Leiterin einsetzen kann.

Denn an dieser Stelle sei noch einmal betont, dass mehrere Urteile vorliegen, denen zufolge sich die Kita-Leiterin nichts hat zuschulden kommen lassen. Nichts. Aber vielleicht bringt ja der Berater für teuer Geld der Stadt Kandel endlich bei, dass es dem Wohl keines einzigen Kindes dient, wenn man über Jahre versucht, eine Kita-Leiterin durch die fortgesetzte Missachtung von Urteilen mürbe zu machen. Er soll nun die Scherben des Porzellans aufkehren, das von sämtlichen Verantwortlichen mit bemerkenswerter Konsequenz zerschlagen wurde.

Derzeit sind in der Stadt Kandel in beiden städtischen Kitas die Leitungsstellen vakant. Eine dritte Kita-Leitung wartet seit über zwei Jahren darauf, endlich wieder arbeiten zu dürfen. Es soll dem Wohl von Kita-Kindern sehr zuträglich sein, wenn es genug Personal gibt, um sich um sie zu kümmern.

Ein unfallfreies Wochenende wünscht

Nicole Tauer

Mehr zum Thema
x