Interview Gleichstellungsbeauftragte: „Besondere Schicksale nimmt man mit in den Feierabend“

Melanie Löhle ist in die Personalabteilung gewechsel.
Melanie Löhle ist in die Personalabteilung gewechsel.

Melanie Löhle war zehn Jahre Gleichstellungsbeauftragte in der Verbandsgemeinde Kandel. In dieser Zeit hatte sie ein offenes Ohr für viele Frauen. Auch ihr eigener Blick auf die Welt habe sich verändert, erzählt sie Monika Bögelspacher im Interview.

Frau Löhle, Sie waren zehn Jahre als Gleichstellungsbeauftragte bestellt, was hat sich von damals bis heute verändert?
Zunächst gab es den Begriff „Frauenbeauftragte“. Da die Gleichberechtigung von Frauen und Männern ein Kernelement unserer Verfassung ist, haben kommunale Gleichstellungsbeauftragte die Aufgabe, zur Umsetzung dieses Verfassungsauftrags in einer Kommune beizutragen. Einer dieser Aufgaben ist die Förderung des Bewusstseinswandels in der Gesellschaft zur Durchsetzung der Gleichberechtigung und um Benachteiligungen entgegenzuwirken. Die Aufgaben und Kompetenzen ergeben sich aus der Gemeindeordnung.

Wie hat sich über Ihre zehn Jahre der Wandel gezeigt?
Vor allem hat sich für berufstätige Frauen die Betreuungssituation für ihre Kinder wesentlich verbessert. Frauen können häufiger Vollzeit arbeiten, da Kinder zum Teil bereits ab einem Jahr betreut werden können. Und durch das neue Kita-Gesetz werden die Betreuungszeiten ausgeweitet. In der Verbandsgemeinde Kandel gibt es die betreuenden Grundschulen, die Kandeler Grundschule Kandel ist Ganztagsschule.

Was waren die häufigsten Problemfälle, in denen Sie tätig werden konnten, und wie haben Sie davon erfahren?
Da ich zunächst im Einwohnermeldeamt tätig war, gab es oft Synergieeffekte im Zusammenhang mit Meldeangelegenheiten, wenn ich bemerkte, die Frauen haben mehr auf dem Herzen. Oft erzählten sie dann von ihren Problemen. Es waren in meiner Zeit tatsächlich immer nur Frauen, die auch in die Sprechstunde kamen, weil sie Leid erfahren hatten. Darunter gab es Fälle häuslicher und sexuelle Gewalt, und in Einzelfällen waren es finanzielle oder Betreuungsprobleme in Familien.

Wie konnten Sie helfen?
Eigentlich hatte ich vor allem eine Lotsenfunktion, manchmal ging’s durch den Bürokratiedschungel, aber es gibt hier ein umfangreiches Netzwerk von „Hand in Hand Hilfen“. So konnte ich die Frauen weitervermitteln, beginnend beim Jobcenter oder Sozialamt, über das Frauen- und Familienzentrum, die Awo, das Familienbüro Bella, und die Notruf- u. Beratungsstelle Frauen-Zentrum Aradia.

Was ist Ihnen vor allem in Erinnerung geblieben?
Das waren oft besondere Schicksale, die lässt man nicht im Büro, sondern nimmt sie mit in den Feierabend. Aber aus Diskretionsgründen aufgrund der Überschaubarkeit der Verbandsgemeinde möchte ich keine Details erzählen.

Gibt es eine Bilanz in Zahlen über Beratungen und die Entwicklung in dieser Zeit?
Zahlen gibt es nicht, und sicher gibt es Orte mit mehr Problemen als in unserer Verbandsgemeinde. Einem ersten Anstieg der Beratungen folgte in den letzten beiden Jahren ein Rückgang, der auch auf ein größeres Angebot von Beratungsstellen in der VG und im Kreis zurückzuführen sein kann.

Eigentlich waren ihre Hilfen immer nur „Reparaturen“. Wie sieht es mit Vorbeugung aus?
Zur Selbstverteidigung und Selbstbehauptung von Frauen organisierten wir Workshops, die von über 100 Frauen besucht wurden. Als die Übergriffe mit „K.o.-Tropfen“ bekannt wurden, gab es in Zusammenarbeit mit dem Frauenzentrum Aradia Vorträge und Elternabende in der IGS und Realschule plus. Am internationalen Frauentag im März gibt es eine gesellige Veranstaltung, die Besucherinnen sind auch Multiplikatoren für unsere Arbeit. Wir weisen auf den „Girls Day“, den „Equal Pay Day“ und auf den „Tag gegen Gewalt“ (25. November) mit Infos und Veranstaltungen hin.

Hat sich ihr Blick auf die Gesellschaft verändert? Hat Sie diese Tätigkeit auch selbst verändert?
Ja, man erhält einen anderen Blick auf die Welt, man erkennt die Warnsignale in einer Gesellschaft. Persönlich hat mir die Zusammenarbeit der Netzwerke sehr geholfen, man wächst mit den Aufgaben.

Welche Ratschläge würden Sie jungen Leuten in der Partnerschaft geben?
Eine gleichberechtigte Partnerschaft ist das Ideal einer guten Beziehung und ebnet den gemeinsamen Lebensweg.

Was wünschen Sie Ihrer Nachfolgerin?
Dass sie diese Aufgaben gerne und gut erledigen kann, dass Gleichbehandlung selbstverständlicher wird. Die Voraussetzungen sind gut, Bürgermeister Poß hat mich immer sehr unterstützt.

Info

Melanie Löhle beendete zum 30. Juni ihre Tätigkeit als Gleichgestellungsbeauftragte der VG Kandel, genau zehn Jahre nach ihrer Berufung. Sie gibt dieses Amt aus Zeitgründen auf, da sie inzwischen Vollzeit in der Personalabteilung arbeitet. Demnächst wird eine Nachfolgerin berufen.

1988 war Kandel mit der Schaffung einer solchen Stelle Vorreiter in Rheinland-Pfalz.

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