Nachgehakt RHEINPFALZ Plus Artikel Geretteter Vermisster: Verwandte setzten 71-Jährigen vor die Tür

Im Krankenhaus sind Kost und Logis gesichert. Deshalb bleiben dort manche Patienten länger, als medizinsch nötig: Sie haben sons
Im Krankenhaus sind Kost und Logis gesichert. Deshalb bleiben dort manche Patienten länger, als medizinsch nötig: Sie haben sonst keine andere Anlaufstelle.

Junge Feuerwehrler haben beim Müllsammeln einen hilflosen 71-Jährigen im Gebüsch gefunden. Der Mann galt nach einem Klinikaufenthalt als vermisst. Nun ist er wieder im Krankenhaus. Die RHEINPFALZ hat nachgefragt wie es ihm geht und wie mit solchen Fällen grundsätzlich umgegangen wird.

Diese Meldung hat viele RHEINPFALZ-Leser bewegt: Trotz des schlechten Wetters machte sich am vergangenen Samstag die Jugendfeuerwehr Kandel auf den Weg, um Abfall zu sammeln. Unter anderem waren junge Frauen und Männer rund um den Mitfahrerparkplatz bei der Anschlussstelle Kandel-Mitte aktiv. Dort fanden sie im dichten Gestrüpp einen 71-Jährigen. Der Mann war laut Feuerwehr völlig durchnässt und unterkühlt, konnte sich nicht mehr bewegen und auch nicht verständlich machen. Es stellte sich heraus, dass der 71-Jährige am 20. März aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Nun ist er wieder in der Kandeler Klinik.

Angehörige fühlen sich nicht mehr zuständig

Patienten werden erst entlassen, wenn die Unterkunft und die medizinische Versorgung geklärt sind, sagt Pflegedienstleiterin Andrea Armbrust-Müller von der Asklepiosklinik Kandel gegenüber der RHEINPFALZ. „Da ist nichts schiefgelaufen, da war alles hinterlegt.“ Der 71-Jährige hatte eine Wohnadresse in Germersheim, lebte dort mit Angehörigen zusammen. Doch diese haben ihn offensichtlich kurz nach seiner Rückkehr aus der Klinik vor die Tür gesetzt. Als der 71-Jährige gefunden wurde, habe er einen Koffer mit seinen Habseligkeiten dabei gehabt. Nun sei der Senior wieder in der Kandeler Klinik.

Zwar gebe es auch Angehörige in Berlin, doch diese würden ihn eher nicht aufnehmen wollen. Außerdem wolle er gerne in der Region bleiben, ihm würde auch ein Zimmer mit Sanitäranlagen ausreichen, sagt Armbrust-Müller, die schon Kontakt mit dem Patienten hatte. Nun habe man das Sozialamt mit eingeschaltet, gleichzeitig aber auch Kontakt zu einer Hilfsstelle in Berlin.

Manchmal dauert es Wochen und Monate

Der 71-Jährige sei kein Einzelfall, sagt Armbrust-Müller. Immer wieder habe man Patientinnen und Patienten, bei denen man lange nach einer guten Lösung suchen müsse. „Das kann Wochen und Monate dauern“, sagt die Pflegedienstleiterin. In einem Fall habe es viereinhalb Monate gedauert, bis man den Patienten entlassen konnte. Für einen so langen Klinikaufenthalt kommt in der Regel das Sozialamt auf. Aber einen Teil der Kosten müsse auch die Klinik übernehmen, selbst wenn die Behandlung selbst ja letztendlich schon abgeschlossen sei. „Aber was will man da machen?“

Oft hätten Patienten, die dann lange in der Klinik liegen, schon geraume Zeit alleine gelebt. Diese kämen dann in recht desolatem Zustand in das Krankenhaus, würden aufgepäppelt, „und dann kommt raus: Sie haben ja gar niemanden.“ Weitläufige Verwandte verwiesen dann oft darauf, dass doch die Nachbarn schauen würden. Aber die können die nötige Versorgung oft gar nicht leisten, gibt Armbrust-Müller zu bedenken.

Die Anzahl der Fälle steigt

Es komme immer häufiger vor, dass Angehörige sagen, dass es ihnen zu viel wäre, sich nach der Klinik um einen Patienten zu kümmern. Das liege zum Beispiel daran, dass es sich dann um schwierige Fälle wie Suchterkrankte handele, so Armbrust-Müller. Oder die Angehörigen sind schlicht selbst schon gebrechlich. Bei Obdachlosen sei die Sachlage noch etwas komplizierter, da zum Beispiel ein Vormund bestellt werden muss.

Dann muss geklärt werden: In welchem Zustand ist der Patient, kann er sich um sich selbst kümmern und benötigt nur ein warmes Essen am Tag, kann er in einem betreuten Wohnen leben oder benötigt er Rund-um-Pflege? Es sei sehr schwierig, eine adäquate Unterkunft zu finden, zumal viele Menschen dann gerne in ihrem angestammten Ort bleiben würden, sagt Armbrust-Müller. Und es gibt noch eine weitere Herausforderung: Vor der Entlassung muss erst noch sichergestellt sein, dass es einen Hausarzt gibt, der sich um die weitere Versorgung kümmert. Auch das ist in der Südpfalz nicht mehr so einfach.

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