Kreis Germersheim Gang durch bedrohte Natur
„Die Haut von Primaten ist gewöhnlich wasserdicht“, zitiert Norbert Rapp seinen alten Professor. Entsprechend ungerührt startete die Ortsgruppe Kandel des Naturschutzverbands Südpfalz (NVS) trotz deutlich erhöhter Luftfeuchtigkeit wieder seine beliebte Frühlingswanderung durch die Erlenbachaue am Muttertag.
Seit 1986 sind die Naturfreunde an diesem Tag in Wald und Wiesen rund um Kandel unterwegs. So etwas darf man mit Recht eine Tradition nennen. Zumal dann, wenn bei schönem Wetter schon einmal über 40 Interessierte dabei sind. Heute ist das Wetter nicht so attraktiv und dürfte der Regen die Vorfreude auf das Naturerlebnis bereits im Vorfeld stark eingetrübt hatten. Dabei ist die Abmarschzeit von 9 Uhr sogar recht familienfreundlich. Die elf verbliebenen Enthusiasten lassen sich von der feuchten Laune der Natur jedoch nicht abhalten. Die Kleidung dem Wasser angepasst, das Fernglas umgehängt und schon geht es los. Gemeinsam mit seinem Vereinskollegen und Hobby-Ornithologen Rolf Wambsganß ist Rapp nun für die kommenden rund drei Stunden der Ansprechpartner für alle Fragen und Entdeckungen, die sich am Wegesrand ergeben. Und das sind viele. Wird ein Vogel gehört, gibt es sogleich Wambsganß` Expertise: „ Das ist der Waldlaubsänger. Sein Gesang fängt mit einem Ziehen an und dann kommt ein Schwirl.“ Eine Singdrossel sei auch zu hören, „aber man hört sie nur ganz verhalten“, ergänzt Rapp. Als die Gruppe an den Streuobstbäumen einer Ausgleichsfläche vorbei kommt, spricht Rapp von einer „Katastrophe“. „Sie ist viel zu dicht bepflanzt, weil die Verwaltung erst hinterher festgestellt hat, dass ihr nicht das ganze Gelände gehört. Aber jetzt hat die Stadt ihre Streuobstwiese und ihre Ruhe“, sagt er etwas resigniert. Dieser Ton begleitet die Wanderung. Denn trotz aller Freude über das gerade erlebte Naturwunder Wald schultert die Wandergruppe eben auch das ganze Elend unserer Zeit. Es vergeht nahezu kaum ein Halt, bei dem das Fachgespräch über all das Blühen und Leben nicht auch auf das Sterben und den Verlust kommen muss. „Der Kiebitz ist stark bedroht“, sagt Sigrid Schweers, als man an einem Feld vorbei kommt. Oft mähe die Landwirtschaft zur Unzeit. Und das ist schlimm Wiesenbrüter wie den Kiebitz, dessen Nachwuchs hierbei stirbt. Und dennoch: Ob das „Tschiiied“ des Grünfinks, das „Triiiet“ und „Tröööt“ des Buchfinken, die Nachtigall, oder die Sumpfmeise, es tun sich neue Klangwelten auf. Auch der Zaunkönig meldet sich, er ist gerade im Frühling sehr sangesfreudig. Ein besonderer Höhepunkt ist das Erleben einer Turteltaube. Laut Wambsganß ist sie die kleinste heimische Wildtaube und zudem auch noch ein Zugvogel. Und es hätten laut Wambsganß sogar noch viel mehr Vögel zu hören sein können: „Es hätte ein warmer Regen sein müssen, aber es ist heute ein bisschen kühl.“ Schweers hat einerseits Verständnis, „die armen Bauern müssen ja auch Geld verdienen“. Andererseits bedauert sie, dass noch nicht einmal mehr der gesetzlich vorgeschriebene Blühstreifen von anderthalb Metern Breite zwischen Feld und Weg eingehalten wird. „Am liebsten würden die auch den Weg beackern“, fügt ein Mitwanderer hinzu. Aber es geht weiter, Bäume und Pflanzen, es gibt noch viel zu entdecken und zu erklären, ehe um die Mittagszeit in der Pflanzgartenhütte zu Bratwürsten, Steaks sowie Kaffee und Kuchen eingekehrt wird. Wieder haben alle Teilnehmer viel erlebt und gelernt. Und wer weiß schon, dass hinter der Hainbuche, dem Hirtentäschel oder dem Beinwell eine ganze Menge Kulturgeschichte steckt? Am Ende überrascht jedenfalls nicht, dass die engagierten Naturliebhaber vom NVS seit Jahrzehnten so viel Freude erleben und vermitteln. Info Die nächste Wanderung findet am kommenden Sonntag, 20. Mai in Freckenfeld statt. Treffpunkt ist um 8 Uhr am Sportplatz, von dort geht es dann durch den Bienwald und die Otterbachwiesen. Am Ende gibt es ein noch ein Pfälzer Vesper sowie Kaffee und Kuchen. Weitere Informationen über den Naturschutzverband Südpfalz gibt es unter www.nv-s.de