RHEINZABERN
Gefunkt hat es im landwirtschaftlichen Kollektiv
Mit strahlenden Augen stellt Anna-Barbara Kövago zwei große Teller mit köstlichem Weihnachtsgebäck auf den Tisch der Wohnküche. Ihr Ehemann Josef bereitet den Kaffee vor, bevor er mit erwartungsvollem Blick an den Tisch zurückkommt. „Und, wie schmecken unsere Plätzchen?“, fragen die beiden, die ein eingespieltes und liebenswertes Ehepaar sind. Sie kennen sich fast seit Lebzeiten und sind heute 60 Jahre verheiratet.
Die beiden Jubilare, Anna-Barbara ist 84, ihr Ehemann Josef 85, wuchsen nur 100 Meter voneinander in Schag in Rumänien auf. Das Dorf liegt in der Region Banat, kaum 13 Kilometer von Temeswar entfernt. „Wir sahen uns in der Schule, trafen uns als Kinder beim Spielen“ oder im „Tante-Emma-Laden“ von Anna-Barbara Großtante, in dem das junge Mädchen gerne aushalf. Aber tatsächlich „gefunkt“ hat es erst später, als beide schon im landwirtschaftlichen Kollektiv arbeiteten, erinnert sich Josef Kövago. Er reparierte die Landmaschinen, und beim zufälligen Aufeinandertreffen neben einem Mähdrescher wurden die beiden ein Paar.
Zehn Jahre bis zur kirchlichen Hochzeit
Im Dezember 1962 wurden die beiden standesamtlich getraut. Erst zehn Jahre später, nach der Geburt des zweiten Sohnes, heirateten die beiden Katholiken auch in der Kirche. Das junge Paar lebte mit Josef Kövagos Mutter, dem 1965 geborenen Sohn Oswald und dem 1972 geborenen zweiten Sohn im eigenen Haus. Sogar einen Bauplatz hatte die Familie. Anna-Barbara und Josef Kövago arbeiteten beide. Deshalb war die Oma für die Buben die Bezugsperson in der Familie, wenn sie von der Schule oder vom Spielen heimkamen. Was im Jahr 1978 ein großes Glück war.
Die junge Mutter besuchte Ende der 1970er Jahre zum dritten Mal ihren Vater in Kandel, der aus Rumänien in die Heimat seiner Vorfahren zurückgekehrt war. Eine Rückkehr nach Rumänien war nicht mehr geplant. Denn das Ehepaar hatte vorher lang und intensiv besprochen, dass damit die Flucht der Familie nach Deutschland beginnen sollte. „Ich bin eine geborene Hellmann“, erzählt Anna-Barbara. „Unsere Vorfahren wanderten um 1723 von der Südpfalz ins Banat aus.“ Deshalb zog ihr Vater nach dem Zweiten Weltkrieg nach Kandel. Um bei den rumänischen Behörden keinen Verdacht zu erregen, kaufte die Reisende eine Rückfahrkarte, die sie aber nicht mehr einlöste. Sie blieb in Kandel, ihre Söhne und ihr Ehemann in Rumänien. „Ich war die dritte Person in unserem Dorf, die von dort floh. Der Schritt fiel mir sehr schwer, denn noch ließ es sich in dem sozialistischen Staat ganz gut leben. Da Josef und ich wollten, dass unsere Kinder eine bessere Zukunft haben, planten wir die Auswanderung.“ Es folgten lange 20 Monate der Trennung, bis am 14. Juni 1980 die restliche Familie ebenfalls in Kandel ankam.
Viel Bürokratie bei der Auswanderung
Unendlich lang war die Liste der bürokratischen Schritte vorher. Antrag auf Entlassung aus der rumänischen Staatsbürgerschaft für Anna-Barbara Kövago, was immerhin 600 Mark kostete, dreitägiger Aufenthalt im Durchgangslager in Nürnberg, obwohl sie schon in Kandel untergekommen war, Termine bei Botschaften. Derweil packte Josef Kövago den transportierbaren Hausstand in Kisten und beauftragte eine Spedition mit dem Versenden in die Pfalz. Das Haus und das Grundstück gingen an den rumänischen Staat.
Die Ehefrau fand schnell Arbeit, erst in Karlsruhe, dann bei DBK in Kandel. Nur wenige Wochen nach der Flucht, ab September 1980, fing auch Josef Kövago dort an. Beide blieben dort bis zur Rente; Sohn Oswald ging ebenfalls zu DBK. Er lebt im gleichen Haus wie seine Eltern, unterstützt sie bei Bedarf und ist heute froh, dass sie nach Deutschland gegangen sind.
Paar ergänzt sich im Haushalt
Das Alter hat bei beiden Spuren hinterlassen, umso mehr schätzen sie es, dass sie sich im Haushalt ergänzen können. „Josef kann gut kochen“, erzählt seine Ehefrau stolz. Er nickt dazu und ergänzt, wie sie seit Jahren gemeinsam die mehr als zehn Sorten Weihnachtsgebäck herstellen. Er arbeitet noch gerne im Garten. Sie strickt Westen für ihren Mann, die er mit Liebe trägt. Feiern wollen sie heute nur im kleinen Kreis der Familie, mit Söhnen und Enkelkindern.