Kreis Germersheim
Flüchtlinge erleben viel Nächstenliebe, aber auch Betrug
Seit Tagen ist der normalerweise in Budapest lebende Rülzheimer Marco Geiger im ungarisch-ukrainischen Grenzgebiet. Dort hilft er mit anderen Freiwilligen Kriegsflüchtlingen, wovon er hier berichtet: An einem Vormittag erscheint Lászlo Papp, von allen „Laci“ genannt, mit einem Kleinbus vor dem Labor Café. Als Dorfbetreuer verrichtet er soziale Arbeit. Dazu gehört der Transport von Patienten zwischen dem Dorf und dem Krankenhaus in Nyíregyháza. Heute packt er auf dem Weg dorthin gleich noch ein paar Spenden ein – und mich. Am Krankenhaus steigen mehrere Leute zu, die zu Arztbesuchen in der Stadt waren. Es wird zwar eng, aber die Stimmung auf dem Weg nach Panyola bleibt gut.
Laci erklärt mir, dass die Dorfbetreuer jetzt neben ihrer üblichen Arbeit auch noch den Transport von Hilfslieferungen schultern. Hoffentlich bleibt den vielen sehr engagierten Helferinnen und Helfern so lange erhalten, wie sie es brauchen. Mich bedrückt, dass, obwohl seit Kriegsbeginn erst ein paar Tage vergangen sind, alle so wirken, als hätten sie nie etwas anderes getan. Kann/darf das sein? Andererseits muss ich wieder an Hajnalkas Worte denken: Ich könnte diese Tatsache auch positiv deuten. Es haben sich schnell gut aufeinander eingespielte Teams entwickelt, die alle ein zutiefst menschlicher Wunsch vereint: Der Wunsch, zu helfen.
Glück im Unglück
Dass der Krieg aber keineswegs immer nur das Beste aus den Menschen herausholt, davon höre ich etwas später in Panyola. Nach einem Kurzbesuch im Gemeinschaftshaus, das nun als Lager und Verteilzentrum für Hilfsgüter dient, begleite ich István und Klára zur nahen Flüchtlingsunterkunft in einem ehemaligen Schulhaus. Dort ist es gerade wieder etwas ruhiger geworden, nachdem eine größere Gruppe nach Budapest weitergereist ist. Es ist keine Massenunterkunft. Duschen und WCs sind vorhanden. Zwei saubere, freundlich gestaltete Räume bieten jeweils etwa ein Dutzend Betten, nicht nur Matratzen. Ein Glück für die marokkanische Studentin mit gebrochenem Bein. Ungarische Ärzte haben das Bein versorgt; Krücken und Rollstuhl sind vorhanden. Klára versucht sich auf Französisch zu verständigen, aber das scheint die junge Frau nicht besonders gut zu sprechen.
Nach einer Weile werden Klára und István woanders gebraucht. Ich bleibe, nur durch den Google-Übersetzer auf meinem Mobiltelefon unterstützt, mit der Verletzten allein zurück. Die Übersetzungen gelingen mehr schlecht als recht, fast gebe ich auf. Da fällt mir ein, dass ein aus Syrien stammender Freund, der seit über 20 Jahren in Deutschland wohnt, helfen könnte. Ein Anruf genügt. Allerdings fällt auch ihm das Dolmetschen nicht ganz leicht, weil sich das syrische Arabisch von dem in Marokko gesprochenen unterscheidet.
Rangelei um Platz in Zug
Mittels Bildschirmfotos der fragwürdigen automatischen Übersetzungen rekonstruieren wir die Geschichte der Studentin: Sie studierte im ersten Semester die ukrainische Sprache an einer Charkiwer Universität. Als die russischen Angriffe begannen, flüchtete sie mit zusammen mit anderen Studenten. Die Stadt sei zur Hölle geworden. Am Bahnhof sei es geschehen: Sie habe es geschafft, in einen der überfüllten Züge einzusteigen, dann seien sie und andere Mädchen von einer Gruppe Afrikaner geschlagen worden, weil diese die Plätze für sich ergattern wollten. Schließlich sei sie aus dem Zug gestoßen worden. Dabei sei ihr Bein gebrochen, und man habe sie liegenlassen. Glücklicherweise habe sie jemand in den nächsten Zug nach Ungarn gesetzt.
