Kandel
Johann-Heinrich Bindernagel: Wie bleibt man mit 100 Jahren so fit?
Was hat der Mann alles zu erzählen? Stundenlang könnte man sich mit ihm unterhalten über die Kriegs- und Nachkriegszeit und seinen persönlichen Werdegang, der von Schicksalsschlägen nicht ganz frei war. Aber Bindernagel hadert keineswegs damit, ist glücklich über seine „wunderbare Familie“ und noch heute voller Neugier und großem Interesse an so vielem, was in der Welt vor sich geht. Vor allem in den Bereichen Naturwissenschaft und Technik, dafür interessierte sich Johann-Heinrich Bindernagel schon als kleiner Junge im großen Berlin.
Am Freitag darf er einen besonderen Geburtstag feiern: Er wird nämlich, kaum mag man es glauben, wenn man ihn so agil und rüstig erlebt, 100 Jahre alt. In Berlin, wo er geboren wurde, ehe die Familie für zwei Jahre nach Fürstenwalde zog, besuchte er auch die Schule, an die er allerdings keine allzu guten Erinnerungen hat. Denn die Lehrer, die 1940 am Gymnasium unterrichteten, waren zumeist reaktivierte Pädagogen, die oftmals auch von ihrer Haltung her in die damalige Zeit passten. Die jungen Lehrer mussten ja alle an die Front, der Zweite Weltkrieg war gerade ausgebrochen.
Auf dem Pferd an der Ostfront
Schon mit 17 wurde auch Johann-Heinrich Bindernagel von der Schule abgezogen, kam zum Reichsarbeitsdienst und dann, mit 18, als Rekrut in die Wehrmacht. An seine Waffengattung erinnert er sich noch gut: Es war die „berittene Artillerie“, dort absolvierte er sowohl eine Fahr- als auch eine Reitausbildung, ehe er „zur Bewährung“ an die Ostfront abkommandiert wurde. „Dort habe ich sehr schlimme Dinge gesehen“, erzählt er, Geschehnisse, an die er heute aber kaum noch denken möchte. Zwei Überschriften würde er seinem Rückblick auf die Nazi-Zeit geben: So sei diese durch eine ungeheure „Primitivität“ und große „Menschenverachtung“ gekennzeichnet gewesen. Man sei zum Befehlsempfänger ausgebildet worden, der nur „Jawohl“ zu sagen hatte.
Dass er nach einer Kriegsverletzung als Leutnant in englische Gefangenschaft geriet und, weil Erntehelfer fehlten, auf einem großen Bauernhof bei Oldenburg in Niedersachsen eingesetzt wurde, sei eine anstrengende, aber auch eine bereichernde Erfahrung gewesen. Die Reiterausbildung bei der Wehrmacht habe ihm zumindest den Umgang mit den Pferden erleichtert.
Gute Erinnerungen an mutige Mutter
Früh schon hatte der Jubilar auch Verantwortung in seiner Familie übernehmen müssen, nachdem er mit 14 Jahren bereits Halbwaise wurde, als sein Vater starb. Johann-Heinrich, der Älteste, musste sich um seine beiden Geschwister kümmern und seine Mutter unterstützen. An sie hat er heute noch beste Erinnerungen. Sie sei es gewesen, die die Familie gut durch die Nazi-Zeit gebracht habe. „Nicht anecken“, war ihr Prinzip. Das durchzuhalten, sei nicht einfach gewesen in der Hauptstadt des Reiches, wo der Blockwart immer wieder an der Türe klingelte. Denn der Sohn sollte eigentlich für den Besuch der nationalsozialistischen Napola-Schule (Nationalpolitische Lehranstalt der NSDAP) angemeldet werden. Was die Mutter aber geschickt zu verhindern wusste – trotz aller damit verbundenen Risiken.
Nass und sehr kalt sei der Winter 1945/46 gewesen, so erinnert sich Bindernagel, der nach Kriegsende alles daran setzte, seinen lange gehegten Berufswunsch als Elektrotechniker zu lernen. Nachdem Berlin ausgebombt war, zog die Familie zu Verwandten ins Ruhrgebiet. In Remscheid absolvierte er schließlich seine Ausbildung zum Starkstromelektriker und anschließend ein Studium an einer Fachschule.
Daimler brachte ihn in die Südpfalz
Nun war er Ingenieur, fand bald Arbeit und wurde Leiter eines Betriebes mit 350 Mitarbeitern. Aber er suchte eine weitere Herausforderung, die er in einer Stellenanzeige fand. Die Firma Daimler-Benz warb um Mitarbeiter für ihr Werk, das zu Beginn der 1960er-Jahre im südpfälzischen Wörth errichtet wurde. Bindernagel bewarb sich und war lange Zeit für die Instandhaltung der elektrischen Anlagen in vielen Bereichen des Werks verantwortlich, ehe er für weitere zwölf Jahre in die Konzernzentrale nach Stuttgart beordert wurde. Ein Vierteljahrhundert arbeitete er insgesamt für den Daimler-Konzern, ehe er mit 65 dann die Rente erreichte.
Schon früh hatte er sich nach dem Umzug in die Südpfalz nach einem Bauplatz umgesehen, fand diesen schließlich in der Uhlandstraße in Kandel, wo er mit Frau, Sohn und Tochter im Jahre 1965 einzog. Alle drei sind bereits verstorben.
Bindernagel freut sich auf den Besuch seiner einzigen Enkelin, die erst kürzlich das dritte Urenkelchen zur Welt gebracht hat. Der rüstige Uropa, der zum Lesen der Zeitung ein Bildschirmlesegerät installiert hat, interessiert sich nach wie vor für alle technischen Neuerungen. Seine Neugier gilt meteorologischen Ereignissen, ebenso wie etwa der Astronomie, Geografie und Geologie, und natürlich seiner Elektrotechnik. Dabei verfolgt er aufmerksam die weltweiten Entwicklungen.
Wenig essen, kein Alkohol, viel Bewegung
Dass er dies als 100-Jähriger noch so kann, verdankt er auch einer gesunden Lebensweise: einfach und wenig essen, zum Beispiel sehr gerne Dinkel-Vollkornbrot, auf Alkohol verzichten, tägliche Gymnastik, früher fast jeden Abend schwimmen gehen, turnen. Bis vor einigen Jahren kümmerte er sich auch um den Garten hinter seinem Haus. Bindernagel räumt ein, dass er auch immer viel Glück gehabt habe. An drei Ereignisse könne er sich erinnern, „wo ich ihm nochmals von der Schippe gesprungen bin“, erzählt er. Heute empfinde er „Riesendankbarkeit“ zu Gott, aber auch zu seiner Familie.