Kreis Germersheim Im Zweifel hilft die Heckenschere

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Am Rande des Reitplatzes von Daniela Paul in Hagenbach steht ein Auto. Eine Frau versucht eine andere, die bewusstlos scheint, hinter dem Lenkrad hervorzuziehen. Eine Gruppe von Leuten schaut zu. Glücklicherweise ist dies nur eine Übung – ein Erste-Hilfe-Kurs speziell für Reiter und Outdoor-Notfälle. Die 14 Teilnehmer, die aus der Süd- und Vorderpfalz angereist sind, proben den Ernstfall: eine Frau hatte einen Wildunfall mit den Wagen, ist mit dem Kopf gegen das Lenkrad geschlagen, hat eine blutende Kopfwunde und ist bewusstlos.

Mareike Schmitt ist Erste-Hilfe-Ausbilderin des Deutschen Roten Kreuzes und von den Pferdefreunden Kirchheimerhof (Heidelberg) angereist. Sie bietet Kurse für Reiter an, die möglichst wirklichkeitsnah mit Rollenspielen ausgeführt werden. „Denn nur unter realen Bedingungen und mit praktischem Üben kommt die Handlungssicherheit im Notfall“, ist Schmitt überzeugt, die Lehrerin ist und selbst reitet. Genau nach diesen Rahmenbedingungen hatte Daniela Paul gesucht und im Ausbildungsangebot der Pferdefreunde gefunden. Da der Kurs von der Berufsgenossenschaft anerkannt ist, also beispielsweise von Führerscheinanwärtern benutzt werden kann, müssen gewisse Inhalte enthalten sein wie das richtige Absetzen eines Notrufs, die Herz-Lungen-Wiederbelebung, die stabile Seitenlage und der Druckverband. Hinzu kommen Themen wie die Unfallvermeidung im Stall, Situationen nach Pferdeunfällen und die Notfalltasche, die bei jedem Ausritt dabei sein sollte. Weiter geht es mit der Übung. „Die Verletzte mit dem Oberkörper zu sich drehen, den einen Arm der Person über deren Bauch legen, mit beiden Händen von hinten durch deren Armbeugen greifen und ziehen – aber jetzt nicht wirklich fest, das geht direkt ins Kreuz“, warnt Schmitt. „Bei der Übung helfen die Patienten dann mit.“ „Braucht man denn ein Gurtmesser?“, fragt der einzige Mann in der Runde. „Eventuell schon“, antwortet die Ausbilderin. „Die sind aber normalerweise nicht mit in den Verbandskästen.“ „Ich hab immer Heckenscheren dabei“, ist der pragmatische Kommentar von Daniela Paul. Das Gelächter ist groß, doch trotz lockerer Atmosphäre sind alle konzentriert bei der Sache. Dann wird die Verletzte hinter das Auto auf den Boden gelegt. Die Helferinnen setzen in einem fingierten Telefonat den Notruf ab, erklären wo was passiert ist, wie viele Personen betroffen sind und wie der Zustand der Verletzten ist. Diese ist zu sich gekommen, sitzt und erhält einen Verband für ihre Kopfwunde. Eigentlich war sie nicht stark blutend, doch da wird von den Teilnehmerinnen umdisponiert, damit der Druckverband nochmal geübt werden kann. Damit alles echt wirkt, kommt Kunstblut zum Einsatz. „Redet mit den Leuten, fragt sie, wie es ihnen geht. Beruhigt sie, der seelische Beistand ist auch sehr wichtig“, ergänzt die Ausbilderin. Dann kommt die Rettungsdecke zum Einsatz, „denn mit Unterkühlung ist bei solchen Situationen nicht zu spaßen.“ Der Trubel, das Knistern der Mullpäckchen und der Decke locken auch Hofkater Popeye an, der alles ganz genau anschaut. Das könnte ihm nie passieren: „Wenn ihr ein Pferd dabei habt, passt bitte auf, wenn ihr mit der Rettungsdecke hantiert – einige kann das verschrecken“, erinnert Schmitt. Immer wieder lässt sie pferdespezifische Momente mit einfließen. Dann bereitet die Ausbilderin einen Zirkel mit vier Stationen für Rollenspiele vor: einen Sturz vom Pferd, eine Schnittwunde durch ein Hufmesser, das Wegbringen einer Person von der Straße und das Abnehmen eines Helms. Das schauen sich alle an, bevor sie in Kleingruppen üben. „So ein Helm ist unter Umständen gar nicht so leicht zu öffnen“, sagt Schmitt, nachdem sich zwei Helferinnen erfolglos bemühen, den Verschluss schnell auf zu bekommen. „Wichtig ist, den Kopf danach die ganze Zeit in den Händen zu halten und nicht abzulegen, bis die Rettung kommt.“ Fehlt noch die Rettungsdecke. Die sollen die Helferinnen zur Hälfte unter die Verletzte schieben, um sie nach der Drehung in die stabile Seitenlage auf der anderen Seite herauszuziehen und zuzudecken. „Hm, also dafür krieg ich keinen Schönheitspreis“, stellt eine der Frauen fest. „Ihr seht, was verbessert werden kann – dafür üben wir hier“, sagt Schmitt. „Ich finde die anderen normalen Kurse , wenig passend. Als Reiter unter Reitern mit realen Bedingungen hat man nochmal eine ganz andere Motivation, sich mit dem Thema Erste Hilfe auseinanderzusetzen“, berichtet Luise Stuppi aus Schweigen. Ein Kurs dieser Art veranstaltet die Inhaberin des Reiterhofes Daniela Paul zum ersten mal. Doch war die Nachfrage sehr groß, so dass sie sich vorstellen könnte, eine Wiederholung anzubieten. (kbro)

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