KANDEL RHEINPFALZ Plus Artikel Im Lockdown auf den Hund gekommen

Hundesalon eröffnet: Sandra Jung baut beruflich auf ihr Wissen über die Vierbeiner.
Hundesalon eröffnet: Sandra Jung baut beruflich auf ihr Wissen über die Vierbeiner.

Der nötige Abstand zu anderen Menschen und die teilweise neu gewonnene Zeit brachte etliche Menschen auf den Hund, die Katze oder ein Kaninchen. Während in Kandel ein neuer Hundesalon für die Vierbeiner eröffnet, wächst in Tierheimen die Sorge, welche Folgen die wachsende Nachfrage nach Haustieren hat.

„Es ist wie Weihnachten. Wochenlang bereitet man alles vor und plötzlich ist es da“, freute sich Sandra Jung auf die Eröffnung des Hundesalons Pfötchenglück in Kandel. Ihre Oma war Hundezüchterin und habe ihr früh ein „Händchen für Hunde“ vermittelt. Als Termin für die Eröffnung des neuen Salons wählte die Enkelin „zu Ehren meiner Oma“ deren Geburtstag am 15. März.

„Angst habe ich keine“

Als Jung im vergangenen Jahr durch die Corona-Krise „unverschuldet in die Arbeitslosigkeit rutschte“, habe sie mit Mitte 40 keine Arbeit mehr gefunden. „Ich musste überlegen, was ich mache und wie ich mich und meine zwei Kinder durchbringen soll“, sagt die Alleinerziehende. Dann habe sie sich an die eigene Kindheit erinnert. „Ich konnte schon immer mit Hunden. Freunde und Bekannte fragten mich regelmäßig nach Tipps zur Hundeerziehung“. Jung dachte sich „jetzt bin ich mutig“ und entschied sich für einen eigenen Hundesalon. Respekt habe sie vor der neuen Aufgabe als Existenzgründerin – aber „Angst habe ich keine“.

„Meine Idee ist Nachhaltigkeit mit der Unterstützung regionaler Produktion zu verbinden“, sagt Jung. Neben dem Frisieren der Hunde will sie mit einem „vielseitigen Sortiment“ dem Internet-Handel etwas entgegensetzen. „Es spaltet sich auf. Die Menschen kaufen entweder schnell und billig über das Internet oder schätzen eine regionale Beratung“, sagt sie. Felle von einer kleinen Schäferei, Leinen aus einer Manufaktur oder Smoothies und Leckerlis vom örtlichen Metzger bietet sie ebenso an wie Massagen und Therapien. „Ich bin nicht nur Friseur, sondern will mich ganzheitlich um das Wohlergehen der Hunde kümmern“. Abhängig von Größe, Rasse, Fellbeschaffenheit und Temperament des Hundes würde die Hunde zwischen ein und zwei Stunden im Salon verbringen.

„Boom“ in Hundesalons nicht angekommen

Mit der Corona-Krise sei die Zahl der Haustiere sprunghaft angestiegen, berichtete die Tierschutzorganisation Tasso jüngst. 2020 seien in ihrem Register bundesweit 25 Prozent mehr Hunde registriert worden als im Jahr zuvor. In den Hundesalons im Landkreis ist der Boom bislang nicht angekommen. „Es gibt mehr Hunde, aber vom Geschäft kann ich nicht sagen, dass das jetzt explodiert“, sagt Ramona Gabriel, die in Bellheim Hunde frisiert. „Die Menschen wussten nicht, dass die Hundesalons in Rheinland-Pfalz trotz Lockdown offen bleiben durften“. Im Gegensatz zu den Menschen durften Hunde nach der Verordnung der Landesregierung weiter frisiert werden. Doch mit der Schließung der Friseursalons „verstummte das Telefon“ auch beim Hundesalon Gabriel. Auch Manfred Dennler sieht mehr Hunde, doch in seinem Neuburger Hundesalon habe sich „an der Kundschaft nichts geändert“, sagt er.

Ein stetiger Boom bei Hunden durch die Corona-Krise ist in den Städten im Landkreis nicht überall zu spüren. In Germersheim stieg die Anzahl der registrierten Hunde 2020 zwar leicht, doch sank sie in den ersten Wochen des Jahres wieder auf das Niveau des Jahres 2019. Umgekehrt ist es in Wörth. Zum Jahresende 2020 gab es dort mit 950 Hunden zwei Prozent weniger als im Vorjahr. In den letzten Wochen stieg ihre Zahl aber leicht an. In Kandel verzeichnet die Stadtverwaltung dagegen in den vergangenen vier Jahren ein stetiges Wachstum der steuerpflichtig angemeldeten Hunde. Momentan seien in der Stadt 533 Hunde gemeldet.

Große Nachfrage in den Tierheimen

„Das Interesse an Katzen, Hunden und anderen Haustieren ist riesig“, sagt demgegenüber Christina Heim vom Tierheim Landau. „Wir haben täglich Anfragen und die Leute stehen sogar vor dem Tor Schlange“. Für die große Nachfrage macht sie vor allem Corona verantwortlich. „Im ersten Lockdown sind die Anfragen extrem angestiegen, nach den ersten Lockerungen im Sommer kamen die ersten Hunde zurück. Jetzt im zweiten Lockdown hat die Nachfrage dagegen noch mal deutlich angezogen“.

„Tiere nicht einfach aussetzen“

Die große Nachfrage bereitet ihr auch Sorgen. „Wenn die Urlaubszeit losgehen sollte, befürchten wir einen extremen Anstieg der Rückgaben.“ Sie hofft zumindest, dass „die Leute vernünftig sind und die Tiere nicht einfach aussetzen“. Da fast alle neuen Tierhalter Welpen wollten, seien die Sorgen noch größer. „Wenn sich nicht in den ersten Jahren nicht ausreichend und vernünftig um die Tiere gekümmert wird, dann werden gerade Hunde zu Problemfällen“, befürchtet Heim. Weil die Hundeschulen geschlossen sind, bleiben die neuen Besitzer mit ihren Erziehungsaufgaben alleine.

Auch bei der Tierauffangstation Terra Mater in Lustadt schaut sich das Team „die neuen Tierhalter daher ganz genau an. Wer will da einen Hund oder einen Vogel“, sagt Kathi Ahuis. Rückgaben seien aktuell selten, „weil wir das vorher alles abgeklärt haben“. „Das größte Problem ist, wenn die Tiere im Internet gekauft werden und nicht so stark kontrolliert wird, an wen die Tiere gegeben werden oder woher die Tiere kommen“, betont sie. Aufklärungsarbeit sei sehr wichtig. „Ein Hund heißt einfach Arbeit. Das unterschätzen viele“, sagt auch Heim. Für die Rückgabe der Tiere sei aber nicht allein Überforderung verantwortlich. „Wir hatten zwei Fälle, da mussten die Hunde abgegeben werden, weil durch Corona der Job und das Einkommen weggebrochen ist“, sagt sie.

Heim appelliert an alle, die über ein Haustier nachdenken, „sich wirklich Gedanken darüber machen, dass ein Tier nicht nur für eine Beschäftigung für die Corona-Zeit ist, sondern eine Verantwortung für das ganze Tierleben bedeutet“. Die Leidtragenden seien sonst immer die Tiere.

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