Kreis Germersheim „Große Last gemeinsam tragen“

. „Wir sind Familie und wir tragen das alles gemeinsam“, verkündet Emine Karagöz aus Wörth mit Nachdruck. Und schnell stellt man fest, dass in dieser Familie ohne Jammern ein schweres Schicksal gemeinsam getragen wird. Hier geht es nicht ums nette Gestalten eines Wochenendes, hier geht es ums Weiterleben. Nicht Vergnügen sondern Versorgen steht im Vordergrund. Emine Karagöz hat einen strengen Tagesplan, denn neben der Familienarbeit schaut sie täglich in der Wohnung ihrer 69-jährigen Mutter Hatice Cil im Wörther Hochhaus vorbei. Immer noch ist hier der Mittelpunkt der Familie, seit sie mit fünf Geschwistern in der Dreizimmer-Wohnung aufgewachsen ist. Doch kurz nachdem alle flügge waren, ist vor sieben Jahren ihre Schwester Meyrem unter schrecklichen Umständen wieder zurückgekehrt. Es ist sieben Jahren her, dass die 29-jährige 11 Tage nach der Geburt ihrer Tochter Rabia aufgrund einer Gehirnstamm-Thrombose ins Wachkoma gefallen ist. Die Ärzte gaben ihr nicht viele Überlebenschancen. Nachdem auch Reha-Maßnahmen kaum zu Erfolgen führten, sollte Meyrem in ein Pflegeheim kommen. Nun zeigten sich Familienzusammenhalt, Kampfgeist und Kraft dieser Großfamilie erst wirklich. Mutter Hatice wollte unbedingt ihre Tochter Zuhause betreuen, denn zuvor hatte Meyrem Pflegeleistungen zusammen mit der Mutter beim kranken Vater erbracht. „Deshalb waren wir ihr einfach Hilfe schuldig“, bekräftigen Emine und ihr Bruder Mehmet. Er wiederum hat die gesetzliche Betreuung übernommen, da der Ehemann nicht gut deutsch sprach. Und die neugeborene Tochter Rabia wurde als viertes Kind von Ersatzmutter Emine, ihrer Tante großgezogen, wo sie noch heute als Nesthäkchen lebt. „Die Entscheidungen kamen für mich und meinen Mann Bayram alle direkt vom Herzen, da wurde nicht lange überlegt, dass dies nun viel Arbeit sein wird“, bekräftigt Emine. Rabia ist ein fröhliches Kind, geht in die 1. Klasse und besucht regelmäßig ihre Mama. Sie ist mit diesen täglichen Ritualen aufgewachsen, fragt zwar manchmal, wann denn Mama aus dem Bett oder Rollstuhl aufstehen wird, ist aber oft noch mehr an den vielen technischen Geräten interessiert, die im Pflegezimmer stehen und ticken, blinken oder klingeln. Neben dem Pflegebett und dem Rollstuhl gibt es unter anderem eine mobile Badewanne, sowie Geräte zur Inhalation und zur Messung von Puls und Sauerstoffsättigung. Vier bis fünf ausgebildete Pflegekräfte sorgen abwechseln für eine 24-Stunden-Betreuung der Patientin. Vor wenigen Wochen hat Tanja Bisson-Hoffmann vom Medicare Pflegedienst Heilbronn diesen Auftrag übernommen, da der bisherige Pflegedienst keine ausschließlich weibliche Betreuung garantieren konnte. Neben der Körperpflege und der Aktivierung ist es wichtig, die Vitalfunktionen der Patientin ständig im Auge zu behalten. „Wir kontrollieren über angeschlossene Geräte Pulsschlag und Sauerstoffsättigung, wenn die Geräte alarmieren, greifen wir sofort unterstützend ein“, erklärt die Pflegedienstleiterin. Für die seelische Betreuung der Patientin ist Mutter Hatice zuständig. Sie redet mit Meyrem in türkischer Sprache, mal wird gelacht und mal wird geweint, gerade so, wie sie es fühlt, denn „für unsere Mama ist dies ein großer Kummer, sie leidet am meisten unter diesem Wechselbad zwischen Bangen und Hoffen. Wir wollen alle einfach an ein Wunder glauben, daran dass Meyrem irgendwann wieder aufwacht“, erzählt Emine. Da aber auch die Mutter inzwischen recht krank ist und regelmäßig zur Dialyse muss, hilft Schwägerin Süleyha Cil regelmäßig im Haushalt. Die organisatorische Hauptlast trägt Bruder Mehmet, denn neben der gesetzlichen Betreuung gilt es immer wieder Kämpfe mit Behörden, Ärzten, Krankenkassen und Versorgern durchzustehen. „Manchmal steht Bürokratie vor Menschlichkeit und Leistungen werden eingeschränkt. Natürlich ist diese gute individuelle Pflege teuer, aber nur sie garantiert sofortiges Einschreiten im Notfall. In einem Pflegeheim wäre meine Schwester garantiert schon gestorben“, meint Mehmet Cil düster. Er betreibt im Frankfurter Raum ein Feinkostgeschäft, „düst“ aber sofort zurück in die Heimat Wörth, wenn er gebraucht wird. „Meine Schwester ist im Online-Modus, wir müssen uns um sie kümmern“, sagt er. Tatsächlich kann die Patientin mit wenigen Zeichen reagieren. so hatte sie am Anfang Tränen in den Augen, als man ihr das Baby in die Arme legte. Sie zeigt Missfallen und Wohlfühlen, wenn Geschwister kommen, oder die neue Pflegerin Tanja sie mit Liedern unterhält. Sie mag auch die Spaziergänge im Rollstuhl durch den Park oder wenn sich die ganze Großfamilie zu den wichtigen Feiertagen wie Zuckerfest oder Opferfest rund um sie gemeinsam in der kleinen Wohnung trifft. Neben Emine, Mehmet und Birol kommen noch die Geschwister Aysel und Nebahat samt ihren Familien und helfen. „Es ist gemütlich, wir trinken Kaffee und erzählen. Am kommenden Wochenende wollen wir im Garten grillen. Und wenn die vielen Cousins und Cousinen vom Erzählen und Toben müde sind, werden einfach abends die Matratzen in der Wohnung ausgerollt. Das ist für die Kinder immer besonders lustig, und sie lernen: „Große Lasten lassen sich besser tragen, wenn viele mithelfen.“