Kandel RHEINPFALZ Plus Artikel Im falschen Geschlecht geboren

Gehen den Weg gemeinsam: Noah Roth und seine Mutter. Julie Roth begleitet ihren Sohn auch zur Operation nach Berlin.
Gehen den Weg gemeinsam: Noah Roth und seine Mutter. Julie Roth begleitet ihren Sohn auch zur Operation nach Berlin.

Er trägt das hässlichste Kostüm der Welt. Tag für Tag. So beschreibt Noah Roth das Leben im biologisch falschen Körper. Noah wurde als Nadine geboren, ist Transgender, und steht kurz vor der geschlechtsangleichenden Operation.

Eine junge Frau. Die blonden Locken hochgesteckt. Ein kurzes grünes Kleid. So sieht Noah auf einem Foto von seinem Abiball aus. Jeans, T-Shirt, Kurzhaarschnitt, Bartstoppeln im Gesicht, tiefe Stimme, ein junger Mann. Das ist Noah Roth heute. Er hat eine Hormontherapie gemacht und seinen Vornamen geändert. Doch der für ihn entscheidende Schritt steht noch aus. „Ich schäme mich für meinen Körper“, sagt der 24-Jährige. „Ich kann mich nicht damit identifizieren. Die Verpackung stimmt einfach nicht.“ Noch im November ist sein Termin für die OP.

„Mit 18 stand für mich felsenfest: Ich werde ein Mann“, erzählt Noah Roth. In den Jahren zuvor, vor allem in der Pubertät, waren die Gedanken und Gefühle nicht immer so klar. Die körperlichen Veränderungen machten ihm schwer zu schaffen. Zu Jungs habe er sich nicht hingezogen gefühlt. „Ich habe mich selbst als heterosexuellen Mann wahrgenommen. Aber ich wusste nicht, ob das nur eine Phase ist.“ Er habe die Gefühle nicht wahrhaben wollen, hat sie verdrängt. Mit 16 rutschte er in Depressionen, verletzte sich selbst. „Ich hab das auf andere Gründe geschoben“, sagt er heute. Eine Psychologin habe ihn schon damals gefragt, ob er sich überhaupt wie ein Mädchen fühlt. Er habe „Ja“ gesagt – und sie angelogen.

Eine Weile weg von zuhause

Noah suchte Distanz. Zur Familie, zu Freunden, zur Heimat. Ging für ein Studium nach Thüringen. Fremden Leuten gegenüber fiel es ihm leichter, sich zu offenbaren. „Ich hab mich Stück für Stück dem Ganzen gestellt. Oft gleich im ersten Gespräch gesagt, dass ich mich im falschen Körper fühle. Komm damit zurecht oder lass es sein.“ Von Vielen erntete er Respekt und Zuspruch – auch von seiner Schwester und der besten Freundin zuhause, denen er sich schon vor dem Studium anvertraut hatte. „Dann kam das Outing gegenüber meiner Mutter.“

Hilflos, aber nicht wirklich geschockt. So beschreibt Julie Roth die emotionale Achterbahnfahrt. Was denken die Anderen? Hätte ich früher etwas merken müssen? Diese Fragen trieben sie um, erzählt Noahs Mutter. Sie informiert sich, nimmt Kontakt zu Balian Buschbaum auf, einem prominenten Transgender. Vor seiner Operation war er als Stabhochspringerin Yvonne Buschbaum erfolgreich. Zusammen mit Noah besucht sie ihn. „Die Begegnung war phänomenal.“ Das seelische Leid ihres Sohnes sei ihr da bewusst geworden. Heute, drei Jahre später schaut sie auf Fotos von früher, vom Familienurlaub, von Nadines Abiball und sagt: „Es sah einfach nicht richtig aus.“

