Kandel RHEINPFALZ Plus Artikel Kandels Gesicht bleibt bunt

Abstand - Hygiene-Atemschutz: Gastredner Stefan Räpple und das Frauenbündnis Kandel nehmen das wohl nicht so ernst.
Abstand - Hygiene-Atemschutz: Gastredner Stefan Räpple und das Frauenbündnis Kandel nehmen das wohl nicht so ernst.

Rund 60 Personen beteiligten sich am Samstag nach Angaben der Polizei an der Demonstration des „Frauenbündnis Kandel“ gegen die Corona-Auflagen der Bundesregierung und die damit verbundenen Einschränkungen ihrer Grundrechte. Auf der anderen Seite hatte „Kandel gegen Rechts“ zu einer „stillen Protestaktion“ unter dem Motto „Wir zeigen Gesicht“ in den Stadtkern eingeladen.

„Kein Bleiberecht für kriminelle Ex-AFD-Nazis“ stand etwa auf einem Schild der „stillen Protestaktion“. Hier sah man laut Polizei „in der Spitze rund 100 Teilnehmer“, unter ihnen auch Kandels Verbandsbürgermeister Volker Poß sowie den Vorsitzenden der SPD-Landtagsfraktion, Alexander Schweitzer. Das Bündnis „Wir sind Kandel“ hatte sich im Vorfeld bereits an die Gestaltung eines Banners mit 91 Flaggen gemacht. „WIR sind Kandel. WIR sind Menschen aus 91 Nationen. WIR haben keinen Platz für Rassisten“ war da zu lesen. Aus so vielen Ländern der Welt kommen die Einwohner von Kandel, sagten Vertreter der Gruppe, die damit „eine starke Botschaft gegen Rassismus und für Solidarität und Menschlichkeit“ aussenden wollten.

Verfassungsentwurf vorgestellt

Dieses Banner war vor dem Eingangsbereich der Verbandsgemeindeverwaltung angebracht, hing damit auch über dem Pult, an dem im Laufe der zweieinhalbstündigen Demo gleich mehrere Ansprachen auf Einladung des „Frauenbündnisses“ gehalten wurden. Bekanntester Redner war zweifellos der Landtagsabgeordnete Stefan Räpple aus Baden-Württemberg, der seine Zuhörer aufforderte, Widerstand gegen die seiner Meinung nach unrechtmäßigen Beschränkungen der Grundrechte zu leisten und in diesem Zusammenhang gleich seinen eigenen Entwurf für eine neue Verfassung für Deutschland empfahl. Schließlich sei das Grundgesetz ja keine Verfassung, und der Bundestag könne die Grundrechte einfach aushebeln. Räpple, der demonstrativ seine Kandeler Gastgeber, per Handschlag begrüßte und deutlich machte, dass seiner Meinung nach der vorgeschriebene Mund- und Nasenschutz, gefährlich sei, wetterte gegen das politische Establishment und forderte einen „Systemwechsel mit erfahrenen Politikern“: Merkel, Spahn und alle anderen hätten ohnehin versagt, viele seien ahnungslos.

Räpple kündigt Strafanzeige an

Der „Noch“-AFD-Mann, der Ende März wegen „parteischädigendem Verhalten“ aus der Partei ausgeschlossen wurde – die Entscheidung ist allerdings noch nicht rechtskräftig – kündigte auch eine Strafanzeige gegen die Kandeler Verwaltung und die Stadt Kandel an, weil diese den Demonstranten Auflagen machten, gegen die man sich ja wenden möchte. „Was hier und heute geschieht, ist ein Anschlag auf unsere Grundrechte,“ sagte er. Gemeint waren möglicherweise die Vorgaben zum Tragen der Mund- und Nasenschutzes, und der Eintrag der Teilnehmer in eine Liste, die allerdings beim Verantwortlichen der Demo verbleibt. In dieselbe Kerbe hieben zuvor bereits mehrere Rednerinnen, etwa Inge Steinmetz, die nach eigenen Angaben schon 30 Jahre CDU gewählt hatte oder eine Dame aus dem Saarland, die sich nicht weiter „verarschen“ lassen möchte.

Die Demo wurde wieder abgesichert durch einige Dutzend Polizisten, unterstützt durch Beamte der Bereitschaftspolizei und der Bundespolizei, die am Bahnhof Dienst versah. Neue Absperrgitter, die aus Wittlich herangefahren und auch dort wieder hingebracht werden mussten, trennten die Gruppierungen. Ihnen dankte Erster Beigeordneter Michael Gaudier als Vertreter der Stadt ausdrücklich für ihre umsichtige Vorgehensweise und die gezeigte Präsenz an diesem weiteren Protesttag in Kandel. Trotz einiger Zwischenrufe wie „Nazis raus“ verlief die Demo bei Temperaturen von weit über 30 Grad friedlich.

Einwurf: Viel warme Luft

Es war ein heißer Sommertag. Wie die meisten Demonstrationen in Kandel verlief diese zweite nach dem Lockdown friedlich. Die Polizisten in ihrer Ausrüstung, die die Demonstration sicherten, konnten einem Leid tun. Sollte aber wirklich jemand gehofft haben, Alternativen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie mit auch in Deutschland wieder deutlich ansteigenden Infektionszahlen aufgezeigt zu bekommen, der musste jedenfalls enttäuscht nach Hause gehen. An dem Tag gab es einfach nur viel warme Luft.

Kandel hat sein buntes Gesicht gezeigt.
Kandel hat sein buntes Gesicht gezeigt.
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