Wörth RHEINPFALZ Plus Artikel Gesprächsrunde: Chancen und Risiken in der neuen Arbeitswelt

In der Pflege ist der Personalmangel besonders groß. Vielleicht könnten Assistenzkräfte für Abhilfe sorgen?
In der Pflege ist der Personalmangel besonders groß. Vielleicht könnten Assistenzkräfte für Abhilfe sorgen?

Die Arbeitswelt verändert sich ständig. Nur derzeit ist das Tempo der Transformationen deutlich höher als üblich. Neue Technologien, fortschreitende Digitalisierung, mehr oder doch lieber weniger Globalisierung, dazu Fachkräftemangel und der Wunsch nach individueller Arbeitszeitgestaltung – gar nicht so einfach, da den Überblick zu behalten.

Corona hat die Arbeitswelt massiv verändert. „Uns fehlen zwei komplette Jahrgänge. Wo sind die junge Leute?“, fragte Sabine Mesletzky, Regionalleiterin der IHK Ludwigshafen. Ausbildungsstellen gibt es reichlich, aber immer weniger Bewerber – und seit der Pandemie ist die Zahl der Bewerbungen ganz eingebrochen. Eine Erfahrung, die auch Kerstin Wuthe, Gesamtleiterin des CJD Rhein-Pfalz, gemacht hat. Das Christliche Jugenddorfwerk betreibt auch eine Weiterbildungseinrichtung für Jugendliche und junge Erwachsene in Maximiliansau. „Wir haben ein großes Angebot, genug Plätze und würden gerne weiterbilden, aber es gibt kaum Interessenten“, klagte Wuthe. Sie war eine der Zuhörerinnen der Gesprächsrunde „Transformationen der Arbeitswelt“, zu der die SPD-Landtagsabgeordnete Katrin Rehak-Nitsche ins Foyer der Wörther Festhalle eingeladen hatte.

Es gab sehr viele Zuschauerfragen und Statements. Aber genau darauf kam es Rehak-Nitsche auch an: ins Gespräch kommen. Die Arbeitswelt ist im Wandel, so stark, wie vermutlich noch nie in der Historie. Veränderungen bieten aber auch Chancen. Und diese Chancen gelte es zu nutzen, sagte Rehak-Nitsche zu Beginn. Mit der ökonomischen Transformation geht auch ein massiver gesellschaftlicher Wandel einher. So umfassend das Thema war, so breit war auch das Spektrum der Gesprächsteilnehmer aufgestellt. Neben Mesletzky stellten sich der Zukunftsforscher Thomas Rigotti, Professor am Leibniz-Institut für Resilienzforschung in Mainz, und Alexander Schweitzer (SPD), Staatsminister für Arbeit, Soziales, Digitalisierung und Transformation, den Fragen des Publikums.

Chance für Jugendliche mit schlechtem Zeugnis

Die Arbeitswelt der Zukunft hängt entscheidend von der demografischen Entwicklung ab. Die Gesellschaft wird älter, schon jetzt fehlen Fachkräfte an allen Ecken und Enden. „Aber wir können uns nicht allein auf die Zuwanderung verlassen“, sagte Mesletzky. Ausländische Kräfte fit für den deutschen Arbeitsmarkt zu machen, sei zeitaufwendig und auch kostenintensiv, so Mesletzky. Wobei die Unternehmen das gerne in Kauf nehmen würden, meinte Schweitzer. „Aber wir dürfen uns nichts vormachen, Deutschland ist nicht das Paradies“, sagte Mesletzky. Die skandinavischen Staaten mit ihren Sozialsystemen oder Kanada stünden bei potenziellen Zuwanderern höher im Kurs. „Wir müssen hier ausbilden“, forderte Mesletzky.

Durch die angespannte Situation auf dem Ausbildungsmarkt eröffneten sich Chancen für junge Menschen, „die vorher niemals eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bekommen hätten“, sagte Schweitzer. Sicher verfüge nicht jeder dieser Jugendlichen über eine ausreichende Ausbildungsfähigkeit, aber bei den Unternehmen gebe es eine hohe Bereitschaft, in diese jungen Menschen zu investieren, auch wenn sie nicht in allem den Anforderungen entsprechen.

Entlastung in der Pflege

Wenn eine Branche besonders unter Fachkräftemangel leide, dann wird meist die Pflege als erstes genannt. Es ist zu befürchten, dass sich wegen des demografischen Wandels die Situation weiter verschlechtert. Dass meist die miese Bezahlung als Grund für die vielen offenen Stellen genannt wird, wollte Schweitzer so nicht gelten lassen. Da habe sich in den letzten Jahren viel getan. Es gebe natürlich Pflegekräfte, die schlecht bezahlt würden, „aber es gibt auch viele, die verdienen inzwischen ganz gut“, so Schweitzer. Ein Problem sei die Überbelastung. Dem könne möglicherweise mit Assistenzkräften begegnet werden. „Ich brauche nicht unbedingt eine Pflegefachkraft, um einem älteren Menschen ein Glas Wasser zu bringen oder das Kissen aufzuschütteln“, meinte Schweitzer. Er plädierte dafür, die Vorgaben flexibler zu gestalten.

Für alle, die auf der Suche nach den in der Pandemie verloren gegangen jungen Menschen sind, hatte Rigotti noch ein paar beruhigende Worte: „Die jungen Leute kommen zurück.“ An der Uni habe man auch die Erfahrung gemacht, dass es sich viele Studierende im Homeoffice ganz gemütlich gemacht hätten. Es habe ja auch seine Vorteile, wenn man sich Vorlesungen zu jeder Tages- oder Nachtzeit abrufen könne. Aber es gehe halt auch viel verloren an Kommunikation und sozialen Kontakten. Homeoffice helfe, die Arbeitswelt flexibler zu machen, aber letztendlich komme es auf eine gesunde Mischung an, so Rigotti.

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