Schnell im Stimmbruch

Für sein Outing hat Noah seine Mutter zum Psychologen mitgenommen. „So konnte keiner der Situation entfliehen“, erzählt er. Überrascht war Julie Roth vor allem darüber, wie weit sich Noah bereits über die Geschlechtsumwandlung informiert hatte. Im November 2018 hat er dann eine Hormontherapie begonnen. Zuvor musste er ein Jahr in psychologische Behandlung und das Gutachten eines auf Transsexualität spezialisierten Arzts vorlegen. „Anderthalb Monate später war ich im Stimmbruch“, berichtet er. Für den Antrag auf Namensänderung brauchte es eine zweite Expertenmeinung. Es folgte eine Anhörung vor Gericht. Seit letzten Februar steht im Ausweis nicht mehr Nadine. Seinen Zweitname Charlotte wollte er nicht ganz streichen. „Das ist der Name meiner Oma.“ Jetzt nennt er sich Noah Charles.

Die Großmutter steht wie der Rest der Familie, Freunde und sein Arbeitgeber hinter Noahs Entscheidung. „Mir ist wichtig, dass meine Kinder gesund sind – seelisch und körperlich“, sagt die Mutter. Und dass Noah sein Ziel schnellstmöglich erreicht. Der 24-Jährige hat sich für eine so genannte All-In-One-OP in einer Berliner Privatklinik entschieden. Statt in mehreren Eingriffen gleichen die Ärzte in nur einer Operation das Geschlecht an, entfernen die Brüste und Gebärmutter und bauen den Penis aus Unterarmgewebe auf. Auch für diesen letzten Schritt war das Gutachten eines Psychologen nötig. Die Krankenkasse möchte die Kosten nicht übernehmen. Die Geschlechtsangleichung in mehreren OPs würde sie bezahlen. „Ich habe alle bürokratischen Voraussetzungen erfüllt und trotzdem machen sie mir das Leben schwer“, sagt Noah Roth.

Nicht zig Male „unters Messer legen“

Das Einzelschritt-Verfahren könnte sich über mehrere Jahre hinziehen, erzählt er. Die einmalige OP sei sogar günstiger als das schrittweise Verfahren, die Kosten lägen um die 55.000 Euro. Die Familie hat eine Hypothek aufgenommen. Er hat eine Klage gegen die Entscheidung der Krankenkasse eingereicht. Und einen Spendenaufruf gestartet. 9000 Euro seien bislang auf dem Konto. Mit der Aktion und seiner Geschichte möchte er zudem anderen Transgender Mut machen, zu ihren Gefühlen zu stehen.

Die Krankenkassen dürfen nur die Kosten für Behandlungen in Hochschulkliniken und Krankenhäusern übernehmen, mit denen ein Versorgungsvertrag besteht, teilt die DAK auf RHEINPFALZ-Anfrage mit. Privatkliniken zählen nicht dazu. Die All-In-One-Methode sei „ein neuartiges OP-Verfahren, das bisher nicht in Vertragskrankenhäusern praktiziert wird“. Im Einzelschritt-Verfahren seien in der Regel vier Operationen im Abstand von mehreren Monaten nötig.

Noah Roth möchte sich nicht viele Male „unters Messer legen“, um immer wieder aus einer OP zu erwachen, mit dem Wissen, das dies nicht die letzte ist. Immer wieder aus dem Arbeitsleben – er ist Landschaftsgärtner – herausgerissen werden. „Das ist Lebenszeit, die mir geraubt wird. Ich bin 24 Jahre alt und möchte mein Leben leben. Das sollte mein Recht sein“, meint er. Vor anderthalb Jahren hat Noah Lisa kennengelernt. Die beiden wurden ein Paar. Auch wegen ihr will Noah nicht noch mehr Jahre im falschen Geschlecht verschenken.

Info

Wer Noah Roth unterstützen möchte, kann spenden: Sparkasse Germersheim-Kandel, Begünstigter Noah Roth, IBAN: DE38 5485 1440 1000 9130 51 oder online auf: https://paypal.me/pools/c/8rg9Lvdym2.

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