Eine schwer zu verdauende Geschichte. Wenigstens eine positive Erfahrung hatte die Studentin: „Die Ungarn sind die freundlichsten Menschen, einschließlich der Ärzte und der Polizei. Ich habe noch nie solche Menschlichkeit erlebt“, schreibt sie mir in den Übersetzer. Trotz allem knabbere ich noch daran, auch nachdem Mitarbeiter der marokkanischen Botschaft sie abgeholt haben, um sie nach Budapest zu bringen, von wo aus sie nach Marokko fliegen wird.
Anstoßen auf den Frieden
Später treffe ich wieder Klára und István, die mir eine Übernachtungsmöglichkeit in ihrer Schnapsbrennerei angeboten haben. Mit einem Glas ihres Szilvapálinka stoßen wir auf den Frieden an – und sprechen über die, denen er nicht vergönnt ist. Sie berichten, dass die Flüchtlinge, die hier über die Grenze kommen, unterschiedliche Ziele und Bedürfnisse haben. Wer ein Auto und Freunde in Ungarn oder im europäischen Ausland hat, der braucht meistens nur schnelle Unterstützung, etwas zu Essen und Informationen, bevor er weiterreist.
Es gibt auch viele, die zwar zu einer Unterkunft in Ungarn unterwegs sind, aber erst so spät nachts über die Grenze kommen, dass sie nicht mehr die Hunderte Kilometer bis zu den Unterkünften etwa in Budapest, Győr oder Szombathely schaffen. Diese Leute werden zum Gemeinschaftshaus in Panyola geleitet, wo immer Freiwillige aus dem Dorf den nächtlichen Bereitschaftsdienst übernehmen und ihnen einen Übernachtungsplatz zuweisen. Andere Flüchtlinge haben Probleme mit ihren Papieren: Mütter etwa, deren Säuglinge noch keine Reisedokumente besitzen. Die Außenstelle der Fremdenpolizei in Fehérgyármat, etwa vierzehn Kilometer von Panyola, kümmert sich darum. Da sich die Verfahren oft bis spät abends dauern und es dort keine Unterkünfte gibt, melden sich die Dorfbetreuer von dort und bitten um Unterbringung der Betroffenen in Panyola.
Ein Fall von Rassismus
Eine weitere Flüchtlingskategorie bilden ungarischsprachige Romafamilien. Um sie kümmern sich Offizielle und Freiwillige zum Beispiel im nahen Szamosszeg und in Nábrád, wo sie in Schulturnhallen untergebracht werden. Im Zusammenhang mit den Roma erzählen meine Gastgeber von dieser wenig schönen Begebenheit: Eine Person, die eine private Unterkunft angeboten hatte, zog ihr Angebot zurück, als sie sah, dass ihre Gäste nicht die erhofften blonden, blauäugigen Ukrainer waren. Generell aber kümmern sich die Leute in den Dörfern ohne Diskriminierung und mit derselben Aufopferung auch um die Roma.
Leider berichten meine Gastgeber noch von einem weiteren Ereignis, das so gar nicht zu der sonst hier praktizierten Nächstenliebe passt. Die Betroffene, Betti, erzählt Folgendes: Zusammen mit Freunden hat sie zurzeit ungenutzte Räume einer Druckerei in Mátészalka in eine Flüchtlingsunterkunft mit Sanitäranlagen umgebaut. Platz für 14 Personen, denen auch praktische Hilfe angeboten wird: Internetzugang, Fahrten, Übersetzungen. Um das Angebot bekannt zu machen, hat Betti Videos der Unterkunft über Facebook geteilt. Kurz darauf erfährt sie, dass ein geschäftstüchtiger Mensch in der Ukraine mit einer Fälschung ihres Facebook-Profils „Werbung“ für ihre Unterkunft macht – und von den Flüchtlingen 500 Euro für eine angebliche Unterbringung dort verlangt. Aufforderungen an Facebook, das Fake-Profil zu sperren, waren bisher erfolglos.
Info
Spendenkonto: IBAN: HU04 6880 0099 1105 2087 0000 0000; BIC/SWIFT: TAKBHUHB; Empfänger: Tabulaplaza Alapitvany; Verwendungszweck: Hatartalan Josaghi