Kandel Geschichten aus der Geschichte: Die Folgen der Reichspogromnacht
In den Berichten der RHEINPFALZ über die Verlegung der Stolpersteine wurde über das Schicksal der Familie Haas berichtet, bisher aber nicht über die Geschehnisse nach der Reichskristallnacht in Kandel. Wie aus einem Protokoll des Landgerichts Landau vom Oktober 1948 hervorgeht, hatten sich am späten Nachmittag SA-Männer vor dem Bürgermeisteramt versammelt und waren in einem ungeordneten Haufen vor das Anwesen des Oskar Haas in der Rheinstraße gezogen. Sein Sohn Richard und dessen Söhne befanden sich an diesem Tag bereits in Schutzhaft im Amtsgerichtsgefängnis.
Die SA-Männer wurden von Karl Burkhard aus Scheibenhardt angeführt. Burkhard war damals Truppenführer der Kandeler SA. Nach seinen Aussagen erhielt er nachmittags telefonisch den dienstlichen Befehl nach Kandel zu kommen. Von wem der Befehl ausging, war 1948 nicht mehr festzustellen. Burkhard fuhr daraufhin mit seinem Auto und weiteren nicht mehr bekannten Personen nach Kandel. Unter Führung von Burkhard drangen die SA-Männer durch den Hof des Nachbaranwesens von Franz Göltz in das Anwesen Haas, einer Mehl- und Landesproduktenhandlung, ein und zerstörten die Wohnungs- und Ladeneinrichtung.
Gedächtnislücken oder Kriegstraumata
Im Protokoll des Landgerichtes wird von mehreren Tätern und zahlreichen Schaulustigen auf der Rheinstraße berichtet. Die meisten waren 1948 nicht mehr zu ermitteln, tot, vermisst oder noch in Gefangenschaft. Vor Gericht beriefen sie sich auf Gedächtnislücken durch Verwundungen oder Kriegstraumata. Keiner wollte sich aktiv beteiligt haben, aber auch keiner hatte sich gegen die Zerstörungen verwehrt. Einzig Karl Burkhard wurde wegen aktiver Beteiligung an der Zerstörungsaktion eines Verbrechens des Landfriedensbruches für schuldig befunden. Da er nach den Aussagen der Zeugen Guckert, Dinies und Herback kein politischer Fanatiker gewesen sei und auch nach dem allgemeinen Wirtshausverbot noch Juden in seiner Gastwirtschaft am Langenberg geduldet habe und zu 70 Prozent schwerkriegsbeschädigt sowie ausgebombt sei, wurden ihm mildernde Umstände zugebilligt. Eine Gefängnisstrafe von acht Monaten wurde als schuldangemessen festgesetzt.
Als sich Franz Göltz, Nachbar, über die Zerstörung seines Zaunes beschwerte, wurde er von der SA als „Judenfreund“ in Schutzhaft genommen, zuerst in einer Zelle im Rathaus und sodann eine Woche im Amtsgerichtsgefängnis inhaftiert.
Von Ernst Heilmann, SA-Scharführer mit Büro im Rathaus, erhoffte das Gericht die Nennung von Namen der Beteiligten. Zu Heilmanns Aufgaben gehörte es seinerzeit, die SA-Mitglieder zu informieren. Er konnte sich „wegen eines Kriegstraumas“ 1948 nicht daran erinnern, ob er tatsächlich den Befehl von Burkhard bekommen und ausgeführt habe.
Schlafzimmer vor Zerstörung gerettet
Weitere „Mitläufer“ waren nach eigenen Aussagen an den Zerstörungen nicht aktiv beteiligt: Franz Schweller, Zollsekretär, und Friedrich Günther, Landwirt, sagten aus, sie seien zufällig vorbei gekommen und hätten die in Brandsetzung des Autos von Richard Haas durch „4 bis 5 Männer in Zivil“ verhindert, „das Auto sei doch noch zu gebrauchen“, argumentierten sie. Erst nach zweimaliger Aufforderung war Schreinermeister und SA-Mann Richard Mächerle in die Rheinstraße gefahren. Er habe sich nicht aktiv an der Zerstörung beteiligt, doch mit Erfolg verhindert, dass auch das Schlafzimmer zerschlagen wurde, das er gefertigt hatte.
Dem Bäckermeister Eduard Krumm unterstellte man eine Beteiligung an den Verwüstungen. Er habe aus der Kundenkartei einen Nachweis seiner Schulden bei Haas entfernen wollen. Krumm bestritt dies vor Gericht. Er habe von der Zerstörung erst im Nachhinein gehört.
Die beiden Beamten der Stadt Kandel, Jakob Gemar und Hermann Maupai, hatten auch erst spät Kenntnis von den Ausschreitungen bekommen und sich zusammen mit Fritz Multer, dem damaligen Bürgermeister und SA-Ortsgruppenleiter, zu dem Anwesen Haas begeben. Bei ihrem Eintreffen war die Zerstörungsaktion bereits beendet. Dabei veranlasste Multer, dass die auf dem Boden herumliegende Kundenkartei von Oskar Haas aufgesammelt, mitgenommen und auf dem Bürgermeisteramt verwahrt wurde. Multer veranlasste dann noch, Frau Haas die Türen und Fensterläden ihres Hauses zu verschließen und ließ das Anwesen durch die Polizei bewachen.
Weitere ermittelte Zeugen des Geschehens Emil Kern, Georg Stadtler, Paul Puster sowie Theophil Steuerwald. Sie kamen nach eigenen Angaben auch erst, nachdem die Zerstörungen beendet waren. Kritik an der Zerstörung äußerten sie aber auch nicht. Keiner der zahlreichen Schaulustigen auf der Rheinstraße hinderte den Mob an seinen Taten.