Kandel RHEINPFALZ Plus Artikel Gordon Schnieder: Auf der Suche nach der richtigen Balance

CDU-Spitzenkandidaten Gordon Schnieder ist derzeit auf Tour durch die Lande. Hier ist er im Eiscafé an der Villa Wieser in Herxh
CDU-Spitzenkandidaten Gordon Schnieder ist derzeit auf Tour durch die Lande. Hier ist er im Eiscafé an der Villa Wieser in Herxheim zusammen mit Ortsbürgermeister Sven Koch.

Gordon Schnieder will Ministerpräsident werden. Derzeit zieht er durchs Land, um sich vorzustellen. In Kandel präsentiert er sich als Familienmensch und auch populistisch.

Gordon Schnieder ist seit zwei Jahren Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion. Seit einem Jahr sitzt er zudem als Vorsitzender im Chefsessel der Landespartei. Das ist wenig Zeit, um in der großen Politik an Profil zu gewinnen. Und doch will er 2026 als erster Christdemokrat seit 35 Jahren Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz werden. Für den Mann aus der Vulkaneifel ist es deshalb Zeit, sich den Menschen zu zeigen, bevor der Wahlkampf im kommenden Jahr richtig losgeht.

Der letzte Stopp seiner „Sommertour“ führt Schnieder nach Kandel. Der Hofmarkt der Familie Zapf ist prall gefüllt. CDU-Mitglieder aus allen Ebenen der Lokalpolitik trotzen den heißen Temperaturen, um mit ihrem Kandidaten auf Tuchfühlung zu gehen. Ein dankbarer, aber dennoch wichtiger Termin für Schnieder. Das diese Zuhörer bei der Wahl am 22. März das Kreuz bei der CDU machen, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Doch Schnieder braucht noch mehr von ihnen, will sie zu Loyalität und Geschlossenheit im kommenden Wahlkampf inspirieren.

Scherzen über den eigenen Bauchumfang

Zunächst stellt eine Mitarbeiterin Schnieder Fragen zu seinem Privatleben und lässt ihn persönliche Fotos kommentieren. „Weinfest oder Weihnachtsmarkt? Couch oder Sport? Buch oder Film? Morgenmuffel oder Frühaufsteher? Wein oder Bier?“ Schnieder offenbart sein Lieblingsrezept – Tafelspitz mit Meerrettichsoße, scherzt selbstironisch über seinen Bauchumfang und beruhigt die Südpfälzer, das er natürlich am liebsten Rieslingschorle trinke, auch wenn er aus einer Bierregion stammt.

Im Grundwehrdienst habe er Kameradschaft und Hemden falten gelernt. Das bringt die Überleitung zur ersten politischen Position, die der Spitzenkandidat an diesem Abend deklariert: Schnieder ist für ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr nach dem Schulabschluss, sei es bei der Bundeswehr, der Feuerwehr oder dem THW. „Das tut den jungen Menschen gut, zu lernen, dass nicht alles auf Vollkasko ist bei uns.“ Die Parteifreunde goutieren dass mit Applaus.

Fragen auf Bierdeckeln

Es folgen noch kleine Geständnisse. Schnieder ist geschieden und Fan des 1. FC Köln. Und Lebensleistungen: 31 Jahre Mitgliedschaft im Kirchenchor, Diplom-Fachwirt in Finanzberatung, 21 Jahre im Kreistag Vulkaneifel, fünf Jahre Ortsbürgermeister von Birresborn, neun Jahre im Landtag.

Dann geht es ans Eingemachte. Die Zuhörer hatten zuvor die Gelegenheit, einen Bierdeckel mit Fragen an den Kandidaten zu füllen. Schnieder lässt sich ausführlich über verschiedene Politikfelder aus. Um beim Ärztemangel und Krankenhaussterben das Ruder herumzureißen, fordert er große Investitionen des Landes in die Gesundheitspolitik. „Unser Gesundheitsminister hat kürzlich gesagt, es sei nicht die Aufgabe des Landes, Krankenhäuser zu retten. Da frage ich mich: Wem seine Aufgabe ist es denn dann?“ Weil sich die jetzt schon bestehende Versorgungsnotlage weiter verschlimmere, wenn bald ein Drittel aller Ärzte das Rentenalter erreicht hat, will Schnieder „mindestens 200“ zusätzliche Medizinstudienplätze schaffen.

Gemischtes Zeugnis für Bundesregierung

Im Schulsystem arbeitet er sich am derzeitigen Inklusionsmodell ab. „Wir müssen für jedes Kind die richtige Schule finden. Die SPD-Regierung regiert hier nach dem Motto ,Es kann nicht sein, was nicht sein darf’, in dem sie zunächst gar nicht erlaubt, zu prüfen, ob ein Kind in eine Förderklasse muss.“ Damit versündige man sich vor allem an den betroffenen Kindern, aber auch an den Lehrern und Mitschülern. Im übrigen sei es auch nicht „gesund, dass 60 Prozent unserer Schüler Abitur machen. Das Seelenheil nicht jeden Schülers liegt in Abitur und Studium.“

Nachdem Schnieder sich im Begrüßungsteil als nahbarer, warmer Familienmensch präsentiert, ist er später ein ums andere Mal nicht um markige Sprüche à la Markus Söder verlegen: Wer wie in Hamburg für ein Kalifat demonstriere, solle gefälligst nach Hause gehen. Datenschutz dürfe kein Täterschutz sein. Ukrainische Flüchtlinge sollen Asylgeld statt Bürgergeld bekommen und das Bürgergeld soll am besten sofort abgeschafft werden. „Die Fleißigen müssen belohnt werden. Wir haben eine große Menge an Menschen, die arbeitsfähig, aber nicht arbeitswillig sind.“ Ein gesundes Modell solle fordern und fördern „und für Faulenzer auch Sanktionen in der Hand haben“. Schnieder wünscht sich dabei, dass der Leistungswille schon in der Schule wieder mehr gefördert wird.

„Probleme der Menschen ernst nehmen“

Der Regierung in Berlin stellt Schnieder nach 100 Tagen ein gemischtes Zeugnis aus. Er sei großer Befürworter der Arbeit von Innenminister Alexander Dobrindt (CSU), der die illegale Migration entschlossen und wirksam bekämpfe. Auch das umstrittene Sondervermögen Infrastruktur begrüßt er ausdrücklich, so Schnieder. Dennoch performe die Regierung teilweise „grottenschlecht“, gerade in der Außendarstellung.

Schnieder weiß nur allzugut, dass Landtagswahlen oft in erster Linie ein Referendum auf die Bundespolitik darstellen. In einigen Punkte geht er ausdrücklich auf Distanz zu Kanzler Merz: „Es gibt zwei Alleingänge, für die ich kein Verständnis habe. Es war ein Fehler, die Stromsteuer nicht, wie im Koalitionsvertrag versprochen, für alle zu senken.“ Auf den zweiten Punkt geht er nicht explizit ein, lässt aber durchscheinen, dass er den teilweisen Stopp der Waffenlieferungen nach Israel meint. „Wolfgang Schäuble hat in seiner letzten Rede im Bundestag in Bezug auf unsere neue Regierung gesagt: ,Dieser Schuss muss sitzen!’ Die Menschen müssen endlich sehen, dass wir ihre Probleme ernst nehmen.“

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