Kreis Germersheim Flüchtlingsjungs suchen Fußballgegner
Wörth: Seit Anfang Mai wird das ehemalige Hotel „Insel“ als Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge genutzt. Inzwischen leben dort 24 junge Männer zwischen 13 und 17 Jahren. Sprachunterricht, Behördengänge und Ausflüge gehören zum Alltag. Doch die Konflikte in der Heimat sind steter Begleiter.
„Wir essen Pizza. Wir haben Pizza gegessen.“ Hochkonzentriert sitzen die jungen Männer da und konjugieren Verben durch. Früher haben hier Hotelgäste gefrühstückt, jetzt wird hier Deutsch gelernt. Das ehemalige Hotel „Insel“ ist eine „Clearingstelle“, in der die Identität von jungen Flüchtlinge geprüft wird. Beim Gespräch entsteht eine mehrsprachige Flüsterpost: Arabisch, Farsi, Somali, Albanisch – einer von ihnen kann die Frage immer übersetzen. Schnell zeigt sich: Alle sprechen mindestens zwei Sprachen, plus Englisch, dazu etwas deutsch. Das Essen schmeckt ihnen mal mehr und mal weniger: „Er liebt somalisch, ich liebe syrisch“, sagt Amer und lacht. Sie frotzeln, wer schon richtig gut schwimmen kann, und wer nicht. Und betonen, dass sie gerne wieder eine Schule besuchen würden. Angesichts sinkender Zahlen von Asylbewerbern gab es erst Zweifel, wie schnell die Zimmer belegt sein würden. Aber nach knapp zwei Monaten ist die „Insel“ voll: Die Jugendlichen wurden aus Landau, Mainz und Frankfurt nach Wörth überwiesen. „Wir mussten auch schon Anträge ablehnen, darunter von der südlichen Weinstraße“, sagt Projektleiter Heiner Butz vom Deutschen Roten Kreuz. 25 Mitarbeiter, darunter vier 450-Euro-Kräfte, sind in Vollzeit beschäftigt. Sogenannte Präsenzkräfte sind rund um die Uhr vor Ort, geben Essen aus und sind Ansprechpartner – so wird dafür gesorgt, dass die Bewohner nie ganz alleine sind. Die jungen Männer sind zwischen 13 und 17 Jahre alt, stammen aus Afghanistan, Äthiopien, Albanien, Eritrea, Pakistan, Somalia, Sudan und Syrien. „Wir hatten noch keinen Streit, keine Konflikte“, sagt Butz und wirkt selbst etwas erstaunt. Bisher wohnen ausschließlich Muslime in der „Insel“, bald kommen koptische Christen aus Ägypten dazu, „die kicken schon zusammen.“ Probleme? Julia – jung, lange Haare, Shorts – absolviert ihr Freiwilliges Soziales Jahr in der „Insel“ und schüttelt entschieden den Kopf: Keine Sprüche, kein Machogehabe. „Sie verhalten sich eher wie Gentlemen“, bestätigt Manuela vom Empfang. Sie bedanken sich, helfen mit, halten Türen auf. Es gibt klare Regeln, sagt Butz. Ohne Abmeldung und Erlaubnis verlässt keiner das Haus, feste Rückkehrzeiten werden vereinbart. Die Vormittage sind mit Sprachkursen ausgefüllt, nachmittags stehen Behördengänge und Arztbesuche an. Sobald das „Clearing“ abgeschlossen ist, geht es in die Schule oder zum Praktikum. Da die „Insel“ auch ein Jugendheim ist, dürfen die Flüchtlinge dort auch wohnen bleiben. Im rustikalen Gastraum stehen Tischkicker und PCs, an der Wand hängt eine EM-Tabelle, in die säuberlich Ergebnisse eingetragen wurden. Die Favoriten sind Deutschland und Portugal, ansonsten sind die jungen Kicker Fans von Real Madrid oder der argentinischen Nationalmannschaft. Ihre Wünsche sind bescheiden. „Wir haben keine Fußballsachen, brauchen Turnschuhe.“ Und die „Insel“ hat zwar vier eigene Teams, aber: „Wir würden gerne gegen andere Jungs aus Wörth Fußball spielen“, sagt Hafiz. Die heitere Stimmung täuscht: Jeder hat seine Geschichte mitgebracht, einige haben Termine beim Psychologen vor sich. Der Krieg in der Heimat holt sie immer wieder ein. Ein 17-Jähriger hatte per Whatsapp von seinem Onkel aus Afghanistan ein Foto geschickt bekommen, das seinen toten Vater zeigte. Dem Jungen geht es nicht gut. „Deshalb machen wir das hier“, sagt Butz, sichtlich betroffen. Ein heute 17-jähriger Eritreer war fünf Jahre unterwegs, bis er in der „Insel“ in Wörth angekommen ist. Auch sein Vater wurde inzwischen umgebracht. Am Ende des Gesprächs fasst sich Abdul ein Herz. „Ich möchte eine Familie“, sagt der 14-jährige Afghane eindringlich. Er deutet auf seinen Bruder und erklärt: Sie würden gerne in einer Pflegefamilie leben, die deutsche Kultur kennenlernen. „Man darf nie vergessen, worum es hier geht“, sagt Butz. „Es geht hier nicht um Arbeitsplätze und nicht um Hotelbetten.“ Dann kümmert er sich wieder um seine Schützlinge. Damit der Krieg immer öfter draußen bleibt.