Kreis Germersheim Kreis Germersheim: Mehr Operationen statt Geburten
Ab Januar wird die Geburtshilfe in der Germersheimer Asklepios-Klinik mangels Hebammen geschlossen. Dafür soll die operative Gynäkologie ausgebaut werden.
Der Countdown zum letzten Baby, das in der Germersheimer Klinik zur Welt kommt, läuft: Zum 1. Januar 2019 haben bekanntlich alle zwölf Hebammen der Geburtsstation gekündigt. Mangels Personal muss die Geburtshilfe danach geschlossen werden. Die Gynäkologie bleibt erhalten. „Die Stimmung ist noch etwas gemischt“, berichtet Stationsleiterin Melanie Thurecht. Aber das medizinische Team arbeite bis zum letzten Moment mit den Hebammen „professionell zusammen“. Wie genau der letzte Tag ablaufen soll, werde noch geklärt, sagt Geschäftsführer Frank Lambert. Einen Rückgang bei den Hochschwangeren für die letzten Wochen sieht Chefarzt Dr. Karl Kunz nicht. „Die, die noch bei uns entbinden können, werden das wahrnehmen“, lautet seine Prognose. Von den etwa 800 Frauen, die 2017 in der Klinik entbunden hatten, kamen etwa 250 bis 300 Mütter aus dem Kreis Germersheim.
Stationsleiterin selbst in der Klinik geboren
13 volle Stellen umfasst die Station, bisher gab es keine weiteren Kündigungen. „Es freut mich, dass das Team stabil bleibt“, sagt Thurecht – die übrigens selbst einmal in der Klinik auf die Welt kam. Die Kinderkrankenschwestern werden, zumindest bis auf weiteres, mit erwachsenen Patienten arbeiten. Von den 30 Betten werden derzeit schon zirka 40 Prozent für die operative Gynäkologie genutzt. Das soll ausgebaut werden. „Als wir 2017 die Geburtshilfe in Kandel verloren haben, wurde die Station neu strukturiert“, sagt Chefarzt Dr. Kunz. Da in Kandel als neuer Schwerpunkt die Geriatrie aufgebaut wurde, waren die räumlichen Möglichkeiten eingeschränkt. „In Germersheim sind Station und Personal da, in Kandel haben wir einen Engpass“, umschreibt Geschäftsführer Lambert die Situation. Das Einzugsgebiet der operativen Gynäkologie in Kandel ist weit: Sehr viele Patientinnen kommen aus Wörth sowie aus Richtung Bergzabern und Dahn, Landau und dem Kreis Südliche Weinstraße. „Die weitesten reisen aus Hauenstein an“, sagt Dr. Kunz. Die Schwerpunkte liegen auf den Bereichen Brustkrebs, Harninkontinenz und Probleme mit dem Beckenboden. Letztere seien typische Beschwerden für Frauen, die früher in der Landwirtschaft schwer körperlich gearbeitet hätten, sagt Kunz. Entsprechende Operationen würden „in der Gegend nicht so oft angeboten“.
Anfang 2019 werden Haus- und Frauenärzte eingeladen
Doch auch die operative Gynäkologie hat sich gewandelt: Früher blieben Frauen nach einer Ausschabung für eine Woche in der Klinik. Heute ist das ein ambulanter Eingriff, insgesamt seien die Verweildauern kürzer geworden, sagt Dr. Kunz. Dafür gibt es lange Wartelisten, gerade im Bereich der sogenannten plastischen Chirurgie. Hier ist weniger von klassischen Schönheits-Operationen die Rede, als zum Beispiel von der Entfernung von Fettschürzen nach einer erfolgreichen Adipositasbehandlung. Er erhoffe sich viel davon, jetzt auch in Germersheim arbeiten zu können, sagt Kunz. Schließlich hätte er jeden Tag eine volle Sprechstunde mit 30 Patienten. Anfang 2019 werden Hausärzte und Frauenärzte eingeladen und bekommen das neue Konzept der Station vorgestellt – natürlich mit dem Hintergedanken, dass sie dann ihre Patientinnen künftig nach Germersheim schicken.
Kliniken müssen sich abgrenzen und Schwerpunkte setzen
Bittere Ironie der Entwicklung: Hebammen konnte die Klinik nicht finden. Aber Ärzte melden sich rege: „Jetzt bekomme ich Anfragen, ob wir Bedarf haben“, sagt Geschäftsführer Frank Lambert und seufzt. Seine Erklärung: Mit Geburten seien die Assistenzärzte auf der Gynäkologie immer im Einsatz gewesen. Das falle ohne Geburtshilfe weg. „Als klinischer Arbeitgeber bin ich jetzt attraktiver für Fachärzte.“ Die werden derzeit auch für eine ganz neue Station gesucht. Im Zukunftskonzept der Klinik, das der Geschäftsführer beim Land eingereicht hatte, war die jetzt aufgegebene Geburtshilfe zwar noch fester Bestandteil. Gleichzeitig hatte Lambert für Germersheim noch eine neue Station vorgeschlagen: die Psychosomatik. „Nur Grund und Regelversorgung geht nicht“, sagt der Geschäftsführer. „Die Kliniken müssen sich voneinander abgrenzen und Schwerpunkte setzen.“ Behandlungen sollen natürlich jeweils standortobergreifend möglich sein. ln Kandel sind das Kardiologie und Geriatrie, in Germersheim sollen es die Gastroenterologie – ab Januar mit neuem Chefarzt – und die Psychosomatik werden Gespräche mit Kandidaten laufen derzeit. „Wir wollen klein anfangen und organisch wachsen“, sagt Geschäftsführer Lambert. Je nach Chefarzt wird zum Beispiel der Schwerpunkt der Psychosomatik eher auf Psychotherapie oder Gestalttherapie liegen. Zu einem geeigneten Zeitpunkt soll auch Kontakt zum Pfalzklinikum (Fachklinik für Psychiatrie und Neurologie) in Klingenmünster aufgenommen werden.