Kreis Germersheim
Furcht vor zu schnellen Öffnungen
Eine Auswirkung der Pandemie: Es wird mehr geredet. Der Kontakt zu den Angehörigen von Menschen, die sich auf der Intensivstation befinden, vor allem wenn diese an Covid-19 erkrankt sind, sei „deutlich intensiver“ geworden, sagt Volker Moog, Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin an den Südpfalzkliniken Kandel und Germersheim. „Wir telefonieren mit fast allen Angehörigen täglich, rufen auch proaktiv an, wenn sich etwas am Zustand verändert.“
Allerdings verbringt er derzeit wieder weniger Zeit am Telefon. Die sinkende Inzidenzzahl im Kreis macht sich in den Kliniken bemerkbar. Stand Dienstag wurden drei Covid-19-Patienten auf der Intensivstation in Kandel behandelt, zwei Patienten waren es in Germersheim. „Das ist deutlich weniger als noch vor zwei Wochen“, sagt Moog. Die Lage sei nun etwas entspannter, man befinde sich jetzt wie im Oktober 2020 in „Hab-Acht-Stellung“.
Sterben im erste Lockdown war „unglaublich schwer“
93 Menschen sind seit Anfang 2020 im Landkreis im Kontext einer Infektion mit dem Coronavirus verstorben, nur ein Bruchteil davon in den beiden Kliniken. Dabei waren die Vorgaben im ersten Lockdown deutlich restriktiver, als derzeit. Menschen starben, ohne sich von ihren Lieben verabschieden zu können. In ihren letzten Momenten wurden sie ausschließlich von Pflegekräften und Ärzten begleitet. „Das war unglaublich schwer für alle“, erinnert sich Moog. „Eine deutliche Mehrbelastung.“
Auch jetzt gilt wieder ein Besuchsverbot in den beiden Krankenhäusern. Aber niemand müsse mehr ohne seine Angehörigen sterben, sagt der Intensivmediziner. Natürlich darf sich nicht eine ganze Großfamilie am Krankenbett versammeln. „Maximal zwei Leute auf einmal“, es waren insgesamt auch schon vier Besucher möglich, „aber das ist jedesmal eine sehr individuelle Entscheidung.“
Die meisten Patienten haben zu diesem Zeitpunkt schon einen langen Verlauf hinter sich, könnten also wahrscheinlich kein Coronavirus mehr weitergeben. Dennoch gibt es eine Risikoaufklärung der Angehörigen, eine Begegnung ist nur im Vollschutz möglich. Und vor dem Besuch steht verpflichtend ein – negativer –Schnelltest.
Die Arbeit ist körperlich und psychisch belastend
Die Arbeit mit Covid-19-Patienten sei sehr viel anstrengender als bei anderen Erkrankten. Da ist zunächst der körperliche Aspekt: Vier oder sechs Stunden mit Schutzausrüstung strengen an. Aber es gibt auch ein psychisches Element: „Dazu
kommen die eigene Infektionsgefährdung und die der eigenen Familie – das lastet schon auf einem“, gibt Moog zu bedenken.
Dazu komme, dass Covid-19 auch für erfahrene Intensivmediziner ein „frustrierendes Krankheitsbild“ sei. Man könne nicht verlässlich eine Verbesserung beobachten, der Verlauf sei meist lang und wellenförmig, „an einem Tag besser, am nächsten wieder schlechter“, die Entwicklung sei schwer vorhersehbar, „das ist sehr belastend“.
Seine Hoffnung: Dass „etwas Entspannung“ in die Pflege komme, wenn auch das Klinikpersonal in Kandel und Germersheim endlich geimpft sein wird. Die Impftermine für die Krankenhäuser laufen über das Land, im Landkreis warten die Südpfalzkliniken noch auf einen Termin. Moog selbst hat im Impfzentrum Wörth vor kurzem die zweite Impfung bekommen.
Sorge angesichts möglicher Lockerungen des Lockdowns
Dennoch bewertet er die lauten Rufe nach Lockerungen des Lockdowns im Vorfeld des Bund-Länder-Gipfels am 10. Februar durchaus kritisch. Gerade hinsichtlich der Kinder müsse zwar eine Debatte über Öffnungen geführt werden. „Aber wir sehen das natürlich aus einer anderen Perspektive als die Bevölkerung, die gar nicht wahrnimmt, dass Menschen schwer erkranken.“ Sein ausdrücklich persönlich geäußerter Wunsch: Die Beschränkungen vielleicht für zwei, drei Wochen noch einmal zu verschärfen, die Inzidenzen auf unter 20 pro 100.000 zu drücken. Denn die neuen Mutationen des Virus hinterließen bei den Profis durchaus ein „komisches Gefühl“.
Nach einem knappen Jahr Erfahrung empfindet der Intensivmediziner den Vergleich mit einer Influenza-Welle als „schrecklich“. Covid-19 habe ein anderes Krankheitsbild und „eine ganz andere Dynamik“. Die Diskussion, ob jemand nun mit oder an Corona gestorben ist – also zum Beispiel einen Herzinfarkt erlitten hat und positiv auf eine Infektion mit dem Virus getestet wurde, was „mit Corona“ bezeichnet wird – sei „nicht zielführend“: „Das ist immer ein Ausweg zu sagen, die Menschen wären sowieso verstorben.“ Doch dabei denke man sich „gerne etwas zurecht“. Covid-19 treffe mitnichten nur die Alten, Kranken: „Wir hatten auch jüngere Patienten auf der Intensivstation mit schweren Verläufen.“ Und die Todeszahlen seien trotz des strengen Lockdowns hoch.
100 000 Neuinfektionen?
Seine ganz private Befürchtung: Irgendwann sind die besonders vulnerablen Gruppen geimpft, die Rufe nach Öffnungen werden immer lauter, es finden wieder Großveranstaltungen statt, „dann sind nicht die 50- bis 60-Jährigen auf der Intensivstation, sondern die 30- bis 40-Jährigen.“ Über diese Dynamik müsse man sich im Klaren sein. Auch der Berliner Charité-Professor Christian Drosten hatte in Interviews die Sorge geäußert, dass im Sommer die Fallzahlen auf über 100.000 Neuinfektionen pro Tag steigen und viele Jüngere erkranken könnten.
In der Kandeler Klinik wurden im Frühling 2020 auch Patienten aus dem Elsass behandelt. Man halte noch immer Kontakt, sagt Moog. Treffen seien längst vereinbart – für eine Zeit, in der die Pandemie wieder vorbei ist.