Kandel RHEINPFALZ Plus Artikel Kochbuch mit Geschichten und Gerichten entsteht

Heute gibt’s gefüllte Weinblätter.
Heute gibt’s gefüllte Weinblätter.

Die AG für Toleranz und Geschichtsbewusstsein sammelt Rezepte und Erinnerungen von Menschen, die im engen und auch weiten Sinne mit Migration zu tun hatten. Daraus soll eine aufschlussreiche und leckere Sammlung entstehen.

Eingelegte Weinblätter, in Lake über einige Tage gut durchgezogen, fein gewürzt und abgeschmeckt. Die leckere Leibspeise stammt aus Syrien und man kennt sie auch bei uns. Gerollte Weinblätter mit Füllung gibt es oft beim Döner- und Falafel-Imbiss – und vielleicht bei den Nachbarn?

Weinblätter schaffen Verbindung

Das jedenfalls weiß Julia Barthruff aus Minderslachen seit vorletztem Jahr. Die Nachbarn, Familie Kaddad aus Aleppo, klingelten bei ihr und fragten schüchtern an, ob sie sich ein paar Blätter vom Wein, der in Barthruffs Innenhof üppig wächst, abschneiden dürften. „Wir hatten zuvor keinen Kontakt, außer natürlich, dass man sich grüßt“, sagt Julia Barthruff: „Über die Weinblätter aber hat man sich ein bisschen kennengelernt.“ Dass der Wein sich an den Hauswänden der Höfe und über Kletterstäbe hochrankt, ist ganz typisch für die Südpfalz. Dass man die Blätter kulinarisch nutzt, ist jedoch wenig üblich. Von den Kaddads erfuhr Julia Barthruff denn auch, dass man die Blätter am besten im Sommer erntet, wenn sie schön dick und saftig sind. Und sie erfuhr, dass die Familie seit sechs Jahren in Deutschland lebt, dass die großen Kinder bald mit der Schule fertig sind, dass der Vater tagsüber viel arbeiten geht … Was man halt so spricht unter Nachbarn.

Multikultiprojekt

„Genau so eine Story muss in unser Kochbuch“, hieß es bei der AG für Toleranz und Geschichtsbewusstsein, als Julia Barthruff ihrer Freundin, die AG-Teilnehmerin ist, von der netten nachbarschaftlichen Begegnung erzählte. „Kandel kocht – mit Kultur/en & Geschichte/n“ lautet der Arbeitstitel dieses Kochbuchs der AG, die sich damit ein echtes und faszinierendes Multikultiprojekt vorgenommen hat. „Die Rezepte und das Buch an sich sind der Sammelpunkt“, sagt AG-Mitgründerin und Stadträtin Ulrike Regner: „Im Kern geht es aber um Begegnung und interkulturelles Kennenlernen.“ Die AG möchte, dass die Kandeler ihre Geschichten zu ihrem persönlichen Migrationshintergrund erzählen, immer angeknüpft an irgendein Essen. Das kann die Kindheitserinnerung an die von Mama gekochte Paella sein, an die der spanische Einwanderer bis heute als Erwachsener denken muss, wenn ein einfaches, aber gutes Essen für die große gesellige Runde gesucht wird. Das kann von italienischen Migranten in der zweiten oder dritten Generation die noch immer tief verwurzelte Skepsis gegenüber Schnell- und Tiefkühlpizza sein, die ihnen ihre Eltern und Großeltern mit auf den Lebensweg gaben. Was da alles an Geschichten zusammenkommt, ist noch unklar.

Könnte Weihnachtsgeschenk werden

Ab sofort allerdings wird gesammelt. Die AG hat eigens dafür einen Fragebogen erarbeitet, den alle, die mitmachen wollen, ausfüllen sollen. Wie heißt das Lieblingsrezept und welche Zutaten und Mengen braucht es? In einem Steckbrief sollen alle ein bisschen von sich erzählen und schildern, was es mit dem Lieblingsrezept auf sich hat. Den Fragebogen kann man digital ausfüllen oder ausgedruckt und per Hand ausgefüllt der AG per Post schicken. „Zehn machen auf jeden Fall schon mal mit. Es dürfen gern noch mehr werden“, freut sich Ulrike Regner. Wenn alles klappt, soll das Kochbuch zu Weihnachten dieses Jahr fertig sein. Angedacht ist davor auch ein Koch-Event, bei dem man gemeinsam nachkocht und sich über die Geschichten austauscht. Oder aber es wird, wer mag, bei den Teilnehmern zuhause gekocht, sofern Corona das im Herbst zulässt.

Die AG für Toleranz und Geschichtsbewusstsein hatte sich 2019 in Reaktion auf rassistische und rechtsradikale Demonstrationen in Kandel gegründet. Die AG will mit ihren Projekten das demokratische Selbstbewusstsein aller Kandeler stärken und tritt im Sinne der vom Stadtrat verabschiedeten Kandeler Resolution für Demokratie und Menschenrechte ein.

Morgen Paprika vom Grill.
Morgen Paprika vom Grill.
Übermorgen das – sieht interessant aus.
Übermorgen das – sieht interessant aus.
Und dann das: Linsensuppe, Reis und Gemüse, dazu Brot.
Und dann das: Linsensuppe, Reis und Gemüse, dazu Brot.
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