Kreis Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Kandeler Demos sind Forschungsobjekt

Die Konfrontation von „Rechts“ (vorne) und „Links“ – hier von der Polizei getrennt –, weckte Anfang Oktober das Interesse von Fo
Die Konfrontation von »Rechts« (vorne) und »Links« – hier von der Polizei getrennt –, weckte Anfang Oktober das Interesse von Forschern.

Züge am 6. Oktober wurden von Studenten beobachtet - Ziel: Verlauf von Demos besser vorhersagen

Zum Gegenstand des Forschungsprojekts „Organisierte Umzüge und Demonstrationen im öffentlichen Raum“ (Organized Pedestrian Movement in Public Spaces OPMOPS) wurden die Demos in Kandel am Samstag, 6. Oktober. Erforscht werden soll das Verhalten von Menschenansammlungen, die durch Städte ziehen. Ziel ist eine Software, die vorhersagt, wie sich eine laufende Demonstration entwickelt. Nach Kandel kamen die Forscher auf Vorschlag der Hochschule der Polizei Rheinland-Pfalz.

Forschung in Berlin, Kandel und Mainz

Zu diesem Zweck begleiteten Studenten die Demos in Kandel. Auf Basis von Fragebögen wollten sie Demonstranten interviewen, ihre Gefühlslagen und Eindrücke festhalten. Geleitet wird dieser Teil des Projekts von Professorin Annette Spellerberg (Stadtsoziologie, TU Kaiserslautern). „Wir forschen nicht nur in Kandel“, sagt sie. In Berlin waren die Forscher beim Karneval der Kulturen dabei („Ist vollkommen stressfrei“), in Mainz beim Christopher Street Day („Wird zunehmend politisiert, da kann was kommen“), nächstes Jahr solle der 1. Mai untersucht werden, wo sei noch offen. In Kandel sei das Thema die Rechts-Links-Konfrontation. „Wir haben versucht, mit allen vor Ort ins Gespräch zu kommen, wir sprechen mit allen“, so Spellerberg. Die Forscher wollten Demonstranten vor, während und nach der Demonstration befragen und sie mit Fitness-Armbändern ausstatten, die ihren Stress-Level messen. Das (rechte) „Frauenbündnis“ und (die linke) „Die Partei“ haben eine Zusammenarbeit abgelehnt, so Spellerberg. Die Interviewer waren trotzdem vor Ort: „Die Befragung kann uns niemand verbieten, die Teilnahme ist natürlich freiwillig.“ 99 Fragebögen wurden ausgefüllt. Eine Auswertung liege noch nicht vor, so Spellerberg: „Sie werden noch eingegeben.“

Der Verdacht von "Kandel gegen Rechts"

Außer den Interviewern gab es während der Demonstration Anfang Oktober noch andere Besonderheiten. Ein Gegendemonstrant wurde von einem Polizeihund gebissen, der kaum zu bändigen war – laut Polizei hat der Mann den Hund angegriffen. Teilnehmer der „Kandel gegen Rechts“-Demonstration befürchten, dass dieser Vorfall und weitere Konfliktsituationen möglicherweise von der Polizei mit Blick auf die Forschungsarbeiten provoziert wurden, so Matthias Dieckhoff (Die Partei Karlsruhe). Und zwar ohne Wissen der Forscher. Die Polizei weist dies zurück: „Nach entsprechender Information über das Forschungsprojekt wurden durch die Polizeiführung keine besonderen Maßnahmen im Zusammenhang mit den Demonstrationslagen am 06.10.2018 vorgesehen.“ „Es haben keine Absprachen stattgefunden,“ betont auch Spellerberg. Das wären „unethische Experimente“ und „gegen alle Regeln“.

Demonstrierende als Gruppen betrachten

Wenn eine Demo und Gegendemo angemeldet sind, dann könne man auf Karten nicht nur den Verlauf darstellen, konstruiert Professor Horst W. Hamacher (Mathematik, TU Kaiserslautern) ein Beispiel für die spätere Anwendung der Forschung. Es wäre auch zu sehen „wo Sicht- und Hörweite gewährleistet (ist), damit die Gegendemonstranten zu ihrem Recht kommen“. Gefahrenpunkte wären erkennbar, sagte Hamacher: „Wo könnte man Polizei, medizinische Dienste und Feuerwehr bereitstellen, damit die Sicherheit gewährleistet ist.“ Am Ende soll das Forschungsprojekt auch wirtschaftlichen Nutzen bringen. Zu den „industriellen Partnern“ gehört auf deutscher Seite „virtualcitySYSTEMS“. Dessen Partnerunternehmen sind auf dem polnischen, russischen und asiatischen Markt aktiv. Der französische Projektpartner ONHYS beschäftige sich hauptsächlich mit Simulationsprogrammen, so Hamacher. Hier sei das Problem, dass die Programme zur Zeit die Menschen noch als Einzelpersonen, quasi als Punkte, betrachten. Die Erfahrung mit Modellen, beispielsweise für eine Evakuierung des Betzenbergs, zeige aber, dass Menschen oft in Gruppen zu Veranstaltungen kommen und auch zusammen bleiben wollen. Hamacher: „Eltern beispielsweise gehen nur, wenn ihre Kinder dabei sind.“

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