Kreis Germersheim Jetzt leben sie auf der Straße

Eine Feier im Bürgerpark, ein Fest bei der Tafel, ein Abendessen an Weihnachten bei deutschen Freunden: Fotos zeigen, wie sich Berhane Fiori und Woldu Yosief langsam einleben. Doch das ist Vergangenheit. Die Gegenwart: Am 12. Juli wurde das Ehepaar aus Eritrea nachts abgeholt und nach Italien abgeschoben. Seitdem lebt es in Mailand auf der Straße, seine Wohnung in Maximiliansau steht leer. Es war die erste Abschiebung aus dem Landkreis in diesem Jahr. Die beiden jungen Eritreer waren zwölf Monate unterwegs, bis sie in Italien angekommen waren. Dann haben sie sich weiter nach Deutschland durchgeschlagen, weil in Karlsruhe ein Onkel wohnt. Doch weil sie über Italien in die Europäische Union eingereist sind, gelten sie als „Dublin-III-Flüchtlinge“ – und mussten deshalb auch wieder nach Italien zurück. In Wörth sieht man das anders: „Sie sind im November 2014 angekommen und haben von Anfang an mitgearbeitet“, sagt Thomas Stuhlik, Vorsitzender der Tafel. Berhane Fiori half bei den Kleidungsstücken mit, Woldu Yosief hat Kisten mit Gemüse ausgepackt. Beide nahmen an den Sprachkursen teil, er hätte Arbeit in einer Türenfabrik bekommen, sagt Stuhlik. Gemeinsam mit ehrenamtlichen Sprachlehrern hatten sie am Samstag, 11. Juli, noch bis Mitternacht gefeiert. Danach sind sie nach Hause gegangen. Um 2.30 Uhr wurden sie ohne Ankündigung abgeholt und zum Flughafen gefahren. „Sie haben mich noch angerufen, aber ich hatte mein Mobiltelefon in der Tasche und habe nichts gehört“, sagt Erika Braun betroffen. Sie hatte sich um die beiden gekümmert und hält auch jetzt telefonischen Kontakt. Braun ist besorgt: Die Lage in Mailand sei chaotisch. Da es keine Wohnungen für Flüchtlinge aus Afrika gebe, lebten die beiden jetzt in Italien auf der Straße und hätten kaum genug zu essen. Die Ausweisung sei überraschend gekommen: Zwar hatten sie eine Aufforderung erhalten, nach Italien auszureisen, sagt Stuhlik. Doch ihr Ausweis war bis 18. Juli verlängert worden, im August hätten sie einen Termin beim Gesundheitsamt und in Trier gehabt. Deshalb seien sie davon ausgegangen, dass noch Zeit bleibt. Beim „Tag der offenen Tür“ der Tafel im Juni hätte die Polit-Prominenz, darunter die Bundestagsabgeordneten Thomas Gebhardt (CDU) und Thomas Hitschler (SPD) sowie die Landtagsabgeordnete Barbara Schleicher-Rothmund (SPD), von dem Fall erfahren, erinnert sich Stuhlik. Unter anderem habe Landrat Fritz Brechtel Hilfe zugesagt. „Hätte er gehandelt, hätte man den Termin der Abschiebung verschieben können“, lautet nun Stuhliks Vorwurf in Richtung des Landrats. Die Kreisverwaltung Germersheim verweist auf Anfrage der RHEINPFALZ darauf, dass den beiden „zur menschenwürdigen Ausgestaltung der Rückkehrverpflichtung“ mehrfach die freiwillige Ausreise angeboten worden sei. Da das Ehepaar diese Möglichkeit nicht genutzt habe, sei es abgeschoben worden. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) habe die Abschiebung angeordnet, der Termin sei mit dem Bamf koordiniert worden. Die Klage gegen den Bescheid des Bundesamtes habe keine aufschiebende Wirkung. Stuhlik kann da nur den Kopf schütteln. Er verweist zum Beispiel auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Der Gerichtshof argumentierte, dass nach Italien ausgewiesene Asylsuchende entweder keine Unterkunft finden oder unter problematischen Bedingungen leben müssten. Alle Hoffnungen von Stuhlik und Bauer ruhen nun auf dem Engagement eines Fachanwalts.