VG Lingenfeld RHEINPFALZ Plus Artikel Interview: Wehrleiter berichtet über Einsatzchaos im Ahrtal

Bad Neuenahr im Juli 2021: Dort waren Steffen Andres und seine Kameraden aus dem Landkreis Germersheim nach der Flutkatastrophe
Bad Neuenahr im Juli 2021: Dort waren Steffen Andres und seine Kameraden aus dem Landkreis Germersheim nach der Flutkatastrophe im Einsatz. Vor dem dortigen Kurhotel liegen Autowracks und andere Gegenstände.

Steffen Andres ist Wehrleiter der Verbandsgemeinde Lingenfeld und war im Sommer mit Kameraden mehrere Wochen im Ahrtal im Einsatz. Diese Hilfsaktion bewegt ihn noch heute. Im Gespräch mit Nadine Klose berichtet Andres, was er erlebt hat, was er für die Feuerwehr seiner Heimatgemeinde mitnimmt und welche Herausforderungen in diesem Jahr auf sie warten.

Herr Andres, was hat Sie 2021 mehr gefordert: die Einsätze vor Ort in der VG Lingenfeld oder der Hilfseinsatz nach der Flutkatastrophe im Ahrtal?
Ganz klar, der Einsatz im Ahrtal, der uns alle sehr, sehr gefordert hat. Das war natürlich ein ganz anderes Szenario, das man nie wirklich groß üben kann. So etwas ist bei uns in so einem Ausmaß nicht greifbar. Parallel, als das im Ahrtal passiert ist, hatten wir am Rhein auch Hochwasser. Das heißt, dass alle Rheinanlieger erst gar nicht dorthin entsandt worden sind, weil wir noch die eigene Lage vor Ort hatten. Wir sind erst nach vier Tagen hochgefahren, als sich das Rheinhochwasser entspannt hat. Wir haben das, was im Ahrtal passiert ist, zuvor in der technischen Einsatzleitung in Wörth nebenbei live auf den Warnbildschirmen mitbekommen. Die Bereiche dort wurden plötzlich lila. Erst als wir zu Hause waren und die Bilder gesehen haben, wurde uns bewusst, warum die Warnstufe lila angezeigt worden war.

Wenn Sie nun mit Abstand auf den Einsatz zurückblicken, was nehmen Sie mit?
Wir haben für uns reflektiert, dass wir uns das hier nicht vorstellen können. Wir haben zwar den Rhein als großen Fluss, aber unsere Orte in der VG Lingenfeld befinden sich auf dem Hochufer. Also wenn wir da Hochwasser bekommen, haben wir ein Problem, das man so gar nicht dimensionieren kann. Orte, die näher am Rhein liegen, sind eher gefährdet. Im Ahrtal war vor allem das Gefälle gefährlich, das zu schnell fließendem Wasser führte, dass sich sämtliche Gegenstände an Brücken aufgestaut haben und diese durch den Druck brachen, was zu weiteren Flutwellen führte.

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Was ist aus Ihrer Sicht schlecht gelaufen?
Wir hatten an unserem Einsatzabschnitt in Bad Neuenahr-Ahrweiler einen Einsatzleitwagen einer großen rheinland-pfälzischen Stadt vorgefunden, der dringend wieder zurückmusste. Warum, das ist bis heute Gegenstand verschiedener Anfragen an die Landesregierung, auch meinerseits. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Fahrzeug in der Heimatstadt gebraucht wurde, wenn im Land ein solches Katastrophenszenario herrscht. Mit dem Abzug des Fahrzeugs ist auch die gesamte Führungsstruktur weggebrochen, was desaströs war. Man muss Personal austauschen, keine Frage. Aber wir mussten uns erst einmal wieder neu strukturieren. Was auch schwierig war: dass es zwei Bereitstellungsplätze für alle Hilfsorganisationen am Nürburgring und bei der Firma Haribo gab, es für uns am Anfang aber ein Rätsel war, wie wir die Einheiten von dort zu uns bekommen sollen. Wir haben unseren Bedarf zwar immer wieder an die zugesagte Stelle gemeldet, aber es kam niemand. Ich habe mir zeitweise damit geholfen, dass ich Marschbefehle geschrieben und Leuten mitgegeben habe, die zum Nürburgring gefahren sind und die Einheiten geholt haben. Einmal stand nachts einer von einer Sanitätsbereitschaft vor der Tür und meinte, dass er 34 Krankentransportwagen dabeihabe. Die hatten wir zwar nicht bestellt, konnten sie aber gebrauchen. Später wurden sie dann wieder abgezogen. Das war so chaotisch. Einheiten, die man gebraucht hat, kamen nicht, und andere, die man nicht bestellt hatte, waren da. Aus dem ganzen Chaos das Beste zu machen, war die Kunst aller – bei dieser Schadenslage, dem großen Schadensgebiet und der nicht vorhandenen Ortskenntnis unsererseits.

Was lief gut und wie hat sich Ihre Sicht auf Ihr Ehrenamt seit dem Einsatz verändert?
Was gut gelaufen ist, war die Zusammenarbeit über alle Hilfsorganisationen hinweg. Du hast die Leute nicht gekannt, und wir haben einfach zusammengearbeitet, das war bemerkenswert. Es war Wahnsinn zu sehen, was wir als Hilfsorganisationen in der Lage sind zu leisten. Ich habe, glaube ich schon, eine recht realistische Sicht, was das Ehrenamt kann und leistet und wofür es steht. Das Problem ist, natürlich viel mehr, dass diese Denkweise an anderen Stellen entweder noch nicht vorhanden ist oder war. Was das Ehrenamt hier geleistet hat, wäre anders nicht machbar gewesen. Wir haben nachts spaßeshalber mal ausgerechnet, dass wir eigentlich das gesamte freiwillige feuerwehrtechnische Führungspersonal des Bundes gebraucht hätten, um eine Führungsstruktur nur fürs Ahrtal nach Vorschrift zu generieren.

Welche Herausforderungen stehen für die Feuerwehr in der VG Lingenfeld in diesem Jahr an?
Eine große Erleichterung wäre für uns, wenn es die Corona-Lage zulässt, dass wir mal wieder in einen regelmäßigen Übungsbetrieb einsteigen können. Am Anfang war das alles machbar, der Übungsstand war hoch, aber nun sind schon zwei Jahre vergangen. Zum Glück haben wir neue Kameraden und Kameradinnen dazugewonnen, aber auch die müssen sich in die jeweiligen Ortswehren einfügen, und das geht halt beim besten Willen nur bedingt online. Man muss sich auch mal sehen, man muss zusammenarbeiten, man muss verstehen, wie die Leute ticken. Bei uns sind es Ad-hoc-Lagen. Wenn es nachts um drei brennt, muss jeder funktionieren, und dafür braucht es die Übung und auch das kameradschaftliche Beisammensein. Wir vermissen teilweise auch die Sicht auf die Ehrenamtler, die diese Präsenz einfach brauchen. Wir versuchen ja, das Infektionsrisiko so gering wie möglich zu halten, indem wir Maske tragen und bei Übungen, die im Innenraum stattfinden müssen, alle noch zusätzlich getestet sind.

Ist die Feuerwehr gut gerüstet?
Ja. Das darf auch immer mal wieder Gehör finden: Die Verbandsgemeinde Lingenfeld ist eine der höher verschuldeten im Landkreis, aber ich habe das große Glück, dass mein Vorvorgänger Frank Leibeck Bürgermeister ist und er und der Gemeinderat immer ein offenes Ohr haben. Wir kriegen trotz klammer Haushaltslage alles, was wir brauchen und gut begründen können. Großes Lob auch in diese Richtung, das ist nicht selbstverständlich. Ich habe Kollegen, die kämpfen um jeden Schlauch.

Was wünschen Sie sich für dieses Jahr?
Keine Lage wie im Ahrtal. Immer wenn wir nicht ausrücken müssen, geht es der Bevölkerung gut. Das ist ein kleines bisschen widersprüchlich, weil wir unser Training auch gerne anwenden. Aber ich wünsche mir, dass wir im zivilen Bereich und bei den Kameraden keine Schäden davontragen.

Zur Person

Steffen Andres (35) ist seit fast fünf Jahren Wehrleiter der Verbandsgemeinde Lingenfeld. Er kam mit zehn Jahren durch einen Freund zur Feuerwehr. Der Westheimer arbeitet hauptberuflich als Chemietechniker bei der BASF in Limburgerhof.

Steffen Andres
Steffen Andres
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