Kreis Germersheim Interview: „Kandel nicht im Stich lassen“

Placeholder-Image

Der Frankfurter Politikerwissenschaftler Fabian Jellonnek ist Experte in Sachen „Rechtsextremismus“. Die RHEINPFALZ fragte ihn nach seiner Einschätzung der Demonstrationen in Kandel.

Sie haben am 3. März in Kandel die AfD-Demonstration beobachtet. Wen haben Sie gesehen?

An der Demo haben verschiedene Gruppierungen aus dem rechtsextremen Spektrum teilgenommen. Darunter waren auch Personen und Gruppen, die in der Vergangenheit mit Gewalt aufgefallen sind. Beispielsweise Organisatoren der „HoGeSa“-Ausschreitungen 2014 in Köln. Außerdem waren viele rechtsextreme Parteien in Kandel vertreten, wie „Der III. Weg“, „die Rechte“ oder Politikerinnen und Politiker der NPD. Ich habe auch einen Teilnehmer beobachtet, der einen Pulli mit der Aufschrift „I love NS“ trug, also offen seine Bewunderung für den Nationalsozialismus zur Schau trug. Wie kommen solche Gruppierungen auf eine ansonsten doch eher bürgerlich geprägte Veranstaltung? Ich habe die Veranstaltung nicht als bürgerlich geprägt wahrgenommen. Aus meiner Sicht war dies der Schulterschluss von AfD und rechtsextremer Szene. Im Fall der stark vertretenen Hools gehe ich davon aus, dass sie über einen Vertreter aus dem Orga-Team mobilisiert wurden. Der ist in der Vergangenheit selbst bei Demos der Hooligan-Szene als Redner aufgetreten und hat seine Rede in Kandel mit dem Szenegruß „Ahu“ abgeschlossen. Natürlich wurde dieses Spektrum auch über das abends veranstaltete Konzert der Bremer Szeneband „Kategorie C“ angelockt. Ich glaube nicht daran, dass dieses zufällig am selben Abend ganz in der Nähe stattfand. Welche Ziele verfolgen ihrer Meinung nach die AfD-Politikerinnen, die die Organisationsplattform „Kandel ist überall“ verantworten, mit der Öffnung zu Hooligan-Gruppen und anderen? Die AfD, insbesondere der Flügel um Höcke, dem Frau Baum zuzurechnen ist, will sich als sogenannte „Bewegungspartei“ inszenieren. Das heißt, sie setzen Großdemos auf der Straße ein, um sich von einem angeblichen „politischen Establishment“ zu unterscheiden. Dem werfen sie vor, in Parlamenten nur um Posten zu schachern. Sich selbst wollen sie dagegen mit solchen Demos wie „Kandel ist überall“ als volksnah inszenieren. Das kann nur funktionieren, wenn man genug Leute auf die Straße bringt. Der AfD im Südwesten scheint dabei jedes Mittel recht. Weil sie vor Ort kaum Leute motivieren können, an ihrer Demo teilzunehmen, laden sie aus ganz Deutschland rechtsextreme Gruppierung ein. Die nehmen so ein Angebot von einer Partei mit Bundestagsfraktion natürlich gerne an: Es wertet ihre politischen Anliegen, die eigentlich nicht gesellschaftsfähig sind, ungemein auf. In diesem Zusammenhang ist auch die jüngst beschlossene Öffnung zu PEGIDA zu verstehen. Was erwarten sie für Samstag? In der Facebook-Veranstaltung findet man unter den Zusagen abermals bekannte Personen aus dem rechtsextremen Hooligan-Milieu, ob die tatsächlich wieder die mitunter weite Anfahrt in Kauf nehmen, bleibt abzuwarten. Frau Baum hat ihre Demonstration am Samstag zwischenzeitlich in einem Video als „große Party“ bezeichnet. Das zeigt, wie schamlos die Organisatoren dieser Demonstrationen die Ereignisse in Kandel missbrauchen. Die rechte Mobilisierung läuft bundesweit und soll auch bundesweit ein Signal setzen. Aber ich hoffe, dass dieses Mal mehr Gegendemonstranten nach Kandel fahren. Rechte Mobilisierungen erleben derzeit einen Aufwind. Die demokratisch gesinnte Zivilgesellschaft sollte Orte, die davon betroffen sind, nicht im Regen stehenlassen.

x