Rülzheim RHEINPFALZ Plus Artikel Kein Kaffee oder Klatsch beim Coiffeur

Die Frisierplätze hat Gülbahar Bican (hinten links) wegen der Abstandsregeln neu aufgeteilt – was im großen Salon im ehemaligen
Die Frisierplätze hat Gülbahar Bican (hinten links) wegen der Abstandsregeln neu aufgeteilt – was im großen Salon im ehemaligen Modegeschäft Kiekebusch kein Problem war.

Sie wurden schmerzlich vermisst und haben seit Montag wieder offen: die Friseure. Waschen, schneiden, föhnen, färben – mit Mundschutz und unter strengen Auflagen geht das wieder. Kaffee, Klatsch und Zeitungstratsch dürfen sie noch nicht anbieten.

„Sinner widder do? Endlich!“ Unter dem blauen Mundschutz des unverkennbaren Pfälzers, der den Friseursalon Gül betritt, zeichnet sich deutlich ein breites Lachen ab. Er spricht vielen Kunden aus der Seele, deren Haare in den letzten Wochen wie Kraut und Rüben gewachsen sind und die nicht mutig genug waren, selbst Hand anzulegen – oder gescheit genug, die Finger davon zu lassen. Einige Kunden hätten zuhause mit Farbe und Schere experimentiert, weiß Gülbahar Bican. Echte „Katastrophen“ sind ihr aber am Montagmorgen noch nicht unter die Augen gekommen.

Kein Schwätzchen auf der Couch

Ihr Terminkalender ist am ersten Tag nach der Corona-Pause „voll ohne Ende“. Obwohl der Salon länger offen ist als üblich. Und so muss auch der Mann mit dem breiten Grinsen unter der blauen Maske, der auf gut Glück vorbeischaut, am Dienstag wiederkommen. „Ohne Termin darf ich nichts machen“, erklärt die Geschäftsinhaberin. Das ist eine der strengen Auflagen, die seit Montag für Friseure landesweit gelten. Warteschlangen darf es nicht geben. Deshalb hat Gülbahar Bican die gemütliche Leder-Sitzecke im Eingangsbereich, wo die Kunden gern ein Schwätzchen halten, gleich ganz abgebaut. „Wir haben dort jetzt ein Waschbecken zum Händewaschen für die Kunden montiert.“ Statt zu Zeitschriften können sie nun zu Desinfektionsmittel greifen.

Nur das Notwendigste reden

Kaffee ausschenken dürfen die Friseure genau so wenig wie Magazine auslegen. Schlimm genug, dass den Kunden so der neueste Hochglanz-Klatsch aus den europäischen Königshäusern verwehrt bleibt. Auch Dorftratsch – Friseure sind dafür bekanntlich ja Umschlagplätze – kommt nicht unter die Leute. „Wir sollen nur das Notwendigste reden“, erklärt die Friseurin. Wieder eine von vielen Auflagen, die schmerzen. „Die Kunden können gar nicht richtig abschalten. Eine Tasse Kaffee, ein bisschen Service – das will man doch, wenn man zum Friseur geht.“

„Überall wie im Seuchen-Labor“

Vor allem endlich wieder kurze Haare haben möchte Enrico Rapp. „Es wird Zeit“, sagt der 21-jährige Rülzheimer, den eine Etage höher, im Barber-Shop, Harun Bican unter der Kur hat. Fast zwei Monate war er nicht beim Friseur, einen Selbstversuch hat er nicht gewagt. Die strengen Hygienevorgaben seien allemal „besser, als wenn die Friseure ganz zu“ bleiben. Und an das Spiegelbild mit Maske und die vermummten Mitmenschen hat sich der Rülzheimer auch schon gewöhnt: „Man kommt sich ja überall vor wie im Seuchen-Labor.“ Während Enrico Rapp den Mundschutz bald wieder ablegen kann, muss Harun Bican (21) ihn quasi den ganzen Tag tragen. „Nervig“ sei das, meint der junge Friseur und Sohn der Inhaberin.

Nur nasses Haar wird frisiert

Gülbahar Bican steuert den Salon. Die 47-Jährige hat den Eingang im Auge und ein Ohr auf das Telefon, das ständig klingelt. Sie weist die Plätze und Waschbecken zu, denn nur nasses Haar darf frisiert werden. Die Friseurmeisterin ist schon so lange im Geschäft, dass die Corona-Krise sie nicht „aus dem Rhythmus“ bringe. Der Einnahmenverlust der letzten Wochen macht ihr natürlich trotzdem zu schaffen: „Du hast im Kopf, fünf Wochen nachzuholen“, sagt Gülbahar Bican. „Aber das schaffst du niemals. Das ganze Ostergeschäft ist weg.“ Hinzu kommen Mehrausgaben, etwa für Desinfektionsmittel. Kämme, Bürsten, Scheren – alle Werkzeuge müssen nach jedem Kunden desinfiziert, jeder Umhang darf nur einmal verwendet werden. Die Frisierstühle hat die Chefin wegen der Abstandsregeln neu aufgeteilt – was in dem großen Salon im ehemaligen Modegeschäft Kiekebusch kein Problem war.

Christa Wissel ist froh, dass sie endlich wieder hier sitzen darf. Normalerweise kommt sie ein- bis zweimal in der Woche in den Rülzheimer Salon. Mitte März war erstmal Ende mit „waschen, schneiden, föhnen“. Die Corona-Pause hat nicht nur äußerlich Spuren hinterlassen: „Man hat schon ein wenig Bedenken, wenn man jemandem erstmals wieder so nah kommt“, sagt die Hördterin über diesen besonderen Friseurbesuch.